1989, also vor rund 30 Jahren, bestand mein Arbeitsumfeld als Berufseinsteiger in einem großen deutschen Konzern im Wesentlichen aus Büroarbeitsplätzen mit Großrechnerterminals und analogen Festnetztelefonen, einer Rohrpostanlage zum Versand vor Papierdokumenten innerhalb des Firmengeländes, Papierarchiven zur Ablage von Akten, der guten alten Papierpost für den standortübergreifenden Versand von Briefen und Paketen sowie Telex-, Fax- und Teletexgeräten, wenn’s mal schnell gehen musste.
Das Internet wurde erst ab 1989 schrittweise für kommerzielle Anwendungsfälle nutzbar gemacht und Mobiltelefone funkten seinerzeit noch im analogen B- oder C-Netz -was dem Nutzer das charakteristische „Lagerfeuer-Feeling“ bescherte (wenn das klobige Mobiltelefon denn überhaupt mit dem löchrigen Funknetz verbunden werden konnte).
Seither wurden sowohl unsere Wirtschaft, also auch unsere Gesellschaft durch die fortschreitende Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung bereits spürbar verändert – vieles ist schneller, lauter, bunter und flexibler geworden und ohne Smartphones und Rund-um-die-Uhr-Erreichbarkeit geht im globalen Wettbewerb der Unternehmen und Volkswirtschaften fast nichts mehr. Dieser Veränderungsprozess gewinnt derzeit weiter an Fahrt z. B. durch Schlüsseltechnologien, wie das Internet of Things, Künstliche Intelligenz, Virtuelle Realität (Virtual Reality), Erweiterte Realität (Augmented Reality), Roboter, Dronen, Blockchains oder 3D-Printing (siehe: http://www.pwc.com/gx/en/issues/technology/tech-breakthroughs-megatrend.html).
Nachfolgend möchte ich anhand einiger generischer Überlegungen und logischer Ableitungen einen Ausblick geben, welche sozioökonomischen Folgen (also Folgen für die Gesellschaft und die Wirtschaft) sich aus diesen Entwicklungen ergeben können bzw. mit einiger Wahrscheinlichkeit ergeben werden. Der Ausblick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll interessierten Lesern eine Grundlage für eigene Überlegungen und weiterführende Diskussionen bieten:
  1. Auswirkung: Aus der Nutzersicht betrachtet verlagern sich sozioökonomische Transaktionen zunehmend von der realen Welt in die digitale Welt. Dieser Effekt ist heute bereits vielfach zu beobachten, z. B. bei Einkäufen, Behördengängen, Weiterbildungsmaßnahmen, Unterhaltung (YouTube, statt Kino) oder sozialen Interaktionen (Facebook, statt Stammtisch), und er wird in den kommenden Jahren weiter an Bedeutung gewinnen.
  2. Auswirkung: Aus der Anbietersicht ermöglichen Digitalisierung und Vernetzung die weltweite Vermarktung von lokalen Ressourcen (z. B. Delikatessen oder Handwerkskunst) oder die weltweite Nutzung von lokalem Expertenwissen. So wird es in Zukunft zweifellos möglich sein, dass ein Herzspezialist von New York aus „online“ schwierige Herzoperationen in Singapur durchführt. Bereits heute können hochspezialisierte Servicetechniker ihr Können und Wissen „remote“ in die Entstörung komplexer Systeme einbringen – und zwar unabhängig von Raum und Zeit. Durch Virtual Reality und Augmented Reality wird sich das Potenzial zum Ausbau dieser Anwendungen deutlich erhöhen.
  3. Auswirkung: Cyber-physikalische Systeme mit leistungsfähigen Sensoren werden in Kombination mit Big Data-Analytics und Künstlicher Intelligenz die Bereitstellung neuer, innovativer Dienstleistungen ermöglichen – vom Smart Home, über das Autonome Fahren bis zum „Remote-Cybersex“.
  4. Auswirkung: Die Bedeutung der „Shared Economy“ also die temporäre Nutzung von Wirtschaftsgütern, wie z. B. Kraftfahrzeuge, Spezialgeräte bzw. -maschinen oder Wohnungen, durch verschiedene Nutzer wird in Abhängigkeit vom Vernetzungsgrad der Wirtschaftsgüter zunehmen. Es wird interessant sein zu beobachten, welche heute noch ganz oder teilweise ungenutzten Ressourcen durch diese Vernetzung für breitere Nutzerkreise zugänglich gemacht werden – und welche sozialen Folgen dies haben wird – man denke z. B. an Auswege aus dem Verkehrsinfarkt oder der Wohnungsnot in vielen großen Ballungsräumen.
  5. Auswirkung: Zwischenhändler, wie z. B. Makler, Banken oder Einzelhändler, werden durch die Blockchain-Technologie an Bedeutung verlieren oder sogar vollständig eliminiert, da die Anbieter eines Produktes oder einer Leistung direkt mit den Käufern/Nutzern dieses Produktes oder diese Leistung in Kontakt treten und rechtsverbindliche Verträge abschließen können. Dadurch ergeben sich dramatische Veränderungen in den Wertschöpfungsketten sowie den anhängigen Werteflüssen zwischen Anbietern und Nutzern. Ganze Branchen (z. B. Taxizentralen) oder Milliardenkonzerne sind mittel- bis langfristig vom Aussterben bedroht.
  6. Auswirkung: Für den Austausch physikalischer Güter (z. B. Waren) wird auch zukünftig eine leistungsfähige und kostengünstige Logistik benötigt und diejenigen Unternehmen bzw. Logistikkonzerne, die in der Lage sind, Güter rund um den Globus am schnellsten, kostengünstigsten und zuverlässigsten von A nach B zu transportieren (einschließlich Sendungsverfolgung in Echtzeit) werden eine zentrale Rolle in der digitalen Ökonomie einnehmen. Wichtig: Der Einsatz von Dronen und Robotern in Lägern bzw. bei der Auslieferung der Güter wird dazu führen, dass diese Firmen (im Vergleich zu heute) zukünftig deutlich weniger menschliche Arbeitskraft benötigen.
  7. Auswirkung: Analog zur Logistik werden auch in anderen sozioökonomischen Bereichen (intelligente) Roboter sukzessive schwere, unangenehme oder arbeitsintensive Tätigkeiten von den Menschen übernehmen – und zwar irgendwann auch in Tätigkeitsfeldern, die zwischenmenschliche Interaktionen erfordern, wie z. B. in der Kranken- oder Altenpflege. Eine der gravierendsten Auswirkungen mit heute kaum absehbaren Folgen könnte die schleichende Kannibalisierung menschlicher Paarbeziehungen durch intelligente Roboter sein. Provokant formuliert: Wer möchte noch anstrengende „Beziehungsarbeit mit einem menschlichen Partner leisten müssen, wenn „Robot Redford“ bzw. „Julia Robots“ (bitte verzeihen Sie das Wortspiel) immer in bester Verfassung und allzeit bereit zu Diensten stehen und einzig und allein das Wohlergehen ihrer Besitzerin bzw. ihres Besitzers im digitalen Sinn haben? Wen es bereits angesichts dieser Vorstellung gruselt, sollte sich vor Augen führen, dass solche Entwicklungen durchaus positive Folgen haben könnten, z. B. im Hinblick auf die Verdrängung von (Zwangs-)Prostitution, Menschenhandel oder Lohndumping.
  8. Auswirkung: Da intelligente Roboter zunehmend menschliche Arbeitskräfte verdrängen, werden viele Menschen (die aufgrund des medizinischen Fortschrittes sowie gesünderer Ernährung bzw. besserer Hygiene ohnehin ein immer höheres Lebensalter erreichen) über kein regelmäßiges Einkommen mehr verfügen und deutlich mehr Freizeit haben. In dieser Entwicklung steckt erheblicher sozialer Sprengstoff, wenn es den Regierungen nicht gelingt, für diese Menschen sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten zu finden. Um zu vermeiden, dass sich diese Menschen radikalen politischen Strömungen zuwenden, bedarf es erheblicher kreativer Anstrengungen. Eine möglichst hochwertige Bildung – und zwar sowohl in Form von Ausbildung im Kindesalter, als auch von lebenslanger Weiterbildung für Erwachsene – ist aus meiner Sicht ein zentrales Element, um die sozialen Folgen dieser Entwicklung in die richtige Richtung zu kanalisieren. Ob Vorschläge, wie das „bedingungslose Grundeinkommen“ ebenfalls einen Beitrag zur Entschärfung der Problematik leisten können, wird man sehen.
  9. Auswirkung: Die zunehmende Leistungsfähigkeit von künstlicher Intelligenz und Big Data Analytics wird zu einer Personalisierung und Individualisierung von (digitalen) Services führen – man denke an Fitness, Gesundheit oder Lifestyle. Die Kehrseite dieser Medaille ist heute bereits zu besichtigen, z. B. bei Kaufentscheidungen oder der politischen Meinungsbildung, die ebenfalls durch diese Entwicklung beeinflusst werden. Wenn ich heute in Google eine Internetrecherche über ein Produkt durchführe, werden mir kurz danach wie von Zauberhand Werbeanzeigen für dieses Produkt in allen möglichen Nachrichtenseiten eingeblendet, um mich permanent in Versuchung zu führen und zum Kauf des Produktes zu bewegen. Das ist allerdings nur der Anfang. Firmen, wie „Cambridge Analytica“ versprechen bereits heute, dass sie anhand einer überschaubaren Anzahl von Parametern aus öffentlich zugänglichen Quellen in der Lage sind, fundierte Rückschlüsse auf den Charakter bzw. die Persönlichkeit eines Menschen zu ziehen, um seine Kaufentscheidungen oder seine politische Willensbildung gezielt zu beeinflussen. Die viel zitierten „Social Bots“ machen nach einer aktuellen Studie von Forschern der Indiana University und der University of Southern California heute bereits bis zu 15 Prozent der Twitter-Accounts aus und sind zukünftig zweifellos in der Lage, die Sozialen Netzwerke und deren Anwender mit manipulativen Botschaften zu überschwemmen.
  10. Auswirkung: Dies führt unmittelbar zu der Frage, wie man man in der digitalen Welt von morgen überhaupt noch in der Lage sein kann, die Wahrheit von der Unwahrheit bzw. die Realität von der Fiktion zu unterscheiden? Als das Internet seine Unschuld noch nicht verloren hatte, bot es zunächst ein ungewohntes Maß an Transparenz: Preise wurden vergleichbar und ermöglichten es den Anwendern, bessere Kaufentscheidungen zu treffen; mündige Bürger wurden in die Lage versetzt, unterschiedlichste (nationale und internationale) Nachrichtenquellen zu nutzen, um sich möglichst ausgewogen zu informieren. Welche Auswirkungen wird es aber haben, wenn man als Kunde bzw. Entscheider in einem Unternehmen, nicht mehr in der Lage ist, die Qualität der angebotenen Informationen zu beurteilen – vor allem, wenn ein Großteil dieser Informationen gezielt verfälscht wird, um die Nutzer zu manipulieren?
  11. Auswirkung: Ähnlich wie der Qualität der angebotenen Informationen im Internet bzw. im Internet of Things kommt dem effektiven Schutz der Identität und Authentizität eines Anwenders, z. B. durch biometrische Verfahren, zukünftige eine zentrale Bedeutung zu. Unser gesamtes Wirtschafts- und Rechtssystem basiert auf der Fähigkeit, Menschen als unverwechselbare Individuen zu erkennen und zu authentifizieren. Wenn Cyberkriminelle oder Geheimdienste (falls man das heutzutage überhaupt noch unterscheiden will) in der Lage sind, in großem Stil Identitätsdiebstahl zu betreiben (und sie sind dazu in der Lage!), dann wird dadurch unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft eine wesentliche Grundlage entzogen. Man kann diesen Gedanken noch beliebig weiterspinnen bis zu George Orwells „1984“ Horrorvision oder noch darüber hinaus.
  12. Auswirkung: Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung haben bereits in der Vergangenheit dazu geführt, dass globale Wertschöpfungsketten einfach und flexibel verändert bzw. verlagert werden konnten – heute Tschechien, morgen Weißrussland, übermorgen Indien. Dadurch konkurrierten plötzlich Arbeiter aus Hochlohnländern der „ersten“ Welt mit Arbeitern aus Niedriglohnländern der „dritten“ Welt – was in den vergangenen Jahrzehnten bereits dazu geführt hat, dass ganze Industriezweige (z. B. Elektronik, Kleidung, Spielzeuge) ihre Produktion von den Hochlohnländern in die Niedriglohnländer verlagerten oder dass die Reallöhne in Deutschland nach der Euro-Einführung dreizehn Jahre lang nicht gestiegen sind. Was aber passiert, wenn sich durch Automatisierung und Roboterisierung die Spielregeln erneut ändern, so dass Lohnkosten nicht mehr der entscheidende Faktor sind? Ein naheliegender Effekt, der ebenfalls heute schon spürbar ist, sind massive Wanderungsbewegungen von armen Ländern in reiche Länder. Als privilegierter Bewohner der „ersten“ Welt mag man dies naserümpfend als „Wirtschaftsmigration“ verunglimpfen – wenn die von mir skizzierte Entwicklung eintritt, dann wird sich das Ausmaß dieser Wanderungsbewegungen von der „dritten“ in die „erste“ Welt – nicht zuletzt befeuert durch die demographischen Entwicklungen in Afrika und Asien – in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vervielfachen.
Die meisten der genannten Auswirkungen sind offensichtlich. Um den Blog nicht zu lang werden zu lassen, bin ich auf mögliche Auswirkungen auf die Versorgung unseres Planeten mit Energie und Nahrung oder auf den Umweltschutz bewusst nicht eingegangen.
Ich würde mich freuen, wenn Sie Ihre Gedanken zu den sozioökonomischen Folgen der Digitalisierung in Form eines Kommentars zu diesem Blog teilen bzw. mir eine Rückmeldung zu meinen Gedanken geben.

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