Am 27.06.2022 habe ich mich meinen LinkedIn-Account unwiderruflich gelöscht. Anfang 2016 hatte ich nach Abschluss eines größeren Auftrags bei ThyssenKrupp in Essen begonnen, Content Marketing auf LinkedIn und XING zu betreiben, um als Freiberufler sichtbar(er) für potenzielle Auftraggeber zu werden und um Erfahrungen mit dem Geschäftsmodell von Social Media-Netzwerken zu sammeln.

Zwischen 2016 und 2022 konnte ich auf LinkedIn ein Netzwerk von rund 25.000 teilweise hochkarätigen Kontakten und „Followern“ aufbauen. Darunter befand sich eine Gruppe von Menschen, die meine geistigen Ergüsse auf LinkedIn kontinuierlich verfolgten, „likten“ und kommentierten. Wenn man so will, hatte ich mich ungewollt zu einem kleinen „Influencer“ entwickelt, der in bescheidenem Rahmen mit seinen Artikeln und Postings zur öffentlichen Meinungsbildung beitrug.

Meine Postings folgten keiner Strategie – schon gar keiner „Personal Branding“-Strategie. Ich postete mehr als sechs Jahre lang querbeet zu Themen, die mich interessierten und von denen ich der Meinung war, dass sie von öffentlichem Interesse waren. Dass ich keine Rücksicht auf die Interessen und Befindlichkeiten meines Netzwerks nahm, sondern mich (auch zu kontroversen Themen) deutlich und in der Regel faktenbasiert positionierte, gefiel offensichtlich vielen meiner Leser, auch wenn Sie nicht immer mit den von mir vertretenen Sichtweisen übereinstimmten.

Wäre ich dem Rat von Social Media- und Personal Branding-Experten gefolgt, mich durch zielgruppenorientierte thematische Spezialisierung inhaltlich stärker zu fokussieren und profilieren, hätte ich die Welle reiten und noch mehr Follower, noch mehr Views, noch mehr Likes und noch mehr Kommentare einheimsen können – aber wozu?

Es gibt verschiedene Gründe, warum ich mich entschieden habe, meinen LinkedIn-Account zu löschen – und in den ersten Tagen „auf Entzug“ dominierten Erleichterung und Befreiung meine Gefühlslage. Warum?

  1. Social Media kostet viel Lebenszeit und Lebensenergie, die wichtigeren Aktivitäten entzogen wird, z. B. der eigenen Gesundheit und Fitness, der Familie und den Freunden sowie anderen sozialen Aktivitäten im „richtigen Leben“, sinnvolle Freizeitaktivitäten, bei denen man etwas lernt oder etwas Gutes tut, um die Welt ein Stückchen besser zu machen. Merke: Das Lebens ist draußen – jenseits des Smartphone-, Computer- oder Fernseh-Displays.
  2. Social Media-Plattformen konditionieren Menschen darauf, mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne kleine Informationsschnipsel zu verarbeiten, statt sich über einen längeren Zeitraum konzentriert, dem Lesen eines Buches, dem Betreiben eines Hobbys oder andere sinnvollen Aktivitäten zu widmen. Das ist vor allem bei jungen Menschen ein Problem, deren Strukturen im Gehirn noch nicht vollständig ausgereift sind.
  3. Das Geschäftsmodell von Social Media-Plattformen ist toxisch und spaltet die Gesellschaft. Social Media-Plattformen erzielen den Löwenanteil ihrer Erlöse damit, gezielt adressatengerechte Werbung in den Newsfeeds ihrer Nutzer einzublenden und zwar solche Werbung, die mit einer überdurchschnittlich hohen Wahrscheinlichkeit dazu führt, dass das beworbene Produkt vom Nutzer konsumiert wird. Man nennt dies Microtargeting. Damit Microtargeting funktioniert, müssen die Social Media-Plattformen natürlich in Erfahrung bringen, wie ihre Nutzer „ticken“. Dies tun sie, indem sie jede Interaktion der Nutzer auf der Plattform aufzeichnen: jedes Posting, jeden Like, jeden Kommentar und sogar jede Mausbewegung bzw. wie lange ein Nutzer mit seiner Maus über einem bestimmten Inhalt verweilt. Je mehr die Nutzer auf der Plattform interagieren, desto mehr Daten können die Algorithmen der Social Media-Plattformen sammeln. Emotionalisierte Nutzer, die sich durch bestimmte Inhalte getriggert fühlen, interagieren besonders stark auf der Plattform – und genau aus diesem Grund bevorzugen die Algorithmen von Social Media-Plattformen emotionalisierende Inhalte, durch die sich möglichst viele Menschen getriggert fühlen. Trashige, polarisierende oder provozierende Postings erhalten infolgedessen deutlich mehr Sichtbarkeit, als sachliche, substanzielle und faktenbasierte Postings. Nicht wenige Nutzer, insbesondere auf Twitter, nutzen die Aufmerksamkeitsökonomie kontinuierlich, um sich selbst Sichtbarkeit und Reichweite zu verschaffen, in dem sie gezielt die Empörungskultur mit kalkulierten Provokationen bedienen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit andere Menschen triggern und emotionalisieren – Hauptsache Randale. Ich habe diesen Effekt unzählige Male beobachten können (und ab und zu auch selbst benutzt) und er leistet einen erheblichen Beitrag zur Spaltung der Gesellschaft, in dem er Menschen gegeneinander aufhetzt. Besonders perfide ist, dass die Social Media-Plattformen dabei auf Mechanismen zugreifen, die sich im Unterbewusstsein ihrer Nutzer abspielen und damit nicht einer bewussten kognitiven Kontrolle unterliegen.
  4. Die adressatengerechte Werbung der Social Media-Plattformen führt zu mehr Konsum, zu höherem Verbrauch von Energie und Ressourcen und zu mehr klima- oder gesundheitsschädlichen Emissionen. Das Microtargeting funktioniert offensichtlich so gut, dass Millionen von Unternehmen weltweit bereit sind, Facebook, Google, Instagram, YouTube oder eben LinkedIn viel Geld in den Rachen zu werfen, um den Konsum ihrer Produkte und Services zu pushen. Abgesehen davon verbraucht natürlich auch die Infrastruktur der Social Media-Plattformen mit ihren gigantischen Rechenzentren, Datenspeichern, Datenleitungen und Workplaces jede Menge Energie. Es ist geradezu lächerlich, dass der Energieverbrauch des Bitcoin in Social Media-Netzwerken regelmäßig angeprangert wird, während der viel höheren Energieverbrauch von Social Media-Netzwerken weitgehend unerwähnt bleibt.
  5. Social Media-Plattformen wecken das Schlechte im Menschen und machen ihre Nutzer unglücklich. Die beschriebenen Triggereffekte führen zu unerquicklichen Kommentarschlachten, in denen sich Befürworter und Gegner z. B. von Flüchtlingspolitik, Euro, Corona-Maßnahmen, Kernkraft, Windkraft, Elektromobilität, Tempo 100 auf Autobahnen, veganer Ernährung, Gendersprache oder Waffenlieferungen an die Ukraine gegenseitig an die Gurgel gehen. Niemand lässt sich gerne in der Öffentlichkeit vorführen oder bloßstellen. Aber genau das passiert Hunderttausendfach jeden Tag in Social Media-Netzwerken. In Ermangelung stichhaltiger inhaltlicher Argumente, agitieren viele Nutzer auf übelste Weise auf den unteren Ebenen von „Graham’s Hierarchy of Disagreement“ und versuchen, ihre Diskussionspartner zu diskreditieren oder deren Argumente durch geschickten Framing in ein schlechtes Licht zu rücken. Auf LinkedIn habe ich zuletzt Nutzer konsequent geblockt, die sich solch erbärmlicher Methoden bedienten.
  6. Abgesehen davon erwecken Social Media-Postings einen völlig falschen Eindruck von der Realität. Die Welt besteht weder überwiegend aus Schönen, Reichen, Intelligenten, Berühmten und Influencern, bei denen alles zu Gold wird, was sie anfassen, noch aus ideologisierten Krawallschachteln, die versuchen, mit aggressivem Diskussionsverhalten im Interesse ihrer „Sache“ Andersdenkende platt zu machen. Menschen präsentieren auf Social Media-Plattformen primär ihre Schokoladenseiten und nur in Ausnahmefällen ihre Schattenseiten. Wer dies als Maßstab nimmt, um sich und sein eigenes Leben zu beurteilen, kann ernsthaft krank werden – das ist durch viele Studien wissenschaftlich erwiesen – und erneut sind vor allem Kinder, die noch nicht über einen gefestigten Orientierungsrahmen verfügen, dafür besonders anfällig.
  7. Social Media-Plattformen verleihen Menschen Sichtbarkeit und Reichweite, die sich – gefragt oder ungefragt – zu allen möglichen Themen äußern, ohne dafür die notwendige Expertise (Kompetenz, Erfahrung) zu besitzen. Diese Menschen scheinen sich in der Regel nicht bewusst zu sein, was sie mit ihrer faktenbefreiten, narzisstischen Meinungsmache im Interesse der eigenen Quote oder Like-Zahlen anrichten. Schauen Sie sich einfach mal die Social Media-Profile von bekannten Influencern an und fragen Sie sich, ob dort nicht ziemlich viel Meinung in Relation zu ziemlich wenig Ahnung verbreitet wird – nicht selten gepaart mit einer bestimmten ideologischen Grundausrichtung, die anderen Menschen vorschreiben will, was sie zu denken, zu sagen oder zu tun haben. Man kann das auch als staatsfixierte Bevormundungsideologie bezeichnen. Der Zeitgeist lässt freundlich grüßen und ist sich leider nicht bewusst, wie sehr er dem intoleranten Zeitgeist aus den dunkelsten Kapiteln deutscher Geschichte ähnelt.

Ich war in Bezug auf Social Media immer ein „early Adopter“. Kurz nach der Gründung von Facebook, Google, Twitter, Amazon, Ebay, Instagram, YouTube und LinkedIn, habe ich mich dort registriert und die Services jahrelang zum Teil intensiv genutzt. Meine Accounts bei Facebook, Instagram und WhatsApp habe ich bereits vor zwei Jahren gelöscht. Aus LinkedIn habe ich mich nun zurückgezogen. Zu Google, Amazon und YouTube gibt es leider keine wirklich wettbewerbsfähigen Alternativen. In Anbetracht der beschriebenen Nachteile, sollte die EU prüfen, ob man Monopolisten eine solche Marktmacht zugestehen kann und will.

Wenn das erste, was sie morgen nach dem Aufwachen und das letzte, was Sie abends vor dem Einschlafen tun, der Griff zu Ihrem Smartphone ist, um nachzuschauen, was in Social Media-Netzwerken gepostet wurde und ob jemand auf ihre Social Media-Aktivitäten reagiert hat, dann haben die Social Media-Plattformen Sie im Griff. Social Media-Sucht ist genauso eine Sucht, wie die nach Zigaretten, Alkohol, Drogen, Konsum oder Arbeit/Erfolg. Und wer süchtig ist, sollte versuchen, sich aus der Umklammerung der Sucht zu befreien, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

P.S.: Bei meinen „Followern“, die meine Postings regelmäßig verfolgt, sachlich kommentiert, gelikt und beachtet haben, möchte ich mich ausdrücklich bedanken. Einige von ihnen habe ich auch im „richtigen Leben“ kennenlernen dürfen und sie sind (neben einigen Denkanstößen durch Postings anderer Nutzer) der wesentliche Grund, warum ich die sechs Jahre auf LinkedIn nicht als komplette Verschwendung von Lebenszeit und -energie betrachte.

Ergänzende Lektüre:

▶︎ „Es war einmal … das Internet“ vom 29.12.2020: https://t1p.de/lrue

▶︎ „Kontrolle über Daten ist Kontrolle über Menschen“ vom 14.01.2021: https://t1p.de/bth0

▶︎ „Ihr digitaler Fußabdruck und Ihre Sicherheit im Internet“ vom 06.01.2021: https://t1p.de/w529

▶︎ „Why our laws can’t protect me from my digital stalker“ published on January 9, 2021: https://t1p.de/7h17

▶︎ „George Orwells 1984 war eine Warnung und keine Bedienungsanleitung“ vom 13.01.2020: https://t1p.de/fn97 (automatic English translation: https://t1p.de/ulx5 )

▶︎ „Die sozio-ökonomischen Folgen der Digitalisierung“ vom 14.03.2017: https://t1p.de/tr7b (English: https://t1p.de/yump )

▶︎ „Digitale Geschäftsmodelle und Plattformökonomie“ vom 06.09.2017: https://t1p.de/2qlr (English: https://t1p.de/m36g )

▶︎ „Algorithmen, digitale Plattformen und andere unbekannte Wesen“ vom 11.01.2021: https://t1p.de/6dbw

▶︎ „Warum uns Werbung und soziale Medien unglücklich machen“ vom 06.01.2021: https://t1p.de/d9xx

▶︎ „Der Einfluss sozialer Medien auf die Spaltung der Gesellschaft“ vom 13.09.2018: https://t1p.de/hmvr

3 Kommentare zu „Fuck Social Media

  1. Alleine durch wegbringen der App vom HomeScreeen habe ich die Nutzung drastisch reduzieren können – und es stimmt alles was hier angeführt wird – daher werde ich auch bald das Account löschen oder gar nicht mehr benutzen und als „Ghost“ Account einfach so dahin laufen lassen.

    Viele Grüße aus Kärnten / Österreich

    Miro

  2. Servus Kurt,

    Also ich vor etwas mehr als etwa 3,5 Jahren nach der Uni im Job tätig war und dort alle LinkedIn nutzten, meldete ich mich dort auch an und stieß relativ schnell auf dich.

    Ich halte grundsätzlich gar nichts von der Plattform (bin auch in keinem anderen SM aktiv, da ich mich schnell bei sowas verliere) und hatte LI neben den Recruitern eigentlich nur wegen deinen Postings offen.

    Mehrmals wollte ich dich schon um Karrieretipps fragen oder dir schon ganz lautstark Danke sagen für all die Paradigmenwechsel, die du bei mir geinfluenct hast;) Es ist super komisch, dass du mir so vertraut bist und wir uns doch gar nicht kennen.

    Was ich beruflich will oder mir inzwischen wichtig ist, weiß ich schon deutlich besser, aber das FETTE DANKE wollte ich noch unbedingt an dich loswerden!:)

    Deinen Dinoblog habe ich übrigens auch abonniert :p Würde mich freuen wenn du hierüber zumindest das ein oder andere Mal etwas losschießt.

    Ganz liebe Grüße aus Frankfurt, Hakan Öztekin

  3. Toller Artikel. Ich muss ehrlich sagen, dass ich einige Social Media Portale gar nicht kapiere oder mir die Zeit nicht nehmen will oder kann es zu verstehen. Ganz oben der merkwürdigen Portale sind Reddit, Discord, Printerest. Übel ist Facebook mit seiner offensichtlich menschenverachtenden Gesinnung. Ganz gut dagegen finde ich Instagram. Top ist natürlich WordPress. Unter der Gürtellinie ist immer Twitter.

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