Es war eine unruhige Zeit, damals im Jahre 1921. Geldentwertung, Teuerung, Hunger, Aufstände, Streiks … Die Staatsmaschine der jungen Weimarer Republik lief stockend, unter Knarren und Ächzen. Nur der Apparat der Justiz lief auf Hochtouren. Für ihn hatten Krieg und Revolution eine noch nie da gewesene Hochkonjunktur herbeigeführt.

Der Krieg hatte nicht nur Millionen Menschen verschlungen oder zu Krüppeln gemacht, er hatte auch die Seelen verwundet, manche völlig entstellt und verheert. Die Zahl der Verbrechen stieg ins ungeheure. Hunderttausende, die aus dem Kriege heimgekehrt waren, fanden nicht wieder zurück in ein geordnetes Leben. Hunderttausende fanden keine Arbeit und konnten sich nicht wieder an geregelte Arbeit gewöhnen. Riesig war die Zahl derer, die aus Haltlosigkeit oder auch aus Not das Gesetz brachen.

Mal ein Frauenkopf, mal ein weiblicher Torso, ein Bein, ein Arm – fast täglich musste die Berliner Polizei im Frühjahr 1921 aus dem Engelbecken oder dem Luisenstädtischen Kanal abgetrennte Körperteile bergen. Fundort war Friedrichshain, eines der ärmsten Viertel der vier Millionen Einwohner zählenden Stadt.

Für die Mitarbeiter der Gerichtsmedizin begann daraufhin eine grauenvolle Puzzle-Arbeit: In Metallwannen fügten die Männer zusammen, was zuvor getrennt worden war. Am Ende zählten sie 23 Leichen und die Ermittler der Polizeistation am Alexanderplatz wussten, dass sie es erneut mit einem Massenmörder zu tun hatten.

Mord, Totschlag, Raub, Einbruch, Betrug – und als irre Begleitmusik immer wieder Krawalle von rechts oder von links, Tote auf den Straßen, Kommunisten oder Nationalisten: Die Zwischenkriegsjahre, die Zeit der Weimarer Republik, waren für Berlin die Hochphase von Verbrechen und Kriminalität.

In der Großstadt trafen zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein konnten: In den engen, feuchten Wohnungen der Hinterhöfe drängten sich kinderreiche Familien, während die Metropole gleichzeitig für ein glamouröses Nachtleben bekannt war: Frauen mit schmalen Körpern in glänzenden Kleidern, Männer mit Frisiercreme im elegant gekämmten Haar, Sektkelche in der Hand, Zigarrenqualm in der Luft. Kokain war das Elixier der Nacht. Historiker sprechen heute von den wildesten Jahren der Stadt.

Auf der Suche nach Arbeit und einer hoffnungsfrohen Zukunft kamen jeden Tag neue Menschen nach Berlin – nicht wenige reisten in ihr Verderben. Ankunftsort war häufig der Schlesische Bahnhof, heute Ostbahnhof. Junge Frauen aus der Provinz hofften auf eine Anstellung als Dienstmädchen in einem vornehmen Haushalt, weiße Schürze und Haube inklusive. Doch für hilf- und ahnungslose Landpomeranzen interessierte sich auch der Hausierer und Metzger Carl Großmann. Der Serienmörder mit den kalten, tiefliegenden Augen war damals schon fast 60 Jahre alt. Er „schnackt sie mit“, wie es damals hieß, lockte sie in seine Wohnung. Seine Polizeiakte beschrieb ihn als perversen Lustmörder.

Die Kriminalpolizei Berlins hatte es gleich zu Anfang der Weimarer Republik mit zwei Serienmördern zu tun. Neben Großmann war das ein Kriegsheimkehrer, der sich im idyllischen Spandauer Forst, am Ufer des Falkenhagener Sees, herumtrieb. Friedrich Schumann tötete scheinbar wahllos Menschen – Spaziergänger, Liebespaare, Anwohner. Frauen vergewaltigte er zunächst, bevor er sie mit seiner Pistole erschoß. Jahrelang konnte er nicht gefasst werden, verschwand wie ein Phantom und ließ die Leichen im Unterholz zurück. Am Falkenhagener See ging die Angst um, erste Anwohner verkauften ihre Häuser. Schumann wurde am 20. August 1919 in der Arztpraxis von Georg Tepling in Spandau verhaftet und von Dr. Dr. Erich Frey verteidigt. Der Prozess gegen Schumann fand vom 5. bis 13. Juli 1920 vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts III in Berlin-Moabit unter Vorsitz des Landgerichtsdirektors Georg Pioletti statt. Die Berliner Zeitungen bezeichneten Schumann als noch „kaum jemals in der Strafrechtsgeschichte da gewesenen Fall“.

Dieser Blog erzählt die Geschichte des zweiten Serienmörders in den Anfängen der Weimarer Republik, Carl Großmann, welcher als der Serienmörder mit den meisten Opfern in Deutschland gilt, der für seine Taten nicht verurteilt wurde, des schwergewichtigen Mordkommissars Ernst Gennat, der das Kriminalwesen in Deutschland revolutionierte, und des Staranwalts der Weimarer Republik Dr. Dr. Erich Frey, der mit seinem strengen Blick durch sein Monokel Staatsanwälte im Nachkriegs-Berlin einschüchterte und sensationelle Erfolge als Strafverteidiger feierte. Das Schicksal führte diese drei Männer im Nachkriegs-Berlin des Jahres 1921 zusammen.

Carl Friedrich Wilhelm Großmann (* 13. Dezember 1863 in Neuruppin; † 5. Juli 1922 in Berlin) war eines von acht Kindern des Lumpensammlers Großmann in Neuruppin. Er war ab 1876 Lehrling in der Fleischerei Ferdinand Kliefoth. Großmann fiel bereits früh durch blutrünstigen Gedanken und Äußerungen und sexuelle Annäherung an fremde Frauen auf. Von 1880 bis 1895 lebte er im 60 km entfernten Berlin. Seine erste Arbeitsstelle war die Fleischerei Naujocks nahe dem Alexanderplatz.

Später zog er als Bettler, Hausierer und Kleinkrimineller durch Süddeutschland. Er machte sich mehrfach strafbar, u. a. wegen Hausfriedensbruch, Körperverletzung und Sexualdelikten, unter anderem dem Missbrauch ein zehn- und eines vierjährigen Mädchens, und verbüßte mehrere Gefängnisstrafen. Zuletzt wurde er am 4. Oktober 1899 in Bayreuth wegen Sittlichkeitsverbrechen zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Aus der Haft entlassen kehrte Großmann 1913 nach Berlin zurück, wo er schließlich eine Wohnküche im Haus Lange Straße 88/89 bezog.

Die Polizei fasste Großmann am 21. August 1921 in seinem Haus neben seinem letzten Opfer Marie Nitsche auf frischer Tat. Großmann gestand drei Morde, die geschätzte Anzahl der von ihm begangenen Morde liegt jedoch deutlich höher: zwischen 23 weiteren ungeklärten Mordfällen beziehungsweise 100 verschwundenen Personen im Raum Berlin. Er gilt als der Serienmörder mit den vermutlich meisten Opfern in Deutschland, der für diese Taten nicht verurteilt wurde.

Es gibt Vermutungen, nach welchen Großmann seine Opfer zu Wurst- und Dosenfleisch verarbeitet habe, da er am Schlesischen Bahnhof einen Wurststand besaß. Ebenso wird spekuliert, er habe Teile seiner Opfer selbst verspeist. Diese Vermutungen konnten jedoch nie nachgewiesen werden.

Der 58-jährige Großmann tötete sich am 5. Juli 1922 vor dem Ende der Hauptverhandlung, die u. a. vom Untersuchungsrichter Walter Böhmert geführt wurde, in seiner Zelle selbst. Er hatte sich aus seinem Bettzeug einen Strick gedreht und sich an einem Nagel seiner Zellentür erhängt.

Weiterführende Informationen zur Geschichte des Serienmörders Carl Großmann können Sie in den folgenden Artikeln nachlesen:

▶︎ „Die großen Kriminalfälle – Carl Großmann, Menschenschlächter aus Berlin“: https://www.erichs-kriminalarchiv.de/die-grossen-kriminalfaelle/die-grossen-kriminalfaelle-17-fall-1921.html

▶︎ „Berlin, Hauptstadt der Verbrechen“ vom 16.10.2017: https://www.spiegel.de/geschichte/serienmorde-in-berlin-die-grausamen-verbrechen-der-weimarer-republik-a-1172249.html

▶︎ WIKIPEDIA-Artikel zu Carl Großmann: https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Gro%C3%9Fmann

Ernst August Ferdinand Gennat (* 1. Januar1880 in Plötzensee; † 21. August 1939 in Berlin) war ein Beamter der Berliner Kriminalpolizei. Mehr als 30 Jahre lang arbeitete er unter drei politischen Systemen als einer der begabtesten und erfolgreichsten Kriminalisten Deutschlands. Schon zu Lebzeiten Legende und Original gleichermaßen, entsprach er nicht dem klassischen Klischee des engstirnigen preußischen Beamten.

In der Zeit der Weimarer Republik (1919–1933) bildete die Kriminalpolizei den Kern der Abteilung IV des Berliner Polizeipräsidiums. Sie war in örtliche und in Fach-Inspektionen aufgegliedert. Als Gennat 1904 zur Kriminalpolizei kam, gab es noch keine Mordkommission im eigentlichen Sinne. Erst am 25. August 1902 war ein so genannter „Mordbereitschaftsdienst“ innerhalb der Kriminalpolizei eingerichtet worden, damit zu jeder Tages- und Nachtzeit sofort Beamte an den Tatort geschickt werden konnten. Bis dahin hatte die Leitung der Kriminalpolizei immer erst im Bedarfsfall damit begonnen, geeignete Ermittler zu finden, sodass es mitunter Stunden dauerte, bis die Beamten am Tatort eintrafen.

Erst durch Gennats Bemühungen wurde aus dem Mordbereitschaftsdienst eine organisatorisch fest eingerichtete „Zentrale Mordinspektion“ in der Inspektion A, die am 1. Januar 1926 offiziell ihre Arbeit aufnahm und deren Leitung er übernahm. Erst aus diesem Anlass wurde er 1925, mit 45 Jahren, zum Kriminalpolizeirat befördert. Seine für einen preußischen Beamten ungewöhnlich demokratische Grundeinstellung und seine Bereitschaft, an Missständen unverblümt Kritik zu üben, hatten sich trotz seiner unbestreitbaren Erfolge hinderlich auf seine Karriere ausgewirkt.

Die Zentrale Mordinspektion der Berliner Kriminalpolizei fand in der Folge weltweit Beachtung, Anerkennung und Nachahmung. Als Chef seiner neuen Inspektion koordinierte Gennat nicht nur die Mordkommissionen, sondern hatte die Kontrolle über alle Morduntersuchungen inne und suchte selbst die fähigsten Kriminalisten aus.

Im Jahre 1931 konnte die Zentrale Mordinspektion von 114 begangenen Tötungsdelikten 108, d. h. 94,7 % aufklären (zum Vergleich: Die Aufklärungsrate für Morde liegt heute zwischen 85 und 95 %). Das Raubdezernat erreichte 1931 im Vergleich dazu nur eine Quote von 52 Prozent. Gennat selbst gelang während seiner 33-jährigen Tätigkeit im Polizeidienst die Aufklärung von 298 Morden.

Aufbauend auf der von Hans Gross begründeten wissenschaftlichen Kriminalistik erkannte Ernst Gennat als einer der ersten die Wichtigkeit einer genauen Spurensicherung am Tatort. Vor seiner Zeit war es keineswegs ungewöhnlich gewesen, dass die zuerst eintreffenden Schutzmänner am Tatort erst einmal „Ordnung schafften“ oder die Leiche pietätvoll hinbetteten. Gennat legte genaue Richtlinien für das Vorgehen am Tatort fest und setzte als unverbrüchliches Prinzip durch, dass vor dem Eintreffen der Ermittler nichts angefasst oder verändert werden durfte.

Um eine gründliche und schnelle Ermittlungsarbeit zu ermöglichen, ließ Gennat nach eigenen Plänen von der Daimler-Benz AG einen sogenannten Mordbereitschaftswagen, umgangssprachlich „Mordauto“ genannt, anfertigen, einen mit Büro- und Kriminaltechnik ausgestatteten Personenkraftwagen (auf Basis der Benz-Limousine 16/50 PS). Bei Bedarf konnte das Mordauto in ein behelfsmäßiges Büro umfunktioniert werden. Eine Schreibmaschine (mit Stenotypistin) gehörte ebenso zum Inventar wie ein Klapptisch und Klappstühle, damit auch im Freien gearbeitet werden konnte, sowie zwei im Inneren des Wagens angebrachte, versenkbare Tische.

Zu Weltruhm gelangte auch die von Gennat geschaffene „Zentralkartei für Mordsachen“ oder „Todesermittlungskartei“, die jahrzehntelang von dem Kriminalbeamten Otto Knauf betreut wurde. In ihr wurden systematisch alle bekannt gewordenen gewaltsamen Todesfälle, nicht nur aus Berlin, dokumentiert. Keine andere Polizeibehörde besaß bis 1945 eine derart umfangreiche Sammlung von Fallbeschreibungen wie die Zentrale Mordinspektion.

In kürzester Zeit konnten so länger zurückliegende Fälle rekonstruiert werden, um mögliche Verbindungen in der Tatausführung erkennbar werden zu lassen. Als Quellenmaterial dienten neben Originalakten auch Presseberichte und Fahndungsplakate. Ernst Gennat ließ sich auch Ermittlungsakten anderer Polizeidienststellen mit der Bitte um „Einsichtnahme“ zukommen – und gelegentlich „vergaß“ er dann, sie zurückzugeben.

Die systematisch aufgebaute Kartei umfasste nicht nur Kapitalverbrechen (Mord, Totschlag, schwerer Raub), sondern enthielt auch die Rubriken „Indirekter oder kalter Mord“ (Suizide aufgrund übler Nachrede oder falscher Anschuldigungen), „Existenzvernichtungen durch arglistige Täuschung“ (Suizide, die durch Betrüger, Hochstapler, obskure Hellseher oder Heiratsschwindler ausgelöst wurden) und „Existenzvernichtung durch Erpressung“. Gennat vertrat die Auffassung, dass auch die Verleitung zum Suizid unter Strafe gestellt werden müsste. Einige Stücke aus dem Gennatschen Archiv gingen in den Bestand der Polizeihistorischen Sammlung Berlin über.

Neben den Fortschritten in der Organisation und Ermittlungstechnik waren es nicht zuletzt Gennats persönliche Eigenschaften, die ihn so erfolgreich machten. Gerühmt wurden vor allem seine Hartnäckigkeit und Ausdauer, sein phänomenales Gedächtnis und ein enormes psychologisches Einfühlungsvermögen, das ihn befähigte, „Profiling“ schon vierzig Jahre vor der Erfindung des Begriffs zu betreiben. Gewaltanwendung bei Vernehmungen und (polizeirechtlichen) Befragungen lehnte er ab. Seine Mitarbeiter mahnte er eindringlich: „Wer mir einen Beschuldigten anfaßt, fliegt! Unsere Waffen sind Gehirn und Nerven!“ Darüber hinaus prägte Gennat in seinem 1930 erschienenen Aufsatz „Die Düsseldorfer Sexualverbrechen“ den Begriff „Serienmörder“.

In vieler Hinsicht erscheint Gennat überraschend modern: Er betonte die Wichtigkeit der Prävention gegenüber der Aufklärung von Verbrechen und war sich der Wirkung von Kapitalverbrechen auf die Öffentlichkeit und der meinungsbildenden Rolle der Presse bewusst, die er für die Ermittlungsarbeit fruchtbar zu machen suchte.

Neben seinem trockenen Berliner Humor und den vielen Anekdoten und Bonmots, die von ihm erzählt wurden, trug Gennats auffallende Körperfülle (er wog geschätzte 135 kg) nicht wenig dazu bei, den „Dicken von der Mordkommission“ zum bekannten Original werden zu lassen. Er verdankte sie seinem enormen Appetit, vor allem seiner Leidenschaft für (Stachelbeer-)Kuchen. Nicht ohne Grund trug seine Sekretärin Gertrud Steiner den Spitznamen „Bockwurst-Trudchen“.

Hinter seinem Rücken wurde Gennat von seinen Kollegen freundlich oder hämisch „Buddha der Kriminalisten“ oder „Der volle Ernst“ genannt. Bei der Gegenseite wurde er oft als „Der Dicke vom Alexanderplatz“ bezeichnet, weil sich seine Dienststelle dort befand. Diese Spitznamen spielten auf seine imposante Körperfülle an.

In den letzten Jahren zog sich Gennat aus der Tatortarbeit zurück. Als Chef der Kriminalgruppe M war er ab 1935 auch für die Inspektionen „Sittlichkeitsdelikte“ und „weibliche Kriminalpolizei“ zuständig. Man beförderte ihn, obwohl er der NSDAP fernstand, zum Regierungs- und Kriminalrat, wohl weil man auf seine Erfahrung nicht verzichten wollte. Ermittlungen führte er zuletzt nur vom Schreibtisch aus, mehr ließ der schwere Körper nicht zu. Am 20. August 1939 starb Gennat nach schwerer Krankheit an einem Schlaganfall, dem Sarg folgten auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof 2000 Menschen.

Bereits zu Gennats Lebzeiten setzte ihm 1931 der Regisseur Fritz Lang ein Denkmal in seinem Film „M“, in dem der Kriminalkommissar Karl Lohmann Ernst Gennat nachgebildet war. Auch in den Gereon-Rath-Krimis von Volker Kutscher, die unter dem Titel „Babylon Berlin“ verfilmt wurden, spielt Gennat eine prominente Rolle. 

Weiterführende Informationen zur Geschichte von Ernst Gennat können Sie in folgenden Artikeln nachlesen:

▶︎ Sehr umfangreicher und gut recherchierter WIKIPEDIA-Artikel nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Gennat.

▶︎ „Modernisierer der Mordkommissionen“ vom 20.08.2004: https://web.archive.org/web/20040927131002/http://www.dradio.de/dlr/sendungen/merkmal/295627/

▶︎ „Tatort Berlin: Ernst Gennat – Der Mordinspektor vom Alex“ vom 21.10.2013: https://archive.vn/20131021225549/http://www.rbb-online.de/doku/s-t/tatort-berlin-ernst-gennat.html

Erich Maximilian Frey (* 16. Oktober 1882 in Breslau; † 30. März 1964 in Santiago de Chile) war ein deutscher Rechtsanwalt und Dramatiker. Frey studierte Rechtswissenschaften an der Universität Heidelberg und ließ sich 1911 in Berlin als Rechtsanwalt nieder.

Ab 1920 bis zu seiner Emigration 1933 trat er in zahlreichen so genannten Sensationsprozessen auf. So erwirkte Frey 1928 für den wegen seiner Beteiligung an der Steglitzer Schülertragödie angeklagten Primaner Paul Krantz einen Freispruch. Außerdem verteidigte er die Serienmörder Carl Großmann und Friedrich Schumann.

Entgegen allen Erwartungen erwirkte er eine erstaunlich niedrige Strafe von einem Monat Gefängnis mit Bewährung für Deutschlands erste Nackttänzerin Lola Bach. Der wegen Körperverletzung angeklagten Leitung des Ringvereins „Immertreu“ verhalf er zu Freispruch und geringen Gefängnisstrafen.

Dr. Dr. Erich Frey betrieb seine Kanzlei am Potsdamer Platz im Haus Bellevuestraße 21/22 direkt über dem Café Josty. Dank sprudelnder Honorare stattete er die Räumlichkeiten luxuriös aus, mit Smyrna-Teppichen, „in denen der Fuß des Besuchers versank, zahlreiche hübsche Sekretärinnen, die in meiner Kanzlei ihr geschäftiges Unwesen treiben“. Empfangen werden Freys Mandanten durch einen „Boy“ in lichtgrüner Livree mit gesticktem „F“ für „Frey“.

Frey gehörte zu den bekanntesten Anwälten Berlins. Das Markenzeichen des schillernden Strafverteidigers war sein Monokel. Im Gerichtssaal nutzte er es wie ein Theaterrequisit, zog erstaunt die Augenbrauen und ließ das randlose Einglas geschickt in seine Hand fallen, um es dann wieder grimmig vor sein Auge zu klemmen. Obwohl Zeitgenossen mutmaßten, Frey leide unter gar keiner Sehschwäche, verfing die Masche.

Frey war ein Lebemann mit exquisitem Geschmack. Großkarierte Mäntel, Pelzkragen, Lackschuhe; der Staranwalt zog gern die Blicke der Berliner auf sich. Der Medienliebling genoss seinen Ruhm, arbeitete allerdings auch hart dafür, wie er schrieb. Er sei besessen gewesen vom Kriminalgericht Moabit, es sei zum „Schauplatz und Inbegriff“ seines Denkens geworden.

Wegen seiner jüdischen Abstammung floh Frey 1933 erst nach Paris, 1939 dann nach Chile. Dort lebte er bis zu seinem Tod. 1959 verfasste er seine mehrfach erfolgreich aufgelegte Autobiografie „Ich beantrage Freispruch.“

In dieser Autobiografie schrieb Dr. Dr. Erich Frey zum Fall „Carl Großmann“:

„So beredt auch die Reste von 23 Frauen gegen ihn sprachen, die man im Laufe der letzten Monate aus dem Luisenstädtischen Kanal geborgen hatte – es führte keine nachweisbare Spur von ihnen zu Großmann. Von den zahllosen Wirtschafterinnen, deren Namen man nach und nach aus Großmann herausgelockt hatte, blieben sieben trotz rastloser Nachforschungen unauffindbar. Auch hier deutete alles auf Großmann. „Aber beweisen könnse ma nischt!“ triumphierte er.

Zehn Monate arbeitete die Mordkommission Werneburg verbissen an der Aufklärung der restlichen Fälle. Aber die Staatsanwaltschaft begann jetzt energisch auf Abschluss der Ermittlungen zu drängen. Sie hatte es eilig mit dem Prozess. Drei Morde reichten doch aus, um gegen Großmann die Todesstrafe zu beantragen. Die Polizei protestierte: Erst müssten alle Verdachtsfälle geklärt werden. Es kam zu einem scharfen Kampf zwischen Alexanderplatz und Moabit. Im Laufe dieses Streits lernte ich einen der interessantesten Männer kennen, die je in Deutschland Verbrechen verfolgt haben: Kriminalrat Ernst Gennat.

Damals hatte Gennat gerade das Mord-Dezernat übernommen. Er bat mich dringend, ihn zu besuchen. Er war eine imposante Erscheinung. Schon damals wog er über 200 Pfund, in den Jahren unserer Bekanntschaft sollte sein Gewicht auf 270 ansteigen. Schamhaft schob er einen großen Teller mit Kuchen in die Schreibtischlade, als ich eintrat. Er war ein leidenschaftlicher Kuchenesser, gab es aber nicht gern zu.

„Im Fall Großmann liegen die Interessen von Kriminalpolizei und Verteidigung ausnahmsweise mal auf der gleichen Linie“, sagte mir Gennat. „Jetzt soll ihm wegen der kümmerlichen drei Morde der Prozess gemacht werden. Hauptsache Kopp ab, er hat ja nur einen. Ich möchte mal wissen, wo die Herren von der Staatsanwaltschaft ihren Kopp haben. 23 Morde bleiben ungeklärt! Dreiundzwanzig Mal die Chance, dass Unschuldige in Verdacht geraten.“

Weiterführende Informationen zur Geschichte von Dr. Dr. Ernst Frey können Sie in folgenden Artikeln nachlesen:

▶︎ „Staranwalt Erich Frey: Der Dandy und seine schweren Jungs“ vom 01.10.2018: https://www.spiegel.de/fotostrecke/erich-frey-der-staranwalt-der-weimarer-republik-fotostrecke-163992-amp.html

▶︎ „Renzension von „Ich beantrage Freispruch“ – Lite­ratur ist das nicht“ vom 09.03.2019: https://www.lto.de/recht/feuilleton/f/rezension-erich-frey-erinnerungen-ich-beantrage-freispruch/

▶︎ WIKIPEDIA-Artikel zu Erich Frey: https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Frey

Vielleicht fragen Sie sich, warum ich zwei Stunden meines Lebens damit verbracht habe, die Geschichte dieser drei außergewöhnlichen Männer aufzuschreiben die das Schicksal und der Zufall im Berlin des Jahres 1921 zusammengeführt haben.

Nun, zunächst interessieren mich Menschen mit ihren Persönlichkeiten und Lebenswegen. Dies beinhaltet auch die Abgründe, in die Menschen sich durch prägende Erfahrungen, unglückliche Umstände und eigene Fehlentscheidungen bewegen können.

Ferner fasziniert mich immer wieder, dass viele nach unserem heutigen Verständnis vermeintlich einzigartige Ereignisse, wie Wirtschafts-, Finanz- und Währungskrisen, Pandemien, Sensationslust von Medien oder spektakuläre Kriminalfälle, gar nicht so neu und einzigartig sind, wie wir glauben. Die Geschichte wiederholt sich öfter, als wir denken bzw. als uns lieb sein sollte.

Ein Beispiel: Es gibt gute Gründe, warum man behutsam mit Nazi-Vergleichen umgehen sollte, denn was sich im sogenannten „Dritten Reich“ in Deutschland abspielte, ist in vielfacher Hinsicht unvergleichbar. Wenn es jedoch eine Lehre aus der Nazi-Herrschaft in Deutschland zwischen 1933 und 1945 gibt, dann ist es diese: Durch ein gut organisiertes System von Überwachung, Verfolgung, Denunziation, Einschüchterung und Gewalt kann eine radikale, ideologisierte, gewaltbereite Minderheit einer gemäßigten, schweigenden, wehrlosen Mehrheit die Kontrolle über ein demokratisches System entziehen. Je besser die Kenntnis von Stärken und Schwächen, Sozialverhalten und menschliche Beziehungen der Mehrheit, desto gezielter, effektiver und schneller kann die Minderheit die Kontrolle übernehmen. Jeder von uns sollte sich fragen, ob bzw. zu welchem Preis er persönlich bereit ist, die Demokratie zu verteidigen – auch dann, wenn er oder seine Familie diffamiert, schikaniert, bedroht oder mit anderen Mitteln unter Druck gesetzt werden würde.

Schließlich finde ich es bemerkenswert, wie viel ein einzelner Mensch, wie Ernst Gennat – zudem eine stark übergewichtige „Berliner Schnauze“, die weder in das damalige, noch in das heutige Bild eines dynamischen, erfolgreichen „Disruptors“ hineinpasst – bewegen kann, wenn man ihn lässt.

Wenn Ihnen dieser Blog gefallen hat, empfehle ich Ihnen meine folgende Blogs als weiterführende Lektüre:

▶︎ „Wie war Adolf Hitler möglich?“ vom 09.11.2019: https://kubraconsult.blog/2019/11/10/wie-war-adolf-hitler-moeglich/

▶︎ „George Orwells 1984 war eine Warnung und keine Bedienungsanleitung“ vom 13.01.2019: https://kubraconsult.blog/2020/01/13/george-orwells-1984-war-eine-warnung-und-keine-bedienungsanleitung/

▶︎ SPIEGEL-Artikel vom 04.09.2018 unter dem Titel „Judenhass nach dem Börsencrash 1873: Die Geburt des modernen Antisemitismus“, der leider hinter der Bezahlsperre veröffentlicht wurde: https://t1p.de/kznf (eine frei zugängliche, von mir angefertigte Übersetzung ins Englische finden Sie hier: https://t1p.de/oknl).

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