Im Dezember 2011 schaltete Facebook in Deutschland die sogenannte „Chronik“ („Timeline“) frei als alternative Darstellungsmöglichkeit des früheren Facebook-Profils. Mit Einführung der Chronik konnte ein Facebook-Nutzer neben dem Status, Fotos und Videos sowie dem aktuellen Ort jetzt auch sogenannte „Lebensereignisse“ posten. Es gab bzw. gibt fünf verschiedene Kategorien von Lebensereignissen, die mit kleinen Symbolen dargestellt werden:

  • Arbeit & Ausbildung
  • Familie & Beziehung
  • Heim & Leben
  • Gesundheit & Wellness
  • Reisen & Erfahrungen

Facebook nutzte bereits bestehende Informationen über den Nutzer, um Lebensereignisse zu erstellen, z. B. das eigene Geburtsdatum oder das der angegebenen Geschwister. Standardmäßig blendete Facebook seinen Nutzern jeden Tag „Erinnerungen“ an vergangene Lebensereignisse ein. So wurde ich zum Beispiel erinnert, dass ich am 23.12.2014 mit meinen Kindern das Taj Mahal in Agra/Indien besucht habe. Oder wie oft ich zwischen Juli 2013 und September 2015 während meines Engagements als Interim-CTO in der der ThyssenKrupp ITM bei meinen Pendelfahrten am Wochenende im Stau stand oder wie oft der Zug Verspätung hatte. Oder dass ich mir am 17.02.2012 mittags eine leckere Mediterrane Gemüsepfanne zubereitet habe.

Detailliertere Informationen zur Geschichte und zu den Funktionen der Facebook-Chronik können Sie bei Bedarf Klicksafe-Artikel vom 21.11.2011 nachlesen: https://www.klicksafe.de/facebook/informationen-zur-facebook-chronik-timeline/.

Der Sinn dieser Umstellung bestand aus Sicht von Facebook natürlich darin, den Nutzer durch nostalgische Erinnerungen an mehr oder weniger wichtige Lebensereignisse zum Verweilen auf der Plattform und zur Durchführung von Interaktionen (Klicks, Likes, Kommentare, neue Postings, Repostings) zu animieren, um dadurch neue Verhaltensdaten vom Nutzer abgreifen zu können und um ihn mit neuer Werbung bespielen zu können. Das ist nun mal das Geschäftsmodell der Datenkraken aus den USA und China. Sie drücken Knöpfe, von denen sie anhand der sozialen Verhaltenskontrolle in der Vergangenheit wissen, dass diese die größte Wirksamkeit haben, und die Nutzer fangen an, wie die Pawlowschen Hunde zu sabbern und tun genau das, was Facebook von ihnen erwartet. Eigentlich ein Wunder, dass LinkedIn, Instagram und andere Social Media-Plattformen diese geniale Funktion zur Profitmaximierung von Facebook bislang noch nicht kopiert haben.

Obwohl ich die Facebook-Chronik mochte und ab und zu schöne Erinnerungen mit meinen Kindern geteilt habe („Wisst Ihr noch, wo wir am 23.12.2014 waren?“), fand ich den kaltschnäuzig-kalkulierten Umgang mit Gefühlen von Menschen im Interesse der eigenen Profitmaximierung, der dieser Funktion zugrunde liegt, schon immer abstoßend bis ekelhaft. Neben den verlogenen Corporate Vision- und Mission-Statements von Facebook, die den eigentlichen Geschäftszweck der Plattform (der da lautet: So viele Daten wie möglich von Nutzern abgreifen und durch Werbung monetarisieren, um das Maximum an Profit zu erzielen) vertuschen sollen, ist die Chronik ein Paradebeispiel für die „Hinterfotzigkeit“ von Social Media-Plattformen und ihren Geschäftsmodellen.

Es gibt jedoch noch einen anderen wichtigen und sehr praktischen Seiteneffekt der Facebook-Chronik, denn diese lenkt die Aufmerksamkeit von Hunderten von Millionen Menschen rund um den Erdball tagtäglich auf die Vergangenheit, statt sich auf das „Hier und Jetzt“ zu konzentrieren und sich um die Gegenwart zu kümmern, die viel wichtiger für die Geschicke dieser Menschen ist, als die Vergangenheit.

Horaz (65 v. Chr. – 8 v. Chr), eigentlich Quintus Horatius Flaccus, gilt neben Vergil, Properz, Tibull sowie Ovid als einer der bedeutsamsten Dichter des augusteischen Zeitalters der Antike. Horaz‘ künstlerisches Gesamtwerk enthält zahlreiche Oden, einige Satiren sowie mehrere Briefgedichte, welche als Episteln bekannt geworden sind. Der lateinische Sinnspruch „carpe diem“, der sich mit „Pflücke den Tag“ oder „Genieße den Tag“ übersetzen lässt, geht auf die Ode „An Leukonoë“ zurück, welche von Horaz um 23 v. Chr verfasst wurde. In der letzten Verszeile der Odenstrophe findet sich die bekannte Wortfolge. Diese stellt einen Appell dar, die knappe Lebenszeit zu genießen und nicht auf morgen zu verschieben. Der Ausspruch ist zum geflügelten Wort geworden und wird teilweise auch als „Nutze den Tag“ wiedergegeben. Diese Übersetzung trifft aber nicht in Gänze die Intention, die Horaz mit den Wörtern „carpe diem“ verfolgte. Die folgende Grafik zeigt den Kontext des Zitates:

Die letzte Zeile lässt sich mit „Genieße den Tag, und vertraue möglichst wenig auf den folgenden!“ übersetzen. Das Ganze lässt sich als ein Appell deuten, das eigene Leben im Augenblick zu leben und nicht an das Morgen zu denken, wobei stets die positiven Seiten des Lebens betrachtet werden sollten. Wesentlich ist hier, dass das Verb „carpe“ grundsätzlich „pflücken“ bedeutet, also nur im übertragenen Sinne als „genießen“ zu deuten ist. An dieser Stelle, spielt der Unterschied zwischen „genießen“ und „nutzen“ eine entscheidende Rolle. Denn wer den Tag genießt, lässt diesen mit Freude und Wohlbehagen auf sich wirken. Wer aber etwas nutzt, gestaltet es möglichst effektiv und versucht dabei ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Wer etwas nutzt, um ein Ziel zu erreichen, lebt nicht im Augenblick, sondern denkt an das Folgende. Das würde Horaz‘ Intention allerdings widersprechen.

Quelle und weiterführende Lektüre zu Horaz und zur Ode „An Leukonoë“: https://de.wikipedia.org/wiki/Carpe_diem bzw. https://wortwuchs.net/carpe-diem/

Seine Aufmerksamkeit auf das „Hier und Jetzt“ zu lenken und den Augenblick zu „pflücken“ ist in der Praxis gar nicht so einfach. Denn viele von uns sind wandelnde Selbstbeschäftigungs-Therapeuten, die jede noch so kleine Gelegenheit nutzen, um sich ablenken zu lassen. Neben der alten Freundin, die man unbedingt mal wieder anrufen müsste oder irgendwelchem unwichtigen Papierkram, ist das Smartphone dabei der „Hier und Jetzt“-Killer-Nr. 1, da man es immer dabei hat (man muss ja erreichbar sein, selbst nachts) und da es den schnellen und einfachen Zugang zu Myriaden von Ablenkungsmöglichkeiten eröffnet – vor allem, wenn man sich selbst zum Sklaven von Messenger-, Social Media und anderen Apps gemacht hat. Irgendwo blinkt oder leuchtet immer irgend etwas: Neue Postings, Likes oder Kommentare auf LinkedIn, Facebook, Instagram, YouTube, Snapchat oder Tik Tok, neue E-Mails, SMS oder WhatsApp-Nachrichten, aktuelle „Breaking News“ zu Trump, der Royal Family, Jan Böhmermann oder Corona, neues Update für das mobile Betriebssystem, etc. pp. – irgendwas ist immer und schwuppdiwupp ist der Tag rum, ohne dass man auch nur eine Sekunde im „Hier und Jetzt“ verbracht hätte.

Wenn es uns jedoch gelingt, unsere Aufmerksamkeit auf das „Hier und Jetzt“ zu lenken, dann eröffnen sich ungeahnte positive Möglichkeiten und Auswirkungen. Der Bestsellerautor und „spirituelle Lehrer“ Eckhart Tolle hat dies in seinem Buch „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart. Ein Leitfaden zum spirituellen Erwachen“ (Englisch: „The Power of Now: A Guide to Spiritual Enlightenment“) im Jahr 1997 sehr gut beschrieben. Tolle, der optisch eine gewisse Ähnlichkeit mit Jürgen von der Lippe und Christian Ulmen aufweist, hebt dort die Wichtigkeit des achtsamen Lebens in der Gegenwart hervor und erklärt, warum zu viele Gedanken über die Vergangenheit oder Zukunft vermieden werden sollten.

Als ich das Buch Anfang der 2000er-Jahre das erste Mal gelesen habe, war ich zunächst skeptisch, da mir das Gedankengut zu esoterisch angehaucht schien. In der Rückschau würde ich es als eines der wichtigsten Bücher einstufen, die ich in den vergangen 50 Jahren lesen durfte und ohne Grund war es nicht die Nummer Eins auf der Bestsellerliste der New York Times.

Da es den Rahmen dieses Blogs sprengen würde, die wesentlichen Inhalte des Buches hier vollständig zu rekapitulieren, möchte ich mich auf die erste Kernaussage beschränken. Diese kann man wie folgt zusammenfassen – Zitat aus einer Synopse von Blinkist: „

„Du möchtest dein Leben sorgenfrei gestalten, inneren Frieden finden, zufrieden sein mit dem, was du hast und bist? Oder kurz gesagt: Du suchst nach Erleuchtung? Der erste Schritt ist einfacher, als du denkst.

Das größte Hindernis für ein solches Leben ist unsere Tendenz, entweder an der Vergangenheit festzukleben, indem wir uns beispielsweise ständig den Kopf darüber zerbrechen, wie etwas besser hätte laufen können, oder uns bereits in die Zukunft zu stürzen. In diesem Fall beschäftigen wir uns meistens mit Dingen, die wir irgendwann noch erreichen wollen. Dabei ignorieren wir jedoch vollkommen das, was wirklich wichtig ist: das Jetzt.

Nur der gegenwärtige Augenblick zählt, da nichts jemals in der Vergangenheit oder Zukunft stattfindet: Unser Leben besteht aus einer kontinuierlichen Reihe von Jetzt-Momenten.

Wenn du etwas fühlst, dann fühlst du es jetzt: Deine Sinne geben dir nur über diesen spezifischen Moment Informationen. Wenn du also sagst, etwas sei in der Vergangenheit passiert, dann stimmt das gar nicht. Es passierte tatsächlich in einem einzelnen Moment der Gegenwart, der zu jenem Zeitpunkt das Jetzt war und nun vorbei ist. Genauso werden alle Ereignisse, die noch passieren werden, einzelne Jetzt-Momente sein, die nur alle noch vor uns liegen.

Es lohnt sich daher, sich auf das Jetzt zu konzentrieren. Wenn du es schaffst, in der Gegenwart zu leben, wirst du schnell sehen, dass viele deiner vermeintlich großen Probleme überhaupt nicht existieren, sondern nur Einzelsituationen sind, mit denen du umgehen musst – mit einer nach der anderen.

Eine komplexe Aufgabe zu lösen, wie etwa eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben, erscheint uns oft wie der Gipfel eines Zehntausenders, nämlich unerreichbar. Wenn du dir immer den Kopf darüber zerbrichst, was du noch alles in der Zukunft tun musst oder bereuen wirst oder wie viele Gelegenheiten, daran zu arbeiten, du in der Vergangenheit verpasst hast, wirst du keine Fortschritte machen. Wenn du aber einzelne Stationen Schritt für Schritt im jeweiligen Moment angehst – Daten sammeln, eine Struktur entwickeln, das erste Kapitel schreiben etc. –, kannst du es schaffen.“

Grundlegende Informationen zu Eckhart Tolle und dem Buch „Jetzt!“ finden sie auf WIKIPEDIA oder auf der Homepage von Eckhart Tolle. In meinem Blog „Warum Sie schlechten Bedienungen gute Trinkgelder geben sollten“ vom 21.07.2017 finden Sie einige Techniken, die man erlernen kann, und die es Ihnen mit etwas Übung ermöglichen, Ihre Aufmerksamkeit auf das „Hier und Jetzt“ zu konzentrieren.

Die vorgenannten Einsichten in Verbindung mit dem Bedürfnis, meine Privatsphäre (und die meiner Familie und Freunde zu schützen), haben mich dazu motiviert, Ende 2020 im Zuge einer Aktion „Digitales Großreinemachen“ meinen Facebook-Account zu kündigen und meinen Umgang mit LinkedIn auf den Prüfstand zu stellen. Bis Ende dieser Woche werde ich auch meinen WhatsApp-Account kündigen und auf die Threema-Messenger-App umsteigen, die die Privatsphäre ihrer Nutzer deutlich mehr respektiert, als Facebook und Google das tun. Details zu meinem digitalen Großreinemachen finden Sie bei Interesse in den folgenden LinkedIn-Postings:

  1. Digitales Großreinemachen – Teil 1 (Facebook): https://www.linkedin.com/posts/kurtbrand_twitter-instagram-ebay-activity-6748578389612871680-brON
  2. Digitales Großreinemachen – Teil 2 (LinkedIn): https://www.linkedin.com/posts/kurtbrand_geschaeuftsmodell-socialmedia-plattformen-activity-6750030524749762561-I0JF
  3. Digitales Großreinemachen – Teil 3 (WhatsApp): https://www.linkedin.com/posts/kurtbrand_threema-signal-telegram-activity-6755159037404332033-CbW2

Der bereits erwähnte Jürgen von der Lippe, der eigentlich Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp heißt und am  8. Juni 1948 in Bad Salzuflen geboren wurde, hat anno 1987 ein wunderbares Liedchen mit dem Titel „Guten Morgen, liebe Sorgen“ veröffentlicht, welches sein bislang größter musikalischer Erfolg war. Es erreichte im Juli und August 1987 in der ZDF-Hitparade jeweils den ersten Platz. Der Refrain dieses Liedchens lautet: „Guten Morgen, liebe Sorgen, seid Ihr auch schon alle da? Habt Ihr auch so gut geschlafen, na dann ist ja alles klar!“.

Leben im „Hier und Jetzt“, ohne ständige Ablenkung durch Smartphones, Internet und Social Media, ist die erfolgreichste Strategie, um sich nicht von den lieben Sorgen vereinnahmen und auffressen zu lassen. Nur im „Hier und Jetzt“ kann man seine eigene Persönlichkeit und seine Fähigkeiten entwickeln, zwischenmenschliche Beziehungen pflegen oder dazu beitragen, die Welt zu einem lebenswerteren Ort zu machen. Mit diesem Hinweis möchte ich den Blog beenden.

Ergänzende Lektüre:

▶︎ „Kontrolle über Daten ist Kontrolle über Menschen“ vom 14.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/14/kontrolle-uber-daten-ist-kontrolle-uber-menschen/
▶︎ „Why our laws can’t protect me from my digital stalker“ vom 09.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/09/why-our-laws-cant-protect-me-from-my-digital-stalker/
▶︎ „Social Media-Plattformen – wenn der Bock den Gärtner spielt“ vom 12.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/12/social-media-plattformen-wenn-der-bock-den-gartner-spielt/
▶︎ „Zensur durch Social Media-Plattformen – der richtige Weg?“ vom 10.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/10/zensur-durch-social-media-plattformen-der-richtige-weg/
▶︎ „Wehret den Anfängen, aber wie?“ vom 11.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/11/wehret-den-anfangen-aber-wie/
▶︎ „Algorithmen, digitale Plattformen und andere unbekannte Wesen“ vom 11.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/11/algorithmen-digitale-plattformen-und-andere-unbekannte-wesen/
▶︎ „Wie die US-Regierung die US-amerikanische IT-Industrie diskreditiert“ vom 08.03.2017: https://kubraconsult.blog/2017/03/08/wie-die-us-regierung-das-internet-diskreditiert/
▶︎ „George Orwell war eine Warnung und keine Bedienungsanleitung“ vom 14.03.2017: https://kubraconsult.blog/2020/01/13/george-orwells-1984-war-eine-warnung-und-keine-bedienungsanleitung/
▶︎ „Reframing Information Security and Data Privacy as Business Enabler“ vom 26.09.2018: https://kubraconsult.blog/2018/09/26/reframing-information-security-and-data-privacy-as-business-enabler/ (only in English)
▶︎ „Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) verständlich: Was die neuen EU-Regeln für die Bürger bedeuten“ vom 04.05.2018: https://kubraconsult.blog/2018/05/04/datenschutz-grundverordnung-dsgvo-verstaendlich-was-die-neuen-eu-regeln-fuer-die-buerger-bedeuten/

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