Die „Capitol Riots„, also der Sturm des Kapitols in Washington durch fanatische Trump-Anhänger am 06.01.2021 haben Nachbeben erzeugt. Twitter und Facebook haben die privaten Nutzerkonten des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump gesperrt und ihm damit die zentralen, direkten Kommunikationskanäle zu seinen Anhängern vorbei an den klassischen Medien entzogen. Apple und Google haben in ihren App-Stores für die mobilen Betriebssysteme iOS und Android die Parler-Microblogging-App gesperrt, die von Konservativen und Verschwörungstheoretikern als Alternative zu Twitter genutzt wird. Und Amazon Web Services (AWS) hat den Vertrag zum Hosting der Parler-App gekündigt, so dass der Fortbestand von Parler unklar ist. Ausführlichere Informationen und Quellen zu diesen Ereignissen und Entwicklungen finden Sie in meinem Blog „Zensur durch Social Media-Plattformen – der richtige Weg?“ vom 10.01.2021.

Dass Twitter und Facebook Donald Trump erst kurz vor Ende seiner Präsidentschaft abserviert haben, kann man als klares Indiz dafür sehen, dass sie in den vier Jahren zuvor ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen höher priorisiert haben, als das Interesse des Rechtsstaates und der Gesellschaft zur Eindämmung von Fake News und Hate Speech.

Die Sperrung der Nutzerkonten von Donald Trump hat am 11.01.2021 die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel auf den Plan gerufen, die es für problematisch hält, dass die Betreiber sozialer Netzwerke eigenmächtig die Sperrung der Kanäle von US-Präsident Donald Trump angeordnet haben. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte laut einem n-tv-Artikel vom 11.01.2021, dass solch eine Entscheidung auf der Basis von Gesetzen und nicht nach Einschätzung von Unternehmensführungen getroffen werden sollte.

In seinem „Morning Briefing“ am 12.01.2021 hat der Journalist, Autor und Medienmanager Gabor Steingart ein paar wichtige Gedanken zur Sperrung der Nutzerkonten von Donald Trump durch Twitter und Facebook formuliert.

ZITAT ANFANG:

„Die suspendierte Meinungsfreiheit, die von TwitterFacebook und Co. als Dienst an der Menschheit verkauft wird, setzt die westlichen Gesellschaften weiter unter Druck. Es gärt und giftelt – nun eben außerhalb der öffentlich zugänglichen Plattformen. Die Digitalkonzerne wollen mit der Verstummung von Trump nicht die Demokratie retten, sondern ihre Geschäftsmodelle. Diese zielen auf die Errichtung technologisch basierter Monopole ab. Den neuen Präsidenten hofft man durch die digitale Amtsenthebung des Vorgängers milde zu stimmen. Die Öffentlichkeit soll über die wahre Absicht, die eine Gewinnerzielungsabsicht ist, getäuscht werden. Die neuen Oligarchen erleben in den Wirren von Trump-Abwahl und Capitol-Stürmung ihr Outing. Erstmals wird der autoritäre Charakter dieser digitalen Revolution für jedermann erlebbar.

[…]

Ausgerechnet die Persönlichkeiten der digitalen Gründer-Elite, die vielfach als arme Schlucker gestartet sind und heute zum Club der Milliardäre gehören, befinden sich in einem Machtrausch, der nichts Geringeres anstrebt als ein weltumspannendes Mehrfach-Monopol.

1. Das Meinungs-Duopol bestehend aus Facebook und Twitter umfasst mittlerweile knapp zwei Milliarden täglich aktive Nutzer und ist selbst gegenüber den reichweitenstärksten Zeitungen und Fernsehsendern ein Gigant.

Die Gefahr: Der Wettstreit der Meinungen verkommt zur Farce. Meinungsfreiheit wird von den westlichen Verfassungen garantiert und von den digitalen Plattformen limitiert oder – wie im Falle von Trump – liquidiert.

2. Die Tech-Giganten sitzen auf einem weltweit einmaligen Datensatz: Jeden Tag gibt es auf Google 3,5 Milliarden Suchanfragen, pro Monat sind das über 100 Milliarden Anfragen. Keine einzige Behörde weltweit, nicht einmal der chinesische Staat, hat Zugang zu einem derartigen Datenschatz.

Die Gefahr: Diese Daten werden zu Profilen verknüpft und für kommerzielle und politische Zwecke genutzt – oder an Dritte verkauft. Die Anreicherung von Daten mit anderen Daten ist die Kernenergie des digitalen Zeitalters.

3. Die Verkaufs-Maschinen dominieren mit ihren Wertschöpfungsketten in einer nie dagewesenen Weise den Handel. Allein im dritten Quartal des vergangenen Jahres erwirtschafteten die drei Konzerne Amazon, Ebay und PayPal gemeinsam einen Umsatz von 104 Milliarden Dollar und einen Gewinn von fast acht Milliarden Dollar.

Die Gefahr: Der stationäre Einzelhandel hat gegenüber der organisierten Preissetzungsmacht mit ihren Bonus- und Rabattprogrammen keine Chance. Der öffentliche Raum verödet. Die Gesellschaft wandert in die virtuellen Welten ab.

4. Das Finanzmonster der GAFA-Konzerne (Google, Amazon, Facebook, Apple) bringt es derzeit auf eine Börsenkapitalisierung von 5,7 Billionen Dollar, was in etwa dem anderthalbfachen des deutschen Sozialprodukts entspricht. Gegen diese Finanzmacht wirken Weltkonzerne wie Volkswagen (101,5 Mrd. Dollar) oder Nike (230,9 Mrd. Dollar) wie Tante-Emma-Läden.

Die Gefahr: Diese Finanzkraft schafft Größenvorteile bei der Geldbeschaffung. Investitionen werden nicht mehr durch spätere Gewinne finanziert, sondern durch immer neue Kapitalmarkt-Transaktionen. Eine Welt der zwei Geschwindigkeiten entsteht.

5. Im Silicon Valley ist damit ein politisches Gravitationszentrum neuen Typs entstanden, das keinem Links-Rechts-Schema folgt und dennoch oder deshalb mehr Macht besitzt als jede andere Lobbyvereinigung eines Nationalstaates. Das erkennt man auch daran, dass US-Konzerne ihre Milliardengewinne aus Europa über zwei irische und eine niederländische Firma auf die Bermudas transferierten, wo keine Einkommensteuer fällig wird.

Die Gefahr: Die bestverdienenden Konzerne sind die schlechtesten Steuerzahler, auch weil die Nationalstaaten erpressbar geworden sind. Diese Durchsetzungsmacht setzt die demokratisch verfassten Staaten unter Legitimationsdruck.

Fazit: Der demokratische Rechtsstaat sollte sich seiner Haut wehren. Und die Opfer von Datenklau und Meinungsmonopoly sollten aufhören, ihre zu Geld gekommenen Täter als Internet-Gurus zu bewundern.“

ZITAT ENDE

Der russische Regimekritiker Alexey Nawalny hat am 09.01.2020 auf Twitter zur Sperrung der Nutzerkonten von Donald Trump durch Twitter und Facebook noch einen weiteren sehr wichtigen Seiteneffekt ins Spiel gebracht: „Dieser Präzedenzfall wird von den Feinden der Meinungsfreiheit auf der ganzen Welt ausgenutzt werden. Auch in Russland. Jedes Mal, wenn sie jemanden zum Schweigen bringen müssen, werden sie sagen: „Das ist einfach gängige Praxis, sogar Trump wurde auf Twitter blockiert“.“

Und auch die EU-Kommission macht sich Gedanken, wie sie die Macht der Social Media-Plattformen mit Mitteln der Legislative einbremsen kann. Thierry Breton ist ein französischer Geschäftsmann, ehemaliger Professor und Politiker. Seit 01.12.2019 ist er EU-Kommissar für Binnenmarkt und Dienstleistungen mit der erweiterten Zuständigkeit für Verteidigung und Raumfahrt in der Kommission von der Leyen.

Ebendieser Thierry Breton hat am 11.01.2021 auf Politico.com einen sehr lesenswerten Kommentar unter dem Titel „Capitol Hill — the 9/11 moment of social media“ veröffentlicht. Ich halte die Überlegungen für so wichtig, dass ich Ihnen den Kommentar nachfolgend auf Deutsch zur Verfügung stellen möchte:

ZITAT ANFANG:

„Genauso wie 9/11 einen Paradigmenwechsel für die globale Sicherheit markierte, erleben wir 20 Jahre später einen Vorher-Nachher-Moment in der Rolle digitaler Plattformen in unserer Demokratie.

Social-Media-Unternehmen haben die Konten von US-Präsident Donald Trump mit der Begründung blockiert, dass seine Botschaften die Demokratie bedrohten und Hass und Gewalt schürten. Damit haben sie ihre Verantwortung, Pflichten und Mittel erkannt, um die Verbreitung illegaler viraler Inhalte zu verhindern. Sie können ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht mehr verbergen, indem sie argumentieren, dass sie lediglich Hosting-Dienste anbieten.

Das Dogma verankert in Abschnitt 230 – der US-Gesetzgebung, welche Social-Media-Unternehmen Immunität von der zivilrechtlichen Haftung für Inhalte von ihren Nutzern gepostet – ist zusammengebrochen.

Wenn es da draußen jemanden gab, der immer noch daran zweifelte, dass Scoial Media-Plattformen zu systemischen Akteuren in unseren Gesellschaften und Demokratien geworden sind, dann sind die Ereignisse der letzten Woche auf dem Capitol Hill ihre Antwort. Was online passiert, bleibt nicht nur online: Es hat – und verschärft sogar – Auch „im wirklichen Leben“ Konsequenzen.

Die beispiellosen Reaktionen der Social Media-Plattformen als Reaktion auf die Unruhen haben uns fragen lassen: Warum haben sie es nicht geschafft, die Fake News und Hassreden zu verhindern, die zu dem Anschlag (auf die Demokratie) am Mittwoch (den 06.11.2021) überhaupt geführt haben? Unabhängig davon, ob es richtig war, einen amtierenden Präsidenten zum Schweigen zu bringen, sollte diese Entscheidung in den Händen eines Technologieunternehmens ohne demokratische Legitimität oder Aufsicht liegen? Können diese Social Media-Plattformen immer noch argumentieren, dass sie kein Mitspracherecht darüber haben, was ihre Nutzer posten?

Der Aufstand der letzten Woche markierte den Höhepunkt jahrelanger Hassreden, Aufstachelung zu Gewalt, Desinformation und Destabilisierungsstrategien, die sich ohne Einschränkungen über bekannte Social Media-Plattformen ausbreiten durften. Die Unruhen in Washington sind ein Beweis dafür, dass ein mächtiger, aber unregulierter digitaler Raum – der an den Wilden Westen erinnert – tiefgreifende Auswirkungen auf die Grundfesten unserer modernen Demokratien hat.

Dass ein CEO einer Social Media-Plattform den Stecker des Lautsprechers von POTUS (President of the United States) ziehen kann, ohne dass es zu „Checks and Balances“ kommt, ist verblüffend. Es ist nicht nur eine Bestätigung der Macht dieser Plattformen, sondern zeigt auch tiefe Schwächen in der Art und Weise, wie unsere Gesellschaft im digitalen Raum organisiert ist. (Anmerkung bei Niederschrift: „Checks and Balances“ sind die Bezeichnung für ein System, welches die Aufrechterhaltung der Gewaltenteilung in einem Staat ermöglichen und langfristig sicherstellen soll bzw. muss).

Diese letzten Tage haben es deutlicher denn je gemacht, dass wir nicht einfach tatenlos zusehen können und uns auf den guten Willen oder die kunstvolle Auslegung des Gesetzes verlassen können. Wir müssen die Spielregeln festlegen und den digitalen Raum mit klaren Rechten, Pflichten und Sicherheitsvorkehrungen organisieren. Wir müssen das Vertrauen in den digitalen Raum wiederherstellen. Es ist eine Frage des Überlebens für unsere Demokratien im 21. Jahrhundert.

Europa ist der erste Kontinent der Welt, der mit dem Digital Services Act und dem Digital Markets Act, den die EU-Kommission im Dezember 2020 vorgelegt hat, eine umfassende Reform unseres digitalen Raums einleitet. Sie basieren beide auf einer einfachen, aber mächtigen Prämisse: Was offline illegal ist, sollte auch online illegal sein.

Unsere europäischen Gesetze und Gerichte werden weiterhin definieren, was illegal ist, sowohl offline und online – von Kinderpornographie bis zu terroristischen Inhalten, von Hassreden bis zu Fälschungen, von Aufstachelung zu Gewalt bis hin zu Diffamierung – durch demokratische Prozesse und mit angemessenen Kontrollen. Aber derzeit fehlt es Social Media-Plattformen an rechtlicher Klarheit darüber, wie sie illegale Inhalte in ihren Netzwerken behandeln sollten. Dies stellt unsere Gesellschaften vor zu viele Fragen, wann Inhalte blockiert werden sollen oder nicht.

Der Digital Services Act wird das ändern, indem er Social Media-Plattformen klare Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten zur Einhaltung dieser Gesetze auferlegt, den Behörden mehr Durchsetzungsbefugnisse einräumt und sicherstellt, dass die Grundrechte aller Nutzer geschützt werden.

Mit dem Digital Services Act hat Europa den ersten Schritt getan. Unsere demokratischen Institutionen werden hart und schnell daran arbeiten, diese Reform zu vollenden. Aber die Herausforderungen, vor denen unsere Gesellschaften und Demokratien stehen, sind globaler Natur.

Deshalb sollten die EU und die neue US-Regierung als Verbündete der freien Welt ihre Kräfte bündeln, um einen konstruktiven Dialog zu beginnen, der zu global kohärenten Prinzipien führt. Der Digital Services Act, der sorgfältig entworfen wurde, um alle oben genannten Überlegungen auf der Ebene unseres Kontinents zu beantworten, kann helfen, den Weg für einen neuen globalen Ansatz für Social Media-Plattformen zu ebnen – einen, der dem allgemeinen Interesse unserer Gesellschaften dient. Indem er einen Standard setzt und die Regeln klärt, hat er das Potenzial, eine überragende demokratische Reform zu werden, die kommenden Generationen dient.“

ZITAT ENDE

Ich persönlich würde noch einen Schritt weitergehen, als die EU-Kommissare Thierry Breton und Margrethe Vestager mit ihrem Digital Services Act bzw. Digital Markets Act, denn das Problem geht weit über die Frage hinaus, wie Hassrede und illegale Handlungen im Internet und auf Social Media-Plattformen am effektivsten eingedämmt werden können, um die Demokratie zu schützen.

Das eigentliche Problem ist nämlich das Geschäftsmodell der Social Media-Plattformen, welches darin besteht mit Hilfe ihrer Algorithmen, möglichst viele Nutzer möglichst lange auf ihren Plattformen zu halten und dort zu möglichst vielen Interaktionen zu animieren, also Klicks, „Likes“, Kommentare und eigene Postings und Artikel. Denn dies ermöglicht es den Social Media-Plattformen mit Hilfe ihrer Algorithmen kontinuierlich in Echtzeit möglichst viele personenbezogene Daten von den Nutzern abzugreifen, auf deren Basis die Nutzer mit möglichst viel personenbezogener Werbung bespielt werden können – und genau damit machen Social Media-Plattformen den Löwenanteil ihrer Profite.

Leider kommunizieren die Social Media-Plattformen diesen eigentlichen Geschäftszweck nicht offen und ehrlich gegenüber ihren Nutzern, sondern schieben wohlklingende Mission Statements wie „Die Informationen dieser Welt organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar machen“ (Google) oder „Den Menschen die Möglichkeit zu geben, Gemeinschaften zu bilden, und die Welt näher zusammenzubringen“ (Facebook) oder „Verbraucher über Online- und physische Geschäfte bedienen und sich auf Auswahl, Preis und Komfort konzentrieren“ (Amazon). Zumindest bei Google und Facebook sind die Mission Statements erstunken und erlogen, denn der tatsächlich „Purpose“ dieser beiden Unternehmen besteht im Sammeln und Monetarisieren von personenbezogenen Daten. Auch bei Amazon spielt dieser Aspekt eine wichtige Rolle, ist aber „nur“ Mittel zum Zweck, um den Online-Verkauf von Waren über die Amazon-Handelsplattform zu pushen und zu optimieren.

Die Probleme, die aus diesen „hinterfotzigen“ Geschäftsmodellen und ihren intransparenten Algorithmen resultieren, sind in der folgenden Grafik zusammengefasst:

Durch das Doku-Drama „The Social Dilemma“ auf Netflix, durch Influencer wie Simon Sinek oder Buchautoren wie Shoshana Zuboff oder Carissa Veliz oder Aktivisten wie Jaron Larnier dringt die Dimension der Probleme, welche Social Media-Plattformen unserer Demokratie und unseren Gesellschaften bescheren, so langsam in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und der Politik – zu langsam, wie ich finde, denn die Uhr tickt und die Polarisierung und Spaltung der Gesellschaften schreitet unter der Einfluss der Social Media-Plattformen voran.

Wie die anhängende Grafik zeigt, befanden sich im Jahr 2020 mit Alphabet, Facebook, Amazon, Tencent und Alibaba mindestens 5 Datenkraken unter den 10 Unternehmen mit der weltweit höchsten Marktkapitalisierung – auch wenn die soziale Verhaltenskontrolle bei Amazon und Alibaba „nur“ Mittel zu Zweck ist, um die Umsätze auf der Online-Handelsplattform zu pushen.

Microsoft hat sich mit LinkedIn ebenfalls in die Kategorie der Datenkraken eingekauft und ich persönlich würde auch Tesla mit seinen vernetzten, autonom fahrenden „Smartphones auf vier Rädern“ dazu zählen, denn die Fahrzeugen sind mit Sensoren vollgestopft und überwachen damit nicht nur ihre Insassen, sondern auch die Fahrzeugumgebung.

Im 4. Quartal 2020 verteilten sich die Umsätze von Apple als wertvollstem Unternehmen der Welt wie folgt auf die Sparten:

▶︎ 26,4 Milliarden USD mit dem iPhone 

▶︎ 14,5 Milliarden USD mit iTunes, Software und Services

▶︎ 9,0 Milliarden USD mit dem Absatz der Mac-Computer

▶︎ 7,9 Milliarden USD in der Produktgruppe Wearables/Home/Zubehör

▶︎ 6,8 Milliarden USD mit den iPad-Verkäufen

Auch bei Apple dürfte soziale Verhaltenskontrolle im App Store oder bei den Wearables einen erheblichen Beitrag dazu leisten, den Verkauf von Hardware und Apps zu pushen bzw. zu optimieren.

Wie viel Geld diese Datenkraken mit diesen hinterfotzigen Geschäftsmodellen verdienen können, veranschaulichen die folgende Grafiken:

Erläuterungen zu den Grafiken: Alphabet Inc. ist ein amerikanischer multinationaler Mischkonzern mit Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien. Er entstand durch eine Umstrukturierung von Google am 02.10.2015 und wurde zur Muttergesellschaft von Google und mehreren ehemaligen Google-Tochtergesellschaften, wie z. B. Waymo, Calico, Nest oder YouTube.

Die vorstehenden Grafiken aus einem Spendmenot.com-Artikel vom 17.05.2020 unter der Überschrift „31+ Google Revenue Statistics 2020“ zeigen die Entwicklung des jährlichen Gesamtumsatzes von Google von 2002 bis 2019 (obere Grafik) und die Werbeeinnahmen von Google (inkl. YouTube), Facebook und Amazon für 2019 (untere Grafik). Der überwiegende Teil der Einnahmen von Google stammt aus der Werbung – jenen lästigen Anzeigen, denen wir alle zu entkommen versuchen. Die fünf Haupteinnahmequellen von Google sind:

  1. Werbung
  2. Käufe im Google Play Store
  3. Google Play-Einkäufe (Musik, Filme, etc.)
  4. Google Cloud
  5. Hardware

In 2019 erzielten Alphabet, Facebook und Amazon folgende Umsätze aus Werbung in Relation zum Gesamtumsatz 2019:
▶︎ Alphabet: 134,81 Mrd. USD von 161,86 Mrd. USD (83 %)
▶︎ Facebook: 69,70 Mrd. USD von 70,70 Mrd. USD (99%)
▶︎ Amazon: 14,10 Mrd. USD von 280,52 Mrd. USD (5%)

Wie könnte eine gerechte und effektive Besteuerung von Social Media-Plattformen aussehen? Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Quartalsgewinne von Facebook zwischen dem Q1/2010 und dem Q1/2020:

Wie Gabor Steingart in seinem „Morning Briefing“ bereits erwähnt hat, erzielen Digitalkonzerne wie Facebook, Google und Apple in Europa hohe Umsätze und Gewinne, zahlen aber kaum Steuern. Dies liegt bei den Social Media-Plattformen u. a. daran, da sie in den meisten Ländern keine versteuerbaren Firmensitze haben und Weltklasse im Ausnutzen von länderübergreifenden Steuerschlupflöchern, wie dem berühmt-berüchtigten „Double Irish with a Dutch sandwich“ sind.

Im zweiten Quartal 2020 konnte Facebook global einen Gewinn in Höhe von rund 5,2 Milliarden US-Dollar ausweisen. Im gleichen Zeitraum lag der Umsatz von Facebook bei mehr als 18 Milliarden US-Dollar. 5,2 Milliarden US-Dollar Gewinn pro Quartal entsprechen ceteris paribus 20,8 Milliarden US-Dollar Gewinn pro Jahr.

2.7 Milliarden Menschen nutzen Facebook, Instagram, WhatsApp oder den Facebook Messenger, 2,1 Milliarden davon jeden Tag. Es gibt 1.56 Milliarden täglich aktive Facebook Nutzer und 2.32 Milliarden aktive Facebook Nutzer insgesamt.

In 2019 hat Facebook also 7,70 US-Dollar Gewinn pro User durch Verkauf der personenbezogenen Daten der User an Werbetreibende gemacht. In Europa hatte Facebook im ersten Quartal 2020 384 Millionen Nutzer. 384 Millionen Nutzer x 7,70 US-Dollar/Nutzer Gewinn = 2,9568 Milliarden US-Dollar Gewinn – das ist der Mindestbetrag, auf den Facebook in der EU Steuern zahlen sollte.

Als Messgrößen zur Ermittlung einer fairen Besteuerung sollte man genau die Mechanismen der sozialen Verhaltenskontrolle zugrunde legen, die von den Algorithmen der Datenkraken benutzt werden, um die personalisierte Werbung per Microtargeting zielgerichtet adressieren zu können, also Klicks, „Likes“, Kommentare und eigene Postings bzw. Artikel sowie die Verweildauer.

Fazit: Social Media-Plattformen, wie Google oder Facebook, haben aufgrund ihrer Reichweite und aufgrund ihrer manipulativen, „hinterfotzigen“ Geschäftsmodelle eine gewaltige Macht zur Manipulation von Meinungen und Verhaltensweisen von Milliarden von Menschen. Die Ziele dieser Social Media-Plattformen (Profitmaximierung durch personenbezogene Werbung auf Basis sozialer Verhaltenskontrolle in Echtzeit) und die Mittel, die zur Erreichung diese Ziele angewendet werden, führen zur Spaltung von Gesellschaften und zur Gefährdung der Demokratie. Die deutsche Bundesregierung und die EU-Kommission sollte nicht an den Symptomen herumdoktern, sondern das Problem durch Regulierung und effektive Besteuerung der Social Media-Plattformen an der Wurzel packen und dafür sorgen, dass die Geschäftsmodelle dieser Unternehmen so verändert werden, dass keine soziale Verhaltenskontrolle der Nutzer mehr erfolgen kann.

P.S.: Um jegliche Fehlinterpretation auszuschließen: Leistungsfähige Suchmaschinen und Social Media-Plattformen sind wunderbare Technologien mit vielen nützlichen Eigenschaften. Nur kann man diese Technologien auch ohne Überwachungskapitalismus durch soziale Verhaltenskontrolle und ohne die Monetarisierung von Nutzerdaten für Werbezwecke finanzieren und bereitstellen. Und genau das sollte die EU fördern, um endlich die angestrebte Datenautonomie zu erlangen. Meine Kritik richtet sich einzig und allein gegen die Geschäftsmodelle von Social Media-Plattformen, wie Google und Facebook, und nicht gegen die Services.

Ergänzende Lektüre:

▶︎ „Algorithmen, digitale Plattformen und andere unbekannte Wesen“ vom 11.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/11/algorithmen-digitale-plattformen-und-andere-unbekannte-wesen/

▶︎ „Wehret den Anfängen, aber wie?“ vom 11.01.2020: https://kubraconsult.blog/2021/01/11/wehret-den-anfangen-aber-wie/

▶︎ „Zensur durch Social Media-Plattformen – der richtige Weg?“ vom 10.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/10/zensur-durch-social-media-plattformen-der-richtige-weg/

▶︎ „Ihr digitaler Fußabdruck und Ihre Sicherheit im Internet“ vom 06.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/06/ihr-digitaler-fusabdruck-und-ihre-sicherheit-im-internet/

▶︎ „Why our laws can’t protect me from my digital stalker“ vom 09.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/09/why-our-laws-cant-protect-me-from-my-digital-stalker/

▶︎ „Zwölf Technologietrends für 2021“ vom 07.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/07/zwolf-technologie-trends-fur-2021/

▶︎ „Warum Werbung und soziale Medien uns unglücklich machen“ vom 06.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/06/warum-uns-werbung-und-soziale-medien-ungluecklich-machen/

▶︎ Auswahl von LinkedIn-Postings zum Thema Geschäftsmodelle Sozialer Medien und ihren Auswirkungen auf die Privatsphäre im 2. Halbjahr 2020 von mir veröffentlicht wurden: https://t1p.de/570u

▶︎ „Digitale Geschäftsmodelle und Plattformökonomie“ vom 06.09.2020: https://kubraconsult.blog/2017/09/06/digitale-geschaeftsmodelle-und-plattformoekonomie/

▶︎ „Die sozio-ökonomischen Folgen der Digitalisierung“ vom 14.03.2017: https://kubraconsult.blog/2017/03/14/die-soziooekonomischen-folgen-der-digitalisierung/

▶︎ „Was können die digitalen Champions von morgen von Apple, Google, Amazon, Facebook & Co. lernen?“ vom 20.01.2017: https://kubraconsult.blog/2017/01/20/was-koennen-die-digitalen-champions-von-morgen-von-apple-google-amazon-facebook-co-lernen/

▶︎ „Digitalisierungsstrategie für Deutschland“ vom 17.02.2018: https://kubraconsult.blog/2018/02/17/digitalisierungsstrategie-fuer-deutschland/

▶︎ Business-User.de-Artikel vom 11.02.2019 unter der Überschrift „Algorithmen sind allgegenwärtig – und fernab jeder Kontrolle“: https://business-user.de/digitalisierung/algorithmen-sind-allgegenwaertig-und-fernab-jeder-kontrolle/

▶︎ „What humanoid robots nowadays are already capable of doing“ vom 17.11.2017: https://kubraconsult.blog/2017/11/17/what-humanoid-robots-are-already-capable-to-do-today/ (only in English)

▶︎ „George Orwell war eine Warnung und keine Bedienungsanleitung“ vom 14.03.2017: https://kubraconsult.blog/2020/01/13/george-orwells-1984-war-eine-warnung-und-keine-bedienungsanleitung/

▶︎ „Wie die US-Regierung die US-amerikanische IT-Industrie diskreditiert“ vom 08.03.2017: https://kubraconsult.blog/2017/03/08/wie-die-us-regierung-das-internet-diskreditiert/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s