Ab Mitte Januar 2021 wurden die Newsfeeds vieler deutscher Social Media-Nutzer auf Facebook, LinkedIn, Twitter oder Instagram plötzlich mit Postings zu einer App namens „Clubhouse“ überflutet, die „drop-in Audio-Chats“ ermöglichen soll oder gar den „Social Podcast“ erfunden haben will. Hippe „First Mover“ schwärmten von der puristischen Einfachheit des Konzeptes: Audio only, ganz ohne Likes, Kommentare, Werbung und anderen Social Media-Features, und die „wahnsinnig spannenden und authentischen Diskussionen“, die dieser Setup ermöglicht. Sogar „Suchtpotenzial“ wird der App zugeschrieben.

Und Sascha Lobo argumentierte kürzlich in einer Clubhouse-Diskussion mit Frank Thelen, die von 5.000 Zuhörern verfolgt wurde: „Irgendwo auf der Welt passiert etwas und die wichtigsten Experten schalten sich in Minutenschnelle zusammen, ordnen ein und informieren. Dazu könnten virtuelle Konferenzen oder Lesungen kommen, interaktive Interviews, Feedbackgespräche, Redaktionskonferenzen, öffentliche Lern-, Fernsehguck- und Fragerunden.“ Weil, wir brauchen ja unbedingt Experten, die uns nicht nur erzählen, was in der Welt passiert ist, sondern auch was wir davon zu halten haben. Brave new World.

Um in den Genuss dieser revolutionären („disruptiven“) Vorzüge zu kommen, auf die die Welt viel zu lange gewartet hat, muss man sich als Angehöriger des illustren Kreises an Auserwählten, der ein iPhone besitzt, und eine Einladung zu „Clubhouse“ erhalten hat, einfach nur in der App registrieren. Anschließend kann man zum Beispiel den süßen Klängen der Stimme von Luisa Neubauer lauschen oder sogar live (aber ohne Farbe) mit dieser Ikone der interstellaren Klimaschutzbewegung diskutieren. Ein Träumchen, gell?

Aus meiner bescheidenen Perspektive ist die Clubhouse-App eher ein Alpträumchen. Nachfolgend finden Sie die 10 wesentlichen Gründe, warum ich Groupies, die die Clubhouse-App öffentlich promoten und hypen, bestenfalls für naive, leicht manipulierbare Opfer von Social Media-Datenkraken und schlimmstenfalls für asoziale Ignoranten ohne den gebotenen Respekt vor der Privatsphäre anderer Menschen halte:

  1. Der Anbieter und Betreiber von Clubhouse ist die Alpha Exploration Co., ein amerikanisches Startup, das offensichtlich auf Datenschutz, Datensicherheit und Recht und Gesetz in der Europäischen Union (EU) scheißt und gegen elementare Grundregeln und Gesetze zum Schutz der Privatsphäre verstößt.
  2. Hauptsitz dieses Startups ist 5335 Lawton Ave, Oakland, CA, 94618-1107, United States, d. h. das Unternehmen fällt unter US-Recht und ist somit unter dem Deckmäntelchen des „War against Terror“ gesetzlich verpflichtet, die Daten seiner Nutzer auf Anforderung ohne Gerichtsbeschluss an die National Security Agency (NSA) weiterzugeben. Wie wir spätestens seit 2013 durch den Whistleblower Edward Snowden wissen, fährt die NSA als Trittbrettfahrer bei US-Datenkraken immer und überall mit.
  3. Der Geschäftszweck der Alpha Exploration Co. und das Geschäftsmodell der Clubhouse-App – also die Frage, wie bzw. wodurch das Startup überhaupt Geld verdienen will – ist bislang unklar. Klar ist nur, dass namhafte Venture Capital-Firmen wie Andreessen Horowitz im Mai 2020 im Rahmen einer ersten Finanzierungsrunde satte 12 Millionen US-Dollar in die Alpha Exploration Co. bzw. in die Clubhouse-App investiert haben und das Startup auf 100 Millionen US-Dollar Marktkapitalisierung taxiert wurde – wohlgemerkt eine in 2020 (?!?) gegründete Klitsche, die zu diesem Zeitpunkt gerade mal 5.000 Beta-Tester hatte.
  4. Groupies, die den Hype um die Clubhouse-App befeuern, haben eindrucksvoll unter Beweis gestellt, wie leicht sie manipulierbar sind und wie unkritisch sie jedem noch so dämlichen Hype hinterherlaufen, wenn man nur die richtigen Knöpfe bei ihnen drückt – und zwar „whatever privacy violations it takes“. „Exklusivität“ als billiges Argument, um FOMO, also „fear of missing out“, auszulösen, reicht bei diesen Zeitgenossen schon aus. Und das auch noch kurz nach der Veröffentlichung des Netflix Doku-Dramas „The Social Dilemma“ im September 2020 und den Presseberichten, um die Änderung der Nutzungsbedingungen von WhatsApp im Januar 2021, welche den Austausch personenbezogener Nutzerdaten mit Facebook erleichtern sollen. Diese beiden Ereignisse sollten eigentlichen selbst dem größten Ignoranten klar gemacht haben, wie Social Media-Plattformen durch soziale Verhaltenskontrolle in die Privatsphäre ihrer Nutzer eindringen und warum der Schutz der Privatsphäre wichtig ist. Menschen, die sich trotz aller bekannten Risiken für Clubhouse registriert haben, muss man wohl Verantwortungsbewusstsein und Empathie für ihre Mitmenschen absprechen, die sie ans Messer der Datenkraken liefern. Der Herdentrieb und die Angst, etwas zu verpassen, scheinen offensichtlich stärker zu sein, als alle Bedenken. Merke: Wer immer der Herde hinterher rennt, sieht nur die Ärsche. Herzlichen Glückwunsch zu solch asozialem Verhalten.
  5. Man muss sich fragen, wer nach Nach 8 Stunden Videokonferenzen im Home Office, 3 Stunden Social Media-Networking, 2 Stunden E-Mail-Verkehr und 1 Stunde WhatsApp-Chat noch Zeit, Lust und Energie hat, um noch mehr seiner kostbaren Lebenszeit in einer weiteren Social Media-App zu verplempern? Und wenn ja, warum eigentlich? Um die geistigen Ergüsse von Joko Winterscheidt, Luisa Neubauer, Frank Thelen oder Sascha Lobo live und ungefiltert anhören zu können und um eventuell die Chance zu haben, zwei dürre Sätze mit diesen „Promis“ wechseln zu dürfen? Wie wär’s, stattdessen einfach mal wieder ein paar persönliche Worte mit der Familie oder den Freunden zu wechseln?
  6. Im Zuge der Registrierung fragt die Clubhouse-App u. a. persönliche Vorlieben und Interessen des Nutzers ab und verwendet zur Bestätigung der Registrierung die E-Mail-Adresse des Nutzers (siehe Screenshot etwas weiter unten im Text). Damit offenbart ein Nutzer einem fremden Unternehmen aus dem USA mit unbekanntem Geschäftsmodell und Verwendungszwecke der gesammelten Daten mehr persönliche Informationen, über sich, als den meisten seiner Bekannten und Kollegen. Warum eigentlich?
  7. Die Nutzer servieren dem Betreiber der Clubhouse-App ihre Stimme als biometrisches Erkennungsmerkmal auf dem Silbertablett (Stichwort: Voice-Recognition) – viele vermutlich, nachdem sie zuvor schon brav ihren Fingerabdruck und alle notwendigen Daten zur Gesichtserkennung bei Apple abgeliefert haben. Prominente Nutzern sieht und hört man zwar ohnehin im Fernsehen oder Radio, aber in Kombination mit Deep Fake – also der realistisch wirkenden Verfälschung von Medieninhalten (Foto, Audio und Video) mit Hilfe von Techniken der künstlichen Intelligenz – eröffnen die von Clubhouse aufgezeichneten Sprachdaten zusätzliche Angriffspotenziale. Und für Otto Normalverbraucher ergeben sich zusätzliche Risiken, wenn dessen Stimmprofil bislang noch nicht von Datenkraken erfasst wurde (was die Regel sein dürfte).
  8. Das komplette Telefonbuch des Smartphones (oder die komplette Kontaktliste eines bei der Anmeldung verwendeten Social Media-Accounts) werden spätestens dann auf Server von Clubhouse in den USA heruntergeladen, wenn man selbst neue Nutzer in die Clubhouse-App einladen will, d. h. man gibt ohne Zustimmung der Betroffenen fahrlässig die Kontaktdaten von Menschen preis, die von dieser Datenweitergabe nichts wissen.
  9. Die Clubhouse-Nutzer Bodo Ramelow, Saskia Esken, Christian Lindner oder Dorothee Bär haben in ihren Smartphone-Adressbüchern sicher viele interessante Kontakte – einschließlich deren private Rufnummern, z. B. von Mitgliedern der Bundesregierung und der Landesregierungen sowie von hochkarätigen Managern, Journalisten, Ärzten oder Rechtsanwälten. Die NSA freut sich bestimmt ein Loch in den Bauch über diesen kostenlosen Datenlieferservice.
  10. Es gibt nicht wenige Menschen, die aus Bequemlichkeit die gleichen Login-Daten (E-Mail-Adresse, Benutzerkennung, Passwort) für verschiedene Accounts im Internet nutzen – inklusive Online-Banking, Online-Trading und Online-Shopping sowie PayPal, Amazon und andere Anbieter, wo ihre Bank- oder Kreditkartendaten hinterlegt sind. Wenn die Betreiber der Clubhouse-App mit den Login-Daten ihrer Nutzer ähnlich unprofessionell umgehen, wie mit dem Schutz der Privatsphäre, der Datensicherheit oder der Performance der App, dann gute Nacht …

Jetzt denken einige von Ihnen bestimmt: „Meine Güte, diese Spaßbremsen vom Datenschutz. Die verhindern doch schon, dass in Deutschland die Corona-App und das Home Schooling einfach, effizient und ohne bürokratischen Overhead funktionieren. Reicht das denn nicht? Und ohne deren ständige Bedenkenträgerei könnte die EU endlich zur digitalen Plattform-Weltmacht aufsteigen, die bei sozialer Verhaltenskontrolle, Verdatung und Monetarisierung des Lebens von Social Media-Nutzern und Überwachungskapitalismus in der Lage wäre, den Digitalkonzernen aus USA und China die Stirn zu bieten. Lasst uns doch einfach mal machen!“

Diese Überlegungen werden bestimmt auch Rechtsausleger, wie Donald Trump in den USA, Marine Le Pen in Frankreich, Matteo Salvini in Italien, Geert Wilders in den Niederlanden oder Björn Höcke in Deutschland mit ihren Anhängern anstellen – oder gar Verschwörungstheoretiker, Corona-Leugner, Impfgegner, Verfassungsfeinde, Kinderschänder, Rassisten, Islamisten, Terroristen, kriminelle Clans, mafiöse Gruppierungen oder Antisemiten. Lasst uns doch einfach mal machen! Ist das dann auch noch so cool und hipp, wenn sich diese Gruppen auf Clubhouse zusammenrotten, vernetzen und ihr krudes Gedankengut in die Welt verteilen zum Nachteil und Schaden von Demokratie und Gesellschaft? Und wie kann man solche Umtriebe stoppen? Wo hört das Akzeptable auf und wo fängt das Inakzeptable an? Und wer entscheidet, was akzeptabel oder inakzeptabel ist? Und wie schnell wird das entschieden? Werden Sprachbotschaften von Rechtsextremen und Verschwörungstheoretikern z. B. in Deutschland durch intransparente Algorithmen oder billige Offshore-Mitarbeiter in Indien oder Osteuropa, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, auf Basis des US-amerikanischen Rechtsverständnisses bzw. auf Basis der Clubhouse-Nutzungsbedingungen „on the fly“ zensiert? Fragen über Fragen …

Stichhaltige Argumente, warum diese „Lasst uns doch einfach mal machen!“-Einstellung viel zu kurz springt und warum Sie Ihre personenbezogenen Daten und die Kommunikationsdaten ihrer Kontakte im Smartphone bzw. auf anderen Social Media-Plattformen unter keinen Umständen so leichtfertig aus der Hand geben sollten, finden Sie in den folgenden Blogs:

▶︎ „Kontrolle über Daten ist Kontrolle über Menschen“ vom 14.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/14/kontrolle-uber-daten-ist-kontrolle-uber-menschen/

▶︎ „Why our laws can’t protect me from my digital stalker“ vom 09.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/09/why-our-laws-cant-protect-me-from-my-digital-stalker/

▶︎ „Algorithmen, digitale Plattformen und andere unbekannte Wesen“ vom 11.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/11/algorithmen-digitale-plattformen-und-andere-unbekannte-wesen/

▶︎ „Leben im „Hier und Jetzt“ und die Chronik von Facebook“ vom 15.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/15/leben-im-hier-und-jetzt-und-die-chronik-von-facebook/

▶︎ „Warum Sie WhatsApp jetzt verlassen sollten“ vom 08.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/08/warum-sie-whatsapp-jetzt-verlassen-sollten/

▶︎ „Eigene Webseite vs. Social Media Account“ vom 29.12.2020: https://kubraconsult.blog/2020/12/29/eigene-webseite-vs-social-media-account/

▶︎ „Social Media-Plattformen – wenn der Bock den Gärtner spielt“ vom 12.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/12/social-media-plattformen-wenn-der-bock-den-gartner-spielt/

▶︎ „Zensur durch Social Media-Plattformen – der richtige Weg?“ vom 10.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/10/zensur-durch-social-media-plattformen-der-richtige-weg/

▶︎ „Wehret den Anfängen, aber wie?“ vom 11.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/11/wehret-den-anfangen-aber-wie/

▶︎ „Wie die US-Regierung die US-amerikanische IT-Industrie diskreditiert“ vom 08.03.2017: https://kubraconsult.blog/2017/03/08/wie-die-us-regierung-das-internet-diskreditiert/

▶︎ „George Orwell war eine Warnung und keine Bedienungsanleitung“ vom 14.03.2017: https://kubraconsult.blog/2020/01/13/george-orwells-1984-war-eine-warnung-und-keine-bedienungsanleitung/

Screenshots aus der Clubhouse-App:

Einige aktuelle Artikel zum Thema Clubhouse-Hype aus dem Januar 2021 finden Sie hier:

  1. https://datenschutz-generator.de/clubhouse-recht-datenschutz/
  2. https://www.vice.com/de/article/epdqan/hype-app-so-riskant-ist-es-sich-auf-clubhouse-anzumelden
  3. https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/clubhouse-gespraechs-app-bietet-hackern-zahlreiche-angriffsmoeglichkeiten-a-f6441e56-7589-41dc-beec-0fee4720dee6
  4. https://futurezone.at/netzpolitik/ist-die-gehypte-app-clubhouse-datenschutzkonform/401168572
  5. https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/DigitaleGesellschaft/Biometrie/AllgemeineEinfuehrung/allgemeineeinfuehrung_node.html
  6. Authentifizierung durch Sprache: Potenziale und Grenzen biometrischer Systeme: https://subs.emis.de/LNI/Proceedings/Proceedings44/GI-Proceedings.44.innen-17.pdf
  7. Prepare, Don’t Panic: Synthetic Media and Deepfakes: https://lab.witness.org/projects/synthetic-media-and-deep-fakes/
  8. https://dirico.io/blog/so-funktioniert-clubhouse-und-so-kommt-ihr-an-eine-einladung/
  9. https://www.ingenieur.de/technik/fachbereiche/medien/clubhouse-datenschutzexperten-warnen-vor-der-app/
  10. https://www.fr.de/wirtschaft/clubhouse-app-daten-datenschutz-usa-audio-whatsapp-instagram-twitter-social-media-ltt-zr-90174907.html
  11. https://www.forbes.com/sites/alexkonrad/2020/05/15/andreessen-horowitz-wins-vc-sweepstakes-to-back-clubhouse-voice-app/
  12. https://www.spiegel.de/netzwelt/apps/clubhouse-was-man-ueber-die-trend-app-wissen-sollte-a-e958fd5c-2664-477a-b4ac-411093d38f90
  13. https://www.zeit.de/digital/mobil/2021-01/clubhouse-social-media-app-audio-iphone-faq
  14. https://www.n-tv.de/technik/Clubhouse-soll-auch-fuer-Android-kommen-article22313692.html
  15. https://www.businessinsider.de/tech/werbung-abomodelle-datenschutz-was-die-clubhouse-agbs-ueber-das-geschaeftsmodell-des-gehypten-startups-verraten/
  16. https://www.julianheck.de/blog/clubhouse-unter-der-lupe-audio-livestreaming-im-ersten-test/
  17. https://t3n.de/news/hype-um-clubhouse-diese-1349947/
  18. https://www.handelsblatt.com/technik/it-internet/soziales-netzwerk-zum-hoeren-clubhouse-was-steckt-hinter-der-neuen-hype-app/26826140.html
  19. https://www.handelsblatt.com/technik/it-internet/audio-plattform-datenschuetzer-hype-app-clubhouse-verstoesst-gegen-europaeische-regeln/26831668.html

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