In Social Media-Netzwerken trifft man zunehmend auf Wissenschaftler, die eine politische Agenda verfolgen und sich die die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie zunutze machen, um die öffentliche Meinung zugunsten dieser politischen Agenda zu verfolgen. Das gilt für Klimatologen, Ökologen, Virologen und auch Ökonomen. Durch (partei-)politische Einlassungen machen diese Wissenschaftler nicht nur sich selbst unglaubwürdig, sondern sie erweisen auch der Wissenschaft einen Bärendienst.

Der große deutsche Soziologe und Nationalökonom Max Weber hat vor mehr als 100 Jahren bereits auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Am 7. November 1917 sprach Max Weber in München in einer Buchhandlung vor einem liberalen Studentenbund („Freier studentischer Bund“) zwei Stunden lang über „Wissenschaft als Beruf„. Die Rede wurde stenografiert und anschließend in Buchform gedruckt.

In der FAZ erschien am 12.12.2020 ein Kommentar unter der Überschrift „Aktivistische Wissenschaftler„, in dem einige wesentliche Aussagen von Max Weber aufgegriffen und zitiert wurden.

<Zitat Anfang>

Die Frauenquote ist das neueste Beispiel: Lange hatte die große Koalition diskutiert, ob in großen Konzernen künftig ein bestimmter Anteil der Vorstandsmitglieder weiblich sein müsse. Dass es in Berlin schließlich einen Durchbruch gab, schreibt sich auch die Initiative #ichwill auf die Fahne, die zuvor mächtig Druck gemacht hatte. An vorderster Front der Kampagne kämpfte Jutta Allmendinger, die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin. Kurz nach dem Beschluss veröffentlichte die Soziologin auf Twitter ein Foto, auf dem sie eine Flasche Sekt in Siegerpose in die Höhe reckt. Eine Forscherin als erfolgreiche Aktivistin.

Diese Episode steht beispielhaft für einen besorgniserregenden Trend. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler treten zunehmend als Aktivisten in Erscheinung, die durch Kampagnen oder professionelle PR-Arbeit das politische Geschehen beeinflussen wollen: Unter dem Slogan „Scientists for Future“ haben sich beispielsweise Hunderte Forscher unterschiedlicher Disziplinen mit den Klimaaktivisten um Greta Thunberg verbündet. Sie unterstützen den Klimastreik und stehen bei Kundgebungen auf der Bühne. Ein anderes Beispiel ist die „Heinsberg-Studie“ des Virologen Hendrik Streeck. Sie ist auch deshalb so bekannt, weil NRW-Ministerpräsident Armin Laschet und die Kommunikationsagentur „Storymachine“ bei der Vermarktung halfen.

Auf den ersten Blick mag das Sendungsbewusstsein der Forscher nicht verwerflich erscheinen. Was spricht schon dagegen, wenn hochspezialisierte Fachleute die Probleme, die sie erforschen, auch gleich selbst aus der Welt schaffen wollen? Und sind Gleichberechtigung und Klimaschutz nicht per se „gute Ziele“, für die es gar nicht genug Vorkämpfer geben kann?

Wer so argumentiert, macht es sich zu einfach. Aktivistische Wissenschaftler waren schon Max Weber, dem vor einhundert Jahren gestorbenen Soziologen, ein Greuel. Die Aufgabe des Forschers, so Weber, sei die Suche nach möglichst objektiven Erkenntnissen. Verpflichtet seien sie einzig und allein der Wahrheit. Das von ihnen produzierte Wissen sei vorläufig, interpretationsbedürftig und selten eindeutig. Was heute gilt, kann morgen überholt sein. Niemand, auch nicht der beste Wissenschaftler, hat also die Wahrheit gepachtet. In seinem Aufsatz „Wissenschaft als Beruf“ warnt Weber: „Praktisch-politische Stellungnahme und wissenschaftliche Analyse politischer Gebilde und Parteistellung ist zweierlei.“ Wissen eröffne zwar Handlungsmöglichkeiten, enthalte aber keine Hinweise darauf, welche konkrete Entscheidung zu treffen ist. Mischt der Wissenschaftler sich in die Politik ein, begibt er sich auf ein Terrain, auf dem nicht er, sondern der Politiker Experte ist.

Wer das als Forscher ernst nimmt, berät Politik, hält aber genügend Distanz zu den zu treffenden Entscheidungen. Die Politiker sind es, die Interessen ausgleichen, Überzeugungsarbeit leisten und am Ende pragmatische Lösungen finden müssen. Expertenwissen ist dafür die Grundlage, es macht Wissenschaftler aber keineswegs zu besseren Politikern. Im Gegenteil: Es ist ein Problem, wenn Wissenschaftler in der politischen Auseinandersetzung mit der Autorität ihrer Forschungsleistung so tun, als sei ihre Forderung automatisch die „bessere“. Wer Wissen derart normativ auflädt, erhebt einen Absolutheitsanspruch, der keine Kompromisse vorsieht.

Schaden kann der politische Aktivismus zudem, weil Wissenschaft vom Wettstreit konkurrierender Ideen und von der Ergebnisoffenheit lebt, mit der sie betrieben wird. Entsteht der Eindruck, dass den Wissenschaftler nicht die Neugier, sondern Interessen leiten, untergräbt das seine Glaubwürdigkeit: Umfragen zeigen, dass Menschen den Forschern der Universitäten höheres Vertrauen entgegenbringen als Forschern, die für Unternehmen arbeiten.

Dasselbe dürfte für politische Parteinahme gelten: Warum sollte jemand noch als vollkommen unabhängig und damit als wissenschaftlich vollständig vertrauenswürdig angesehen werden, wenn klar ist, dass sie oder er eine politische Agenda verfolgt? Der Grat zwischen Wahrheitssuche und Ideologie wird dann immer schmaler.

Wenn am Ende durch den politischen Aktivismus in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, dass sich Wissenschaftler oder ganze Wissenschaftszweige auf eine Richtung festgelegt haben, wäre das der größte anzunehmende Schaden. Gerade jetzt, in der vielbeschworenen „postfaktischen“ Ära, müssen Forscher alles dafür tun, so vertrauenswürdig und unabhängig wie möglich zu bleiben. Kampagnen und Aufrufe, seien sie auch noch so gut gemeint, stehen dem am Ende entgegen.

<Zitat Ende>

Max Webers Logik kann man auch auf Journalisten übertragen. Kurz vor seinem Tod gab „der Anchorman des deutschen Fernsehens“, Hanns Joachim Friedrichs, dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL am 26.03.1995 ein Interview, welches unter der Überschrift „Cool bleiben, nicht kalt“ veröffentlicht wurde. In diesem Interview schreibt er seinen Kollegen und Nachfolgern folgende bemerkenswerte Sätze ins Stammbuch:

SPIEGEL: „Hat es Sie gestört, dass man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren muss?“

Friedrichs: „Nee, das hat mich nie gestört. Solche Skrupel sind mir fremd. Also, wer das nicht will, wer die Seele der Welt nicht zeigen will, in welcher Form auch immer, der wird als Journalist zeitlebens seine Schwierigkeiten haben. Aber ich hab‘ es gemacht, und ich hab‘ es fast ohne Bewegung gemacht, weil du das anders nämlich gar nicht machen kannst. Das hab‘ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, dass die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.“

Der Journalist, Essayist und Dramatiker Tuvia Tenenbom gab ebenfalls dem SPIEGEL am 31.03.2017 ein Interview, welches unter dem Titel „Ihr Deutschen denkt wirklich, dass ihr besser seid“ veröffentlicht wurde. Das Interview beginnt wie folgt:

SPIEGEL ONLINE: „Herr Tenenbom, wie steht es Ihrer Meinung nach um die Medienlandschaft und die Meinungsfreiheit hierzulande?“

Tenenbom: „Es gibt keinen Journalismus mehr, vor allem in Deutschland nicht. Stattdessen gibt es Aktivismus. Journalisten berichten nicht mehr, was geschieht, sondern was wir denken sollen. Carolin Emcke, die 2016 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen hat, ist eine Aktivistin, keine Journalistin. Sie predigt.“

SPIEGEL ONLINE: „Die besten Journalisten sind für Sie also jene …“

Tenenbom: „… die von Tatsachen berichten. Und die uns nicht erzählen, was richtig und was falsch ist.“

SPIEGEL ONLINE: „Aber ist es nicht zum Beispiel ganz elementar, gegen Hass einzutreten, wie es Emcke getan hat?“

Tenenbom: „Nein. Das kann man im Privatleben praktizieren, aber nicht im Journalismus. Wenn ich Juwelier bin und Ihnen einen Diamanten verkaufe, tue ich das auch nicht nur dann, wenn Sie das glauben, was ich glaube. Die Aufgabe eines Journalisten ist es nicht, zu den Massen zu predigen. Der Juwelier soll Ihnen verkaufen, was Sie wollen, und der Journalist soll Ihnen die Wahrheit sagen. Mehr nicht.“

Befangene, aktivistische Wissenschaftler und Journalisten sind der Aufmerksamkeitsökonomie des 21. Jahrhunderts, in der Trends auf Social Media-Plattformen, wie Twitter, Facebook oder LinkedIn die Agenda der Nachrichtenredaktionen und das Denken und Handeln von Politikern beeinflussen, wenn nicht sogar prägen, ein echtes Problem.

Wie es funktionieren kann, erläuterte der ehemalige Chefredakteur des britischen Guardian, Alan Rusbridger, der Neuen Zürcher Zeitung am 11.05.2019 in einem Interview, welches unter der Überschrift „Nur wer phantastischen Journalismus bietet, wird überleben“ veröffentlicht wurde.

NZZ: „Inwiefern hat sich denn der Journalismus in den letzten Jahren fundamental verändert?“

Rusbridger: „In der Vergangenheit war die Welt vertikal angeordnet. Wer eine Druckmaschine hatte, konnte die Nachrichten gewissermassen an die Leute herunterreichen. Dieses Verhältnis wird durch eine Welt herausgefordert, in der vier Milliarden Menschen auf einer mehr oder weniger horizontalen Ebene miteinander sprechen können. Es scheint unmöglich, sich vorzustellen, dass sich diese horizontale Vernetzung nicht auch in Trump und Brexit ausdrückt. Wir haben jetzt eine andere Art von Politik, Dialog und Aktivismus. Die Aufgabe für den Mainstream-Journalismus besteht darin, herauszufinden, wie man sich in diese Diskussionen einfügt, gehört wird und als relevant und vertrauenswürdig angesehen wird.“

NZZ: „Heutzutage werden die Medien aber oft als abgehobene Elite angesehen, nicht nur von Populisten. Wie sollten die Medien mit dem Misstrauen und der Feindseligkeit umgehen, die ihnen entgegenschlagen?“

Rusbridger: „Ich möchte in einer ersten Annäherung mit einem Zitat von Marty Baron antworten, dem Chefredaktor der «Washington Post». Er hat einmal gesagt: «Wir sind nicht im Krieg, wir sind bei der Arbeit.» Ich denke, das ist richtig. Wir müssen so gut wie möglich in dem sein, was wir tun. Die Menschen werden ein Bedürfnis nach dieser Art von hochwertiger Arbeit verspüren und das honorieren.“

NZZ: „Und sonst?“

Rusbridger: „Die zweite Antwort ist: Wir müssen den Journalismus als Geschäft und als Dienst an der Öffentlichkeit betrachten. Wenn wir von der Öffentlichkeit verlangen, dass sie uns unterstützt, müssen wir beweisen können, dass das, was wir tun, im öffentlichen Interesse liegt. Und es gibt eine ganze Menge Journalismus, der diesen Test nicht besteht – nämlich dort, wo es nur um Unterhaltung, Klicks und das Anbiedern an Werbetreibende geht. Antwort Nummer drei ist: Wenn man will, dass einem vertraut wird, muss man zuhören und bescheiden sein, besonders auf Social Media. Gleichzeitig müssen wir unsere Arbeitsweise ändern. Unser Ziel sollte es sein, sagen zu können: «Ich werde dir diese Story nicht nur erzählen. Ich lege dir auch dar, warum ich das weiss, und hier sind meine Beweise.» Es ist eine grundlegende Sache, die viele Journalisten und Medienhäuser immer noch nicht tun.“

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