Ich stamme aus einer Kleinstadt mit ca. 2.000 Einwohnern im ehemaligen Fürstentum Waldeck (https://www.facebook.com/MeinRhoden/). In dieser Kleinstadt gab es den 1950er und 1960er Jahren unter anderem noch 7 Bäckereien, 4 Metzgereien, 8 Schreiner und 10 Geschäfte, in denen Lebensmittel (Milch, Fisch oder Kolonialwaren) verkauft wurden – insgesamt mehr als 180 Betriebe, die mit wenigen Ausnahmen entweder dem Handel, Handwerk oder Gewerbe zuzuordnen waren, und die den größten Teil der Einwohner meiner Heimatstadt mit Brot und Arbeit versorgten.

Der Siegeszug der Discounter (ALDI) und Großmärkte (Rewe) in den 1970er und 1980er Jahren sowie die zunehmende Verbreitung des Internets mit seinen eBusiness-Plattformen (Amazon, eBay) ab der zweiten Hälfte der 1990er Jahre versetzte den meisten dieser kleinen Betriebe den Todesstoß. Die Einwohner kauften nicht mehr beim teureren Tante Emma-Laden im Ort, sondern fuhren in die Nachbarstadt zu ALDI – nicht nur um Lebensmittel zu kaufen, sondern auch Fleisch, Wurst und Brot. eBay und Amazon boten ab den 2000er Jahren neben einer immer größeren Auswahl an Produkten auch günstige Preise, mit denen die meisten Familienbetriebe vor Ort nicht mehr konkurrieren konnten.

Heute gibt es in meiner Heimatstadt nur noch einen Rewe-Markt mit Metzgerei und zwei kleine Bäckereien; fast alle anderen Betriebe mussten schließen. Viele Einwohner meiner Heimatstadt nehmen zum Teil weite Wege in Kauf, um zu ihren Arbeitsstellen in anderen Städten zu gelangen oder verlagern ihren Lebensmittelpunkt (wie ich) gleich in die Großstädte, in denen es neben interessanten Arbeitsstellen auch attraktivere Möglichkeiten zum Einkaufen oder zur Freizeitgestaltung gibt.

Der Niedergang der kleinen Betriebe in meiner Heimatstadt dürfte exemplarisch sein für den Wandel, der sich in den meisten deutschen Kleinstädten und Dörfern während der letzten 40 Jahre vollzogen hat – und das ist zunächst einmal sehr bedauerlich. Die entscheidende Frage ist, was wir aus dieser Entwicklung lernen können?

Ein von mir sehr geschätztes chinesisches Sprichwort sagt: „Wenn der Wind des Wandels weht, bauen einige Menschen Mauern und andere Windmühlen“. Ganz im Sinne dieses Sprichwortes lehrte mich ein Brotschrank, den ich vor einigen Jahren für meine Wohnung kaufen wollte, dass das Internet auch für kleine und kleinste Betriebe auf dem flachen Land durchaus Chancen und Potenziale zur Gewinnung neuer Kunden bzw. zur Ausweitung ihres Umsatzes eröffnen kann.

Bei der Suche nach einem geeigneten Brotschrank für meine neue Wohnung stieß ich im Internet in 2005 auf die Webseite einer Schreinerei in Baden-Württemberg. Auf Ihrer „handgeschnitzten“ Webseite (http://antik-moebel-markt.de), die sich bis heute kaum verändert hat (obwohl ein professioneller Webdesigner vermutlich über das Layout schmunzeln würde), bot diese Schreinerei eine große Auswahl von Bauernmöbeln zu vergleichsweise günstigen Preisen an. Am Telefon erklärte mir der Schreiner, dass es sich bei den Möbeln um zum Teil jahrhundertealte Originale handelte, die er von Bauernhöfen in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz kaufte, um sie anschließend in Tschechien kostengünstig restaurieren und aufarbeiten zu lassen und schließlich über seine Webseite zu verkaufen – einige Objekte sogar in bis die USA und nach Korea. Da mir die angebotenen Möbelstücke sehr gut gefielen, kaufte ich ihm am Ende nicht nur einen Brotschrank, sondern auch noch vier Bauernschränke ab, die er wenige Tage nach der Bestellung persönlich an mich auslieferte und vor Ort fachgerecht aufbaute.

Dieser Schreiner aus Baden-Württemberg ist für mich eines der eindrucksvollsten Beispiele für eBusiness und Nearshoring, die ich während meiner mehr als 25-jährigen Karriere als Manager gesehen habe. Das Beispiel zeigt, dass auch kleine und kleinste Betriebe mit geringem Aufwand von den Möglichkeiten des Internets profitieren können, wenn sie bereit sind, sich Innovationen zu öffnen und einige ihrer Prozesse zu digitalisieren.

Insbesondere kleine Betriebe, die besonders seltene oder handwerklich besonders gut gemachte Produkte herstellen, können über das Internet Zugang zu überregionalen oder sogar internationalen Kunden gewinnen und damit ihr Geschäft wesentlich ausweiten. So gibt es zum Beispiel mittlerweile eine Reihe von kleinen Metzgereien in Nordhessen, Ostwestfalen oder Südniedersachen, die ihre berühmte „Ahle Wurscht“, eine sehr schmackhafte regionale Wurstspezialität, mit großem Erfolg über das Internet an Kunden aus aller Welt verkaufen (http://www.ahle-wurscht.de). Ein anderes Beispiel, das ich selbst gerne in Anspruch nehme, ist der Kauf guter Weine bei regionalen Winzern, die normalerweise nicht die Möglichkeit haben, ihre hochwertigen Produkte außerhalb ihres lokalen Wirkungskreises zu vermarkten.

Wenn ein kleiner Betrieb selbst keine eigene Webseite aufbauen kann oder will, dann kann er seine Produkte auch über Amazon, Ebay oder spezialisierte Plattformen, wie Manufactum, anbieten. Neben einer anwenderfreundlichen Webseite, die es dem Kunden ermöglicht, auf einfache Art und Weise seine Bestellungen aufzugeben, halte ich kurze Reaktionszeiten bei der Bestätigung und Auslieferung der Ware für einen wesentlichen Erfolgsfaktor. Darüber hinaus kann man durch eine hochwertige Verpackung oder kleine Geschenke (und wenn es nur eine kleine Tüte mit Gummibärchen ist) Kunden positiv an sich binden und zu Folgebestellungen motivieren.

Fazit: eBusiness und Digitalisierung sind nicht nur für internationale High-Tech-Unternehmen von entscheidender Bedeutung, sondern bieten auch beträchtliche Chancen für kleine und kleinste Betriebe. Vielleicht gelingt es ja sogar durch die Nutzung dieser Möglichkeiten, die Kleinstädte und Dörfer in Deutschland wieder attraktiver zu machen und durch Schaffung von Arbeitsplätzen in den Regionen der „Landflucht“ entgegen zu wirken.

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