Als Berufstätiger steht man permanent vor der Herausforderung, seine „Work-Life-Balance“ so ausgewogen zu gestalten, dass weder die Arbeit, noch die Familie (noch die eigenen Bedürfnisse) zu kurz kommen. Diese Herausforderung gewinnt sprunghaft an Qualität und Bedeutung, sobald sich Nachwuchs einstellt und die Eltern neben den vielen Glücksmomenten auch vielfältige Stress- und Konfliktsituationen erleben, auf die sie in der Regel nicht ausreichend vorbereitet sind. Die meisten werdenden Eltern haben interessanterweise eine sehr realistische Vorstellung davon, wie die Zeit bis zur Geburt ihres (ersten) Kindes aussieht – nicht zuletzt durch so genannte „Geburtsvorbereitungskurse“ (im Volksmund auch als „Hechelkurse“ bekannt). Welche riesige Verantwortung sie für die kommenden Jahrzehnte übernommen haben, wird vielen Eltern häufig jedoch erst, nach der Geburt ihres (ersten) Kindes klar.

Ich bin vor rund 20 Jahren anlässlich der Geburt meiner ältesten Tochter zufällig auf das Buch „Das Geheimnis glücklicher Kinder“ von Steve Biddulph gestoßen und halte es für eine wahre Perle unter den Erziehungsratgebern. In den vergangenen 20 Jahren habe ich versucht, die Grundsätze von Steve Biddulph bei der Erziehung meiner drei Kinder anzuwenden.

Der Bestseller-Autor Steve Biddulph stammt aus Australien und ist Kinderpsychologe und Erziehungsberater.  Mit viel Einfühlungsvermögen und Verständnis geht er auf z.B. auf Konflikte, Kommunikationsprobleme, Familienstrukturen, altersbedingte Herausforderungen und vieles mehr ein. Seine Kommunikationstipps eignen sich dabei nicht nur für den Umgang mit Kindern, sondern gelten im Grunde für jeden und seine Vorschläge dafür, wie Eltern zu neuen Energien kommen können, sind wirklich hilfreich.

„Das Geheimnis glücklicher Kinder“ ist eines der Bücher, dass man jedem Elternpaar bei der Geburt seines ersten Kindes schenken möchte (was ich auch schon mehrfach getan habe). Die nachfolgende Zusammenfassung der wesentlichen Inhalte des Buches habe ich ursprünglich nur für mich selbst erstellt, möchte sie aber nun interessierten Lesern auf diesem Wege zugänglich machen:

  1. „Du bist“-Sätze setzen sich im Unterbewusstsein der Kinder fest.
  2. Man soll seinen Kindern positive Botschaften vermitteln und diese durch Gesten bekräftigen („verankern“).
  3. Man sollte demütigende Äußerungen gegenüber seinen Kinder vermeiden, auch wenn sie positiv gemeint sind (wie z. B. „Du kleiner Tolpatsch“).
  4. Sachverhalte gegenüber Kindern besser positiv erklären („Sei bitte leise“), als negativ erklären („Sei nicht so laut“).
  5. Kinder versuchen Aufmerksamkeit zu erregen, um Zuwendung und Anregung anderer Menschen zu erfahren.
  6. Kinder brauchen, um glücklich zu sein, einen täglichen Anteil an Gesprächen, in denen sie Zuneigung und etwas Lob erfahren.
  7. Kinder verhalten sich auffällig, wenn sie sich langweilen, weil sie sich abgelehnt fühlen oder um Aufmerksamkeit zu erhalten.
  8. Wenn man sich entscheidet, Zeit mit den Kindern zu verbringen, dann muß man sich an ihre Bedürfnisse anpassen und seine eigene Drehzahl herunterfahren.
  9. Man sollte die Verantwortung für die Lösungsfindung und das Vergnügen an der Lösungsfindung dem Kind überlassen, indem man das Problem in eine Lernerfahrung umwandelt (statt das Problem für das Kind zu lösen).
  10. Was wir wirklich anstreben, sind Kinder, die die vielfältigen Gefühle, die das Leben mit sich bringt, zulassen und mit ihnen umgehen können.
  11. Kleinkinder haben keine Hemmungen – sie drücken einfach und spontan ihre Gefühle aus. Mit dem Heranwachsen müssen sie lernen, ihre Gefühle in einem sozialen Zusammenhang auszuleben und die mächtigen Energien, die Gefühle verleihen, in konstruktive Bahnen zu lenken.
  12. Wann immer wir das Verhalten unserer Kinder ändern wollen, sollten wir zum Ziel haben, was ihnen später, wenn sie erwachsen sind, nützlich sein kann.
  13. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran. Es ist wahrscheinlicher, dass das Kind das tut, was Sie tun, als das, was Sie sagen. Was Sie anstreben, sollten Sie auch vorleben.
  14. Zu empfehlende Erziehungsmethode: Strenge Regeln gekoppelt mit positiver Zuwendung
    • Hart bzw. streng, aber berechenbar sein, so dass die Kinder wissen, welche Regeln gelten und wie man sich aus Schwierigkeiten heraushält.
    • Daneben den Kindern deutlich und oft sagen, dass man sie liebt und schätzt. Niemals die Kinder ablehnen.
  15. Es gibt drei Reaktionsmuster von Eltern auf das ungezügelte Verhalten ihrer Kinder: Aggressivität, Passivität und Bestimmtheit.
  16. Bei ungezügeltem Verhalten besteht der Trick darin, einfach nicht nachzugeben. Wenn das Kind herausfindet, dass Sie nicht nachgeben, keinen unterhaltsamen kleinen Nervenzusammenbruch erleiden und sich nicht ablenken lassen – dann folgt es einfach. Stellen Sie sicher, dass Sie die ungeteilte Aufmerksamkeit des Kindes haben, blicken sie ihm in die Augen, nehmen Sie Tonfall und Körperhaltung ein, die dem Kind klar signalisieren „Jetzt wird es ernst“.
  17. Selbstbewusste Eltern lernen zugleich liebevoll und streng zu sein – und ihre Kinder zeigen sich dadurch ausgeglichener.
  18. Bestimmt auftretende Eltern:
    • haben keine Angst vor Konflikten,
    • stellen klare Forderungen und geben klare Anweisungen,
    • stellen die Regeln auf und halten die Folgen dieser Regeln konsequent durch,
    • sind verhandlungsbereiter, je älter die Kinder werden.
  19. Grundsätzlich gilt: Ein Kind, das mit seiner Mutter etwas verhandelt, soll das auch mit ihr zu Ende bringen. Der Vater sollte lediglich dafür sorgen, dass das Kind bestimmte Grenzen einhält und die Sache vorankommt.
  20. Wenn kleine Kinder Aufgaben erledigen, lernen Sie dabei rechtzeitig Verantwortung zu übernehmen.
  21. Ihr Ziel sollte sein, eine Person zu erziehen, die mit 18 Jahren einen Beitrag zum Haushalt leistet, der dem der Eltern ziemlich nahe kommt, d. h. mindestens einmal pro Woche für die ganze Familie zu kochen und Verantwortung für zumindest einen Alltagsbereich zu übernehmen.
  22. Kompetenz auf allen Gebieten des täglichen Lebens sollte im Rahmen der Erziehung vermittelt werden: Kochen, Waschen, Putzen, Tierpflege, Umgang mit Geld und Zeit, Verhandlungsgeschick und Teamwork.
  23. Kinder scheinen am glücklichsten aufzuwachsen, wenn Mutter und Vater aneinander interessiert sind und liebevoll miteinander umgehen – und zwar in einem Ausmaß, dass die Kinder sich nicht zwischen die Eltern drängen können, auch wenn sie es versuchen (was sie tun!).
  24. Wenn die Partnerschaft der Eltern in echte Schwierigkeiten gerät und die Streitereien kein Ende nehmen, dann spüren Kinder das ganz deutlich. Der Konflikt kann vor den Kindern nicht verheimlicht werden, egal, was man macht, um ihn zu vertuschen.
  25. Ein Kind ist glücklicher mit einem alleinerziehenden Elternteil als in einer unglücklichen Ehe. Wegen der Kinder zusammenzubleiben, obwohl die Ehe sie unglücklich macht, ist ein Fehler.
  26. Zehn Minuten, die ihre Ehe retten können:
    1. Setzen Sie sich zusammen, sobald Sie nach Hause gekommen sind.
    2. Essen Sie etwas, um Ihren Magen zu beruhigen und Energie aufzunehmen.
    3. Schicken Sie die Kinder beiseite, falls sie Sie in der Ruhephase stören (nur für 10 Minuten).
    4. Trinken Sie etwas, um sich zu entspannen.
    5. Reden Sie, möglichst über etwas Positives oder freuen Sie sich daran, zusammen zu sein.
  27. Sie werden merken, dass alles viel leichter von der Hand geht, weil sich Ihr ganzer Rhythmus – einschließlich der Pulsfrequenz – auf den Rhythmus Ihres Partners eingestellt hat. Dieses tägliche Ritual ist so einfach, und doch hat es eine ungeheure Wirkung. Es rettet Ehen. Es ist unkompliziert. Versuchen Sie es einmal!
  28. Kinder und Fernsehen: Gewaltszenen und die geringe Wertschätzung eines Menschenlebens im Fernsehen entziehen den Kindern den Bezug zur Realität und tragen dazu bei, dass ihre Gefühle verkümmern. Außerdem entgeht ihnen so viel anderes: Der flimmernde Kasten hypnotisiert die Kinder und raubt ihnen die Zeit, die sie normalerweise mit Rennen, Springen, Spielen, Reden, Lesen und kreativem Gestalten verbringen würden. Nachtrag: SmartPhones und Playstations haben erst nach der Veröffentlichung des Buches ihren Siegeszug durch die Kinderzimmer begonnen; die vorgenannten Aussagen gelten jedoch gleichermaßen oder sogar vor allem für SmartPhones und Playstations, mit denen Kinder mittlerweile deutlich mehr Zeit verplempern, als mit Fernsehen.
  29. Kriterien zur Bewertung des Kinderprogramms:
    1. Ist das die Art von Sprache, die Ihre Kinder lernen sollen?
    2. Wird die Vorstellungskraft gefördert?
    3. Welche Werte werden vermittelt?
  30. Überlastete Eltern erreichen irgendwann einen Punkt, an dem sie nicht mehr liebevolle und fürsorgende Eltern sein können. Deshalb ist es absolut notwendig, dass Sie sich auch um sich selbst kümmern. Gute Eltern können Sie nur dann sein, wenn sie glücklich und gesund sind.
  31. Menschen brauchen neben Nahrung auch Energiezufuhr in Form von Liebe, Anerkennung, Berührung, Gesprächen usw.
  32. Jede Person mit der Sie sprechen gibt Ihnen Energie oder nimmt Sie Ihnen. Es lohnt sich, sich einmal im Bekanntenkreis umzusehen und zu überlegen, wer Ihr Wiederauftanken verhindert und wer es fördert.
  33. Körperliche Berührung beruhigt und kräftigt, sie versetzt Menschen in die Lage, sich aufzuschließen und aus Verspannungen auszubrechen.
  34. Tatsächlich haben Sie nur drei einfache Pflichten als Eltern, und zwar in dieser Reihenfolge:
    • für sich selbst zu sorgen
    • für Ihre Partnerschaft zu sorgen
    • für ihre Kinder zu sorgen
  35. Man benötigt Freiraum zum Wandel, der notwendig ist, um auf Dauer an seinem Partner interessiert zu sein und auch für ihn interessant zu bleiben (und nicht nur Kindermädchen oder Brötchengeber zu sein).
  36. Das so genannte „Schutzverhaltens-Training“ in Australien vermittelt zwei wesentliche Grundbotschaften:
    • Nichts ist so schlimm, dass man nicht mit jemandem darüber reden könnte
    • Du hast das Recht, dich jederzeit sicher zu fühlen und dich zu wehren, wenn du dich unsicher fühlst
  37. Schüler weiterführender Schulen leiden hauptsächlich unter vier Dingen:
    • dem Lehrstoff
    • der Demütigung durch die Lehrer
    • der Einsamkeit
    • und der Aggressivität anderer Kinder
  38. Die Hauptthese dieses Buches ist einfach: Für das Wachstum und die Entwicklung der Kinder ist in vieler Hinsicht entscheidend, was wir zu ihnen sagen und wie wir es sagen.

Man kann das Buch in jedem gut sortierten Buchhandel kaufen oder hier bestellen:
https://www.amazon.de/Geheimnis-gl%C3%BCcklicher-Kinder-Steve-Biddulph/dp/3453197429

P.S.:
In meinem Artikel „Persönlichkeitsentwicklung: Warum man schlechten Bedienungen gute Trinkgelder geben sollte (siehe: https://kubraconsult.blog/2017/07/21/persoenlichkeitsentwicklung-warum-sie-schlechten-bedienungen-gute-trinkgelder-geben-sollten/) habe ich bereits die Technik der „vergleichenden Polarisierung“ angesprochen, die auch bei der Erziehung von Kindern oder in einer Partnerschaft überaus nützlich sein kann. Bei dieser Technik stellt man sich selbst vergleichende Fragen, wie z. B.: „Ist mir meine Ordnungsliebe wichtiger als eine gute Beziehung zu meinen Kindern? Vor allem in der Pubertät, wenn Kinder häufig extrem schlampig sind?“ Oder: „Ist es wichtiger, noch eine Aufgabe im Büro zu erledigen oder meinen Partner, wie versprochen, zum Abendessen auszuführen?“ Dies kann helfen, im Zweifel die richtigen Prioritäten zu erkennen und zu setzen. Hören Sie dabei auf Ihr Bauchgefühl. Eine gesunde Portion Humor hilft in vielen Fällen, kritische Situationen zu entschärfen. Last but not least noch ein Hinweis, der mir sehr wichtig ist: Wenn Ihre Kinder erwachsen sind, werden Sie feststellen, dass die rund 20 Jahre seit der Geburt wie im Flug vergangen sind. Deshalb nehmen Sie sich von Beginn an genug Zeit, um bewusst zu erleben, wie Ihre Kinder aufwachsen, und seien Sie für Ihre Kinder da, wann immer sie Sie brauchen. Man kann die Zeit nicht zurückdrehen und es gibt keine schönere und ehrenhaftere Aufgabe in Ihrem Leben …

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