Dieser Blog wurde von Adam Ludwin (Gründer & CEO von Chain.com) am 16.10.2017 auf blog.chain.com in englischer Sprache veröffentlicht: https://blog.chain.com/a-letter-to-jamie-dimon-de89d417cb80. Da ich den Blog als eine der besten Ausarbeitungen zu Kryptowährungen betrachte, die ich bislang gelesen habe, insbesondere im Hinblick auf die Funktion des „Minings“, habe ich mir die Mühe gemacht, diese deutsche Übersetzung zu erstellen. Den Original-Blog habe ich ebenfalls auf kubraconsult.blog verfügbar gemacht und zwar hier: https://kubraconsult.blog/2017/11/27/a-letter-to-jamie-dimon-and-anyone-else-still-struggling-to-understand-cryptocurrencies/.

Wenn Sie im Hinblick auf Kryptowährungen ein kompletter Neuling sind, sollten Sie gegebenenfalls zunächst meinen Blog „Die wichtigsten Fakten und Meilensteine zu Bitcoin und Blockchains“ lesen, den ich am 21.08.2017 veröffentlicht habe, um das notwendige Grundverständnis aufzubauen: https://kubraconsult.blog/2017/08/21/die-wichtigsten-fakten-und-meilensteine-zur-bitcoin-kryptowaehrung/.

Lieber Jamie,

mein Name ist Adam Ludwin und ich leite eine Firma namens Chain. Ich arbeite seit mehreren Jahren im und um den Kryptowährungsmarkt herum.

Letzte Woche hast Du ein paar Dinge über Bitcoin gesagt:

Es ist einfach zu glauben, dass Kryptowährungen keinen inhärenten Wert haben. Oder dass die Regierungen sie vernichten werden.

Es ist auch in Mode, das Gegenteil zu glauben: Dass sie Banken, Regierungen und die Giganten des Silicon Valley ein für allemal zerstören werden.

Keines dieser beiden Extreme ist wahr.

Die Wirklichkeit ist differenzierter und wichtig. Deshalb habe ich mich entschlossen, Ihnen diese Briefing-Notiz zu schreiben. Ich hoffe, es hilft Ihnen, Kryptowährungen tiefer zu verstehen.

Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich glaube:

  • Der Markt für Kryptowährungen ist überhitzt und schäumt irrational über.
  • Es gibt eine Menge Angeber, die Kryptowährungen erschaffen, und auch einige Betrüger.
  • Es gibt eine Menge Interessenkonflikte, Hype in eigenem Interesse und Vernebelung
  • Nur sehr wenige Menschen in den Medien verstehen, was vor sich geht.
  • Nur sehr wenige Leute in der Finanzwelt verstehen, was vor sich geht.
  • Nur sehr wenige Menschen in der Technologiebranche verstehen, was vor sich geht.
  • Nur sehr wenige Leute in der Wissenschaft oder der Regierung verstehen, was vor sich geht.
  • Nur sehr wenige Leute, die Kryptowährungen kaufen, verstehen, was vor sich geht.
  • Es ist sehr gut möglich, dass auch ich selbst nicht verstehe, was hier vor sich geht.

Außerdem:

  • Banken und Regierungen werden nicht von der Bildfläche verschwinden.
  • Herkömmliche Software wird nicht von der Bildfläche verschwinden.

Kurzum: Es gibt viel Lärm. Aber es gibt auch ein Signal. Um das zu finden, müssen wir mit einer Definition des Begriffs „Kryptowährung“ beginnen.

Ohne eine praktikable Definition sind wir verloren. Die meisten Leute, die über Kryptowährungen streiten, reden aneinander vorbei, weil sie nicht aufhören, die andere Seite zu fragen, wofür Kryptowährungen eigentlich gut sind.

Hier ist meine Definition: Kryptowährungen sind eine neue Anlageform („asset class“), die dezentrale Anwendungen ermöglicht.

Wenn das stimmt, spielt es keine Rolle, was Sie über Kryptowährungen im Vergleich zu traditionellen Währungen oder Wertpapieren denken. Vielmehr ist Ihre Meinung zu dezentralen Anwendungen und deren Wert im Vergleich zu aktuellen Softwaremodellen entscheidend.

Sie haben keine Meinung zu dezentralen Anwendungen? Dann können Sie unmöglich eine Meinung zu Kryptowährungen haben, also lesen Sie weiter.

Und da es hier nicht um Kryptowährungen gegen Fiat-Währungen geht, sollten wir aufhören, den Begriff „Währung“ zu verwenden. Er führt in eine falsche Richtung. Er bringt zu viel unnötigen Ballast in die Diskussion, was ich feststelle, wenn ich höre, wie Sie in der Öffentlichkeit über Bitcoin sprechen und ihn immer wieder mit Dollar, Euro oder Yen vergleichen. Dieser Vergleich wird Ihnen nicht helfen zu verstehen, was hier vor sich geht. Tatsächlich behindert er sie beim Verständnis des Themas. Im verbleibenden Teil meiner Abhandlung werde ich daher Kryptowährungen als „Krypto-Assets“ bezeichnen.

Um es noch einmal zu wiederholen: Krypto-Assets sind eine neue Anlageform, die dezentrale Anwendungen ermöglicht.

Und wie jede andere Anlageform existieren Krypto-Assets als Mechanismus, um Ressourcen einer bestimmten Organisationsform zuzuordnen. Trotz des kurzsichtigen Fokus auf den Handel mit Krypto-Assets in letzter Zeit, existieren Krypto-Assets nicht nur zum Zweck des Handels. Das heißt (zumindest im Prinzip) sie existieren nicht um ihrer selbst willen.

Um zu verstehen, was ich meine, denken Sie an andere Anlageformen und welche Organisationsformen sie bedienen:

  • Unternehmensanleihen dienen Unternehmen
  • Staatsanleihen dienen Nationen, Staaten, Kommunen und Kommunen.
  • Hypotheken dienen Immobilieneigentümern

Und jetzt

  • Krypto-Assets dienen dezentralen Anwendungen

Dezentrale Anwendungen sind eine neue Organisationsform und eine neue Form von Software. Sie sind ein neues Modell für die Erstellung, Finanzierung und den Betrieb von Software-Dienstleistungen in einer dezentralen Weise, die von vorne bis hinten dezentralisiert ist. Das macht sie nicht besser oder schlechter als bestehende Softwaremodelle oder die Unternehmenseinheiten, die sie erstellen. Wie wir später noch sehen werden, muss man bei Krypto-Assets große Kompromisse eingehen. Was wir sagen können, ist einfach, dass sie sich radikal von der Software, wie wir sie heute kennen, unterscheiden, genauso wie sie sich radikal von den Organisationsformen unterscheiden, an die wir gewöhnt sind.

Wie denn anders? Stellen Sie sich folgendes vor: Sie sind in einem Regenwald aufgewachsen und ich bringe Ihnen einen Kaktus und sage Ihnen, dass es ein Baum sei. Wie würden Sie reagieren? Sie würden wahrscheinlich lachen und sagen, dass es kein Baum ist, denn es macht ja keinen Sinn, dass ein Baum ein stumpfer, mit Stacheln bewehrter Wasserbehälter ist – schließlich ist Wasser hier im Regenwald reichlich vorhanden! Das ist in etwa die Reaktion vieler Menschen, die im Silicon Valley arbeiten, auf dezentrale Anwendungen.

Aber ich schweife ab. Ich schulde Ihnen eine wichtige Erklärung:

Was ist eine dezentrale Anwendung?

Eine dezentrale Anwendung ist eine Möglichkeit, einen Service zu erstellen, der nicht von einer einzigen Instanz betrieben (gesteuert, beeinflusst, manipuliert) wird.

Wir kommen gleich zu der Frage, ob bzw. wozu das nützlich ist. Aber zuerst müssen Sie verstehen, wie dezentrale Anwendungen funktionieren.

Kommen wir noch einmal auf die Geburtsstunde dieser Idee zurück.

Es ist November 2008. Der Tiefpunkt der letzten globalen Finanzkrise.

Eine anonyme Person veröffentlicht ein Papier, in dem erklärt wird, wie elektronische Zahlungen ohne eine vertrauenswürdige zentrale Partei wie Banken oder PayPal oder die Federal Reserve durchgeführt werden können. Es ist die erste dezentrale Anwendung dieser Art, die jemals vorgeschlagen wurde.

Es handelt sich um eine dezentrale Anwendung für Zahlungen.

Das Papier trägt den Titel Bitcoin.

Wie funktioniert das? Wie ist es möglich, eine elektronische Zahlung zu versenden, ohne dass eine bestimmte Instanz die Konten aller Beteiligten verfolgt und aktualisiert? Wenn ich Ihnen einen Dollar gebe, ist das eine Sache. Aber Daten sind kein fälschungssicheres Trägerinstrument („bearer instrument“). Daten müssen vermittelt und validiert werden, um vertrauenswürdig zu sein.

Das Papier schlägt eine Lösung vor: Die Bildung eines Netzwerks zwischen vielen gleichrangigen dezentralen Computern bzw. Instanzen („peer-to-peer-network“). Machen Sie Ihre Transaktionen für alle Instanzen im Netzwerk sichtbar. Kündigen Sie Ihre Transaktion allen Instanzen im Netzwerk an. Verweisen Sie in Ihrer Ankündigung auf den spezifischen Geldbetrag im Netzwerk, den Sie transferieren möchten. Unterschreiben Sie Ihre Ankündigung kryptografisch mit demselben Softwareschlüssel, der mit diesem Geldbetrag verknüpft ist, damit alle wissen, dass es sich um Ihren Geldbetrag handelt.

Es funktioniert schon fast. Wir brauchen nur noch eine Funktion: Einen Weg, um sicherzustellen, dass, wenn Sie zwei konkurrierende Zahlungsankündigungen senden (also wenn Sie versuchen, den gleichen Geldbetrag zweimal zu transferieren), nur einer Ihrer beiden Versuche gezählt wird.

Schlechte Lösung: Benennen Sie eine zentrale vertrauenswürdige Instanz, die die Transaktionen mit einem Zeitstempel versieht, und nur diejenige Transaktion annimmt, die zuerst angekommen ist. Damit wären wir wieder am Ausgangspunkt. Wir würden einen vertrauenswürdigen Vermittler brauchen.

Die bahnbrechende Lösung: Lassen Sie die Instanzen im Netzwerk miteinander konkurrieren, um die Funktion des Zeitstemplers („timestamper“) zu übernehmen, denn wir können zwar nicht vermeiden, dass wir eine solche Funktion benötigen, aber wir können es vermeiden, eine Instanz im Voraus zu benennen oder immer die gleiche Instanz für die Validierung sämtlicher Stapel von Transaktionen („batch of transactions“) im Netzwerk zu nutzen.

Lass Instanzen miteinander in Wettbewerb treten. Klingt wie eine Marktwirtschaft. Was fehlt? Eine Belohnung für das Gewinnen. Ein Ansporn. Ein Asset.

Lassen Sie uns dieses Asset „Bitcoin“ nennen. Lassen Sie uns die Instanzen, die um das Recht miteinander konkurrieren, den letzten Stapel angekündigter Transaktionen mit einem Zeitstempel zu versehen, als „Miner“ bezeichnen. Lassen Sie uns sicherstellen, dass jeder jederzeit an diesem Wettbewerb teilnehmen kann, indem wir den Code und das Netzwerk für jeden öffnen.

Jetzt brauchen wir einen echten Wettbewerb. Das Papier schlägt einen vor. Auf die Plätze, fertig, los: Finden Sie eine Zufallszahl, die vom Netzwerk generiert wird! Die Nummer ist wirklich sehr schwer zu finden. So schwer, dass der einzige Weg, sie zu finden, darin besteht, Tonnen von Rechenleistung zu verbrauchen und Strom zu verbrennen. Es ist eine Computerversion von dem, was Veruca Salt ihren Vater und seine armen Fabrikarbeiterinnen in dem Film „Charlie und die Schokoladenfabrik“ machen ließ. Eine Suche mit brachialer Gewalt („brute force search“) nach einem goldenen Ticket (oder in diesem Fall nach einer goldenen Zahl).

Warum dieser aufwändige und teure Wettbewerb, etwas so Einfaches wie die Funktion des Zeitstemplers für das Netzwerk zu machen? Damit wir sicher sein können, dass die Miner als Wettbewerber einen echten finanziellen Aufwand erbracht haben. Auf diese Weise, wenn sie das Rennen gewinnen, um die Zufallszahl zu finden und der designierte Zeitstempler für einen bestimmten Stapel von Transaktionen zu werden, werden sie diese Macht nicht für das Böse benutzen (wie z. B. für zensierende Transaktionen). Stattdessen scannen die Miner akribisch jede ausstehende Transaktion, eliminieren alle Versuche von Benutzern, die gleichen Gelder zweimal auszugeben, stellen sicher, dass alle Regeln eingehalten werden und übertragen die validierte Stapel von Transaktionen an den Rest des Netzwerks.

Denn wenn die Miner sich tatsächlich an diese Regeln halten, ist das Netzwerk so programmiert, dass es sie belohnt….

…. und zwar mit neu „geprägten“ Bitcoins, zuzüglich der Transaktionsgebühren, die in Bitcoin ausgestellt sind, und von den Absendern der Transaktionen bezahlt werden (verstehen Sie jetzt, warum die Instanzen „Miner“ genannt werden und nicht „Zeitstempler“?).

Mit anderen Worten, die „Miner“ befolgen die Regeln, weil es in ihrem wirtschaftlichen Eigeninteresse liegt, das Richtige zu tun.

Oder mit den Worten von Adam Smith:

Nicht das Wohlwollen des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers ist der Grund, warum wir unser Abendessen erwarten können, sondern deren Rücksichtnahme auf das eigene Interesse („It’s not from the benevolence of the butcher, the brewer or the baker, that we expect our diner, but from their regard to their own self-interest“).

Krypto-Assets: Die unsichtbare Hand … des Internet.

Bitcoin ist Kapitalismus pur! Sie sollten es lieben!

Und da diese Miner Schulden zu begleichen haben (meistens Stromrechnungen), werden sie wahrscheinlich ihre neu erworbenen Bitcoins auf dem freien Markt verkaufen, im Tausch gegen jede reale Währung, die sie brauchen, um ihre Verbindlichkeiten zu decken. Alles, was übrig bleibt, ist Profit. Der Bitcoin ist nun im Umlauf. Menschen, die ihn brauchen, können ihn kaufen; genauso wie Menschen, die einfach nur mit ihm spekulieren wollen (mehr über die Leute, die ihn „brauchen“, im Gegensatz zu denen, die nur mit ihm spekulieren wollen, rede ich gleich).

Eureka! Wir haben zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die finanzielle Belohnung, die unseren Bedarf nach einer vertrauenswürdigen zentralen Instanz durch einen Marktplatz miteinander konkurrierender, ehrlicher Zeitstempler ersetzt, ist derselbe Vermögenswert, der als digitales Trägerinstrument in einem elektronischen Zahlungsnetzwerk ohne zentrale Instanz (wie eine Bank, ein Zahlungsdienstleister, eine Zentralbank oder eine Regulierungsbehörde) in Umlauf gebracht wird (es ist ein Umlauf, ich weiß).

Nun, da Sie Bitcoin verstehen, lassen Sie uns dies auf dezentrale Anwendungen als Ganzes verallgemeinern.

Im Allgemeinen ermöglicht eine dezentrale Anwendung, dass Sie etwas tun können, was Sie heute auch schon tun können (z. B. elektronische Zahlungen leisten), aber ohne die Inanspruchnahme einer vertrauenswürdigen zentralen Instanz.

Ein weiteres Beispiel: Eine dezentrale Anwendung namens „Filecoin“ ermöglicht es Benutzern, Dateien in einem Netzwerk bestehend aus vielen gleichrangigen dezentralen Computern („peer-to-peer-network) zu speichern, anstatt in zentralen Dateispeicherdiensten wie Dropbox oder Amazon S3. Sein Krypto-Asset, auch Filecoin genannt, motiviert Unternehmen dazu, überschüssigen Festplattenspeicher mit dem Netzwerk zu teilen.

Die digitale Datenspeicherung ist nicht neu. Ebenso wenig wie der elektronische Zahlungsverkehr. Neu ist, dass sie auch ohne Unternehmen betrieben werden können. Es handelt sich um eine neue Organisationsform.

Ein weiteres Beispiel.

Warnung: Das hier ist etwas verwirrend, weil es sich auf einer „Metaebene“ abspielt.

Es gibt eine dezentrale Plattform namens Ethereum zum Starten von dezentralen Anwendungen. Ich bin mir sicher, dass Sie mittlerweile von „Initial Coin Offerings (ICOs)“ und so genannten „Token“ gehört haben, von denen die meisten auf Basis der Ethereum-Plattform ausgegeben werden. Anstatt eine dezentrale Anwendung von Grund auf neu zu erstellen, wie es bei Bitcoin der Fall war, können Sie eine dezentrale Anwendung auf Basis der Ethereum-Plattform aufbauen, weil a) das Ethereum-Netzwerk bereits existiert und b) weil das Ethereum-Netzwerk nicht für eine bestimmte dezentrale Anwendung entwickelt wurde, sondern als Plattform für dezentrale Anwendungen, die beliebigen Code ausführen können. Die Ethereum-Plattform als solche ohne dezentrale Anwendungen ist „nichtssagend“.

Das Protokoll von Ethereum motiviert Unternehmenseinheiten dazu, Computing-Ressourcen in das Netzwerk einzubringen. Dadurch können diese Unternehmenseinheiten „Ether“ verdienen – das ist das Krypto-Asset der Ethereum-Plattform. Das macht Ethereum zu einer neuartigen Computer-Plattform für eine neue Klasse von Software (= dezentrale Anwendungen). Es ist kein Cloud Computing, weil Ethereum selbst dezentralisiert ist (wie Äther, verstehen Sie?). Deshalb bezeichnet der Gründer, Vitalik Buterin, Ethereum auch als „Weltcomputer“.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Welt in den letzten Jahren einen Weg gefunden hat, Software-Dienste („software services“) zu schaffen, die keinen zentralen Betreiber haben. Diese Software-Dienste werden als „dezentrale Anwendungen“ bezeichnet und sind mit Krypto-Assets ausgestattet, die Instanzen im Internet dazu motivieren, Ressourcen – z. B. zur Verarbeitung und Speicherung von Daten oder in Form von Rechenleistung – beizusteuern, die für das Funktionieren der Dienste notwendig sind.

Es lohnt sich, eine Pause einzulegen, um anzuerkennen, dass dies eine Art Wunder ist. Nur auf Basis des Internets, eines offenen Protokolls und einer neuen Art von Vermögenswerten können wir beliebige Netzwerke aufbauen, die dynamisch die notwendigen Ressourcen bereitstellen, um viele Arten von Diensten anzubieten.

Und es gibt eine Menge Leute, die denken, dass dieses Modell die Zukunft der gesamten Software ist, etwas, das endlich die FANG-Aktien (= Akronym für die vier hochperformaten Technologie-Aktien von Facebook, Amazon, Netflix und Google) und obendrein die Risikokapitalgeber („venture capital“) herausfordern wird.

Aber ich gehöre nicht dazu. Weil es ein Problem gibt.

Es ist noch gar nicht erwiesen, dass dezentrale Anwendungen im Vergleich zu traditioneller Software für die meisten Menschen nützlich sind.

Einfach ausgedrückt, kann man nicht behaupten, dass Bitcoin für jeden besser ist als PayPal oder Banken. Oder dass Filecoin für jeden besser ist als Dropbox oder iCloud. Oder dass Ethereum für alle besser ist als Amazon EC2 oder Microsoft Azure.

Tatsächlich sind dezentrale Dienste/Anwendungen in fast allen Dimensionen schlechter als ihre zentralen Pendants:

  • Sie sind langsamer
  • Sie sind teurer
  • Sie sind weniger skalierbar
  • Sie bieten schlechtere Benutzeroberflächen
  • Sie haben eine volatile und unsichere Steuerung („governance“)

Und nein, das liegt nicht nur daran, dass sie neu sind. Dies wird sich auch bei größeren Transaktionsblöcken bzw. so genannten „Lightning Networks“, „Sharding“, „Forks“, sich selbst ändernde Register („self-amending ledgers“) oder anderen technischen Lösungen nicht grundlegend ändern.

Denn es gibt strukturelle Zielkonflikte, die sich direkt aus dem primären Designziel („design goal“) dieser Dienste ergeben und unter die sich all anderen Ziele unterordnen müssen, damit sie relevant werden: Dezentralisierung.

Erinnern Sie sich an den „aufwändigen und teuren Wettbewerb“, den ich beschrieben habe? Nun, dieser Wettbewerb findet auf Kosten des Durchsatzes statt. Erinnern Sie sich, wie Benutzer die Ankündigungen für ihre Transaktionen „kryptographisch signieren“ müssen? Nun, diese privaten Schlüssel müssen viel sicherer aufbewahrt werden als ein typisches Passwort (Passwörter können wiederhergestellt werden). Erinnern Sie sich, dass „keine einzelne Instanz“ diese Netzwerke betreibt? Die Kehrseite ist, dass es keinen guten Weg gibt, Entscheidungen zu treffen oder sie zu steuern („to make decisions or to govern them“).

Sicherlich können Sie dezentrale Anwendungen effizienter und benutzerfreundlicher gestalten, indem Sie z. B. die kryptographischen Signaturschlüssel der Benutzer (und damit die Kontrolle über ihre Münzen) in einer vertrauenswürdigen Instanz zentralisieren. Aber dann wären wir wieder am Ausgangspunkt und würden besser daran tun, wenn wir gleich einen zentralisierten Service nutzen würden.

Aus diesem Grund kann man Bitcoin auch nicht wirklich als „Dezentralisiertes PayPal“ bezeichnen, sondern eher als ein extrem ineffizientes elektronisches Zahlungsnetzwerk, für das wir als Gegenleistung die Dezentralisierung bekommen.

Fazit: Zentralisierte Anwendungen schlagen dezentrale Anwendungen in nahezu jeder Dimension.

MIT AUSNAHME EINER DIMENSION.

Und die dezentralen Anwendungen sind nicht nur in dieser einen Sache besser, sie sind auch der einzige Weg, wie wir das Ziel erreichen können.

Was meine ich damit?

Es geht um Resistenz gegen Zensur.

Damit kommen wir zu einem schwer fassbaren Signal im Grundrauschen.

Resistenz gegen Zensur bedeutet, dass der Zugang zu dezentralen Anwendungen offen und ungehindert ist. Transaktionen mit diesen Diensten sind unaufhaltsam.

Konkret kann mich nichts davon abhalten, Bitcoin an jeden zu schicken, an den ich sie schicken mag. Nichts kann mich davon abhalten, Softwarecode auf Ethereum auszuführen. Nichts kann mich davon abhalten, Dateien auf Filecoin zu speichern. Solange ich über eine Internetverbindung verfüge und die Transaktionsgebühr des Netzwerks in seinem jeweiligen Krypto-Asset bezahle, steht es mir frei, zu tun, was ich will.

(Wenn Bitcoin purer Kapitalismus ist, dann ist es auch eine Art purer Freiheit. Das ist der Grund warum freiheitsliebende Menschen („libertarians“) davon besessen werden können).

Und für Leser, die Krypto-Enthusiasten sind und sich nicht auf mein Wort verlassen wollen, werden Sie wenigstens Adam Back und Charlie Lee hören?

Während wir also nicht sagen können: „Für jeden ist Bitcoin besser als Visa“, ist es möglich, dass Bitcoin für einige Gruppen von Benutzern der einzige Weg ist, eine Zahlung zu tätigen.

Etwas allgemeiner können wir fragen:

Für wen ist dies der richtige Kompromiss?

Wer braucht Resistenz gegen Zensur schon so sehr, dass er bereit ist, auf die Vorteile von Geschwindigkeit, Kosten, Skalierbarkeit oder Erfahrung zentralisierter Dienste zu verzichten?

Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich sage nicht, dass Sie diesen Kompromiss eingehen müssen, um Krypto-Assets zu kaufen oder um damit zu spekulieren. Ich sage: Damit dezentrale Anwendungen selbst einen Nutzen für eine bestimmt Gruppe haben können, müssen die Belange dieser Gruppe im Hinblick auf die Resistenz gegen Zensur optimiert werden.

Nun, wer sind denn diese Leute?

Es gibt zwar nicht viele gute Daten, aber die tatsächlichen Nutzer dezentraler Anwendungen scheinen sich in zwei Kategorien einzuteilen:

  1. Menschen, die keinen Zugriff auf das Internet haben, z. B. in Ländern, in denen der Zugang zu professionell betriebenen herkömmlichen Diensten begrenzt ist (aus welchen Gründen auch immer)
  2. Menschen, die das Internet nicht nutzen wollen, z. B. weil sie es nicht mögen, dass ihre personenbezogenen Daten und Transaktionen zensiert oder bekannt werden.

Mit dieser Hintergrundinformation im Kopf können wir fragen:

  • Für wen ist Bitcoin die beste/einzige Möglichkeit, eine Zahlung auszuführen?
  • Für wen ist Filecoin die beste/einzige Möglichkeit, eine Datei zu speichern?
  • Für wen ist Ethereum die beste/einzige Möglichkeit, um Softwarecode auszuführen?

Das sind die Fragen, die im Mittelpunkt des Leistungsversprechens („value proposition“) der Krypto-Asset-Technologie bzw. der dezentralen Anwendungen stehen.

Bisher haben die meisten dezentralen Anwendungen im Vergleich zu herkömmlichen Diensten nur einen sehr geringen Nutzen. Bitcoin, zum Beispiel, hat heute weniger Mainstream-Händler, die es als Zahlungsoption in den USA akzeptieren, als 2014. Und bei allem Gerede über den Nutzen von Bitcoin als Zahlungssystem in Entwicklungs- oder Schwellenländern wie China, ist es hauptsächlich traditionelle Software (bzw. Apps) wie AliPay und Paytm, die den Wandel an diesen Orten vorantreiben.

Gleichzeitig ist der Missbrauch von Bitcoin im „Dark Web“ und für Ransomware offensichtlich, auch wenn es schwierig ist, diesbezüglich an gute Daten zu kommen.

Aber nutzen die Anwender Bitcoin nicht als Speicher zur Aufbewahrung von Werten? Sicher, was nur eine andere Art zu sagen ist, dass Anwender in Bitcoin investieren mit einem langen Zeithorizont. Aber denken Sie bitte daran, dass ich noch nicht davon spreche, in Krypto-Assets zu investieren. Ich spreche davon, ob es Anwender gibt, die eine dezentrale Anwendung für Zahlungen nützlich finden (die wiederum durch Krypto-Assets ermöglicht wird). Immobilien sind auf Dauer nur dann ein guter Wertzuwachs, wenn Menschen in den Gebäuden leben und arbeiten. Gleiches gilt für dezentrale Anwendungen.

Was soll man von Ethereum halten, wenn man es aus dem Blickwinkel der „Resistenz gegen Zensur“ bewertet? Schließlich scheint es derzeit, eine gewaltige Menge an Nutzen von den Entwicklern zur Verfügung gestellt zu bekommen. Da Ethereum eine Entwicklerplattform für dezentrale Anwendungen ist, bedeutet dies, dass es Entwickler sind, die zensiert oder irgendwie blockiert wurden? In gewisser Weise stimmt das tatsächlich. Entwickler und Start-ups, die Finanzprodukte entwickeln wollen, haben keinen offenen und ungehinderten Zugang zur weltweiten Finanzinfrastruktur. Ethereum bietet zwar ebenfalls keinen direkten Zugang zu dieser Finanzinfrastruktur, aber eine alternative Infrastruktur, mit der beispielsweise ein Finanzkontrakt erstellt und ausgeführt werden kann.

Da es sich bei Ethereum um eine Plattform handelt, ist ihr Wert letztendlich eine Funktion des Wertes der darauf aufbauenden Anwendungen. Mit anderen Worten, wir können den Nutzen von Ethereum ermitteln, indem wir einfach fragen, ob das, was auf Ethereum bislang aufgebaut wurde, nützlich ist. Brauchen wir zum Beispiel Marktprognosen, die resistent gegen Zensur sind? Spielkarten für „Memes“, also virale Internetphänomene, die resistent gegen Zensur sind? Versionen von YouTube oder Twitter, die resistent gegen Zensur sind?

Es ist zwar noch zur früh für ein abschließendes Urteil, aber wenn keine der 730+ dezentralen Anwendungen („Apps“), die bisher auf Basis der Ethereum-Plattform aufgebaut wurden, nützlich erscheinen, dann wäre das wohl bezeichnend. In den Geburtsstunden des Internet gab es bereits Chatrooms, E-Mail, Katzenfotos und Sportergebnisse. Aber was sind die äquivalenten Killeranwendungen auf Ethereum heute?

Also, wo führt uns das hin?

Wenn man bedenkt, wie verschieden dezentrale Anwendungen von den App-Modellen sind, die wir kennen und lieben, muss man fragen, ob irgendjemand jemals wirklich diese dezentrale Anwendungen verwenden wird? Werden sie sogar zu einem kritischen Teil unserer Wirtschaft? Das ist schwer vorherzusagen, weil es zum Teil von der Entwicklung der Technologie abhängt, aber noch viel mehr von der Reaktion der Gesellschaft auf diese Entwicklung.

Beispiel: Bis vor kurzem wurde verschlüsseltes Messaging nur von Hackern, Spionen und Paranoiden genutzt. Das schien sich nicht zu ändern. Bis es dazu kam. Post-Snowden und Post-Trump, scheint jeder vom Silicon Valley bis zum Acela-Korridor entweder auf Signal oder Telegramm zu sein (in beiden Fällen handelt es sich um verschlüsselte Messenger-Dienste). WhatsApp ist durchgängig verschlüsselt. Die Presse bittet um Tipps von Informanten durch SecureDrop (eine freie Plattform zur sicheren Kommunikation zwischen Journalisten und Whistleblowern). Ja, die Technologie wurde ein wenig verbessert und ist einfacher zu bedienen. Aber es sind vor allem gesellschaftliche Veränderungen, die die Akzeptanz der Technologie vorantreiben.

Mit anderen Worten, wir sind im Regenwald aufgewachsen, aber manchmal ändern sich die Dinge und es ist hilfreich zu wissen, wie wir uns an veränderte Rahmenbedingungen anpassen können.

Und das ist das Hauptargument des „Smart Money“ in Bezug auf Krypto-Assets und dezentralen Anwendungen: Es ist einfach zu früh, um irgendwelche substanziellen Schlussfolgerungen zu ziehen. Dass es sich um eine tiefgreifende Veränderung handelt. Sollte eine oder mehrere dieser dezentralen Anwendungen tatsächlich zu einem integralen Bestandteil der Welt werden, werden ihre zugrunde liegenden Krypto-Assets äußerst wertvoll sein. So könnte man genauso gut damit beginnen, jetzt Wetten zu platzieren und sehen, wie es läuft. Stören Sie sich nicht daran, ob wir jetzt schon Killer-Apps sehen können.

Das ist kein schlechtes Argument und ich neige dazu, dem zuzustimmen.

Ich würde dieses Argument wie folgt zusammenfassen: Auf lange Sicht wird der Wert eines Krypto-Assets durch den Nutzen der dezentralen Anwendung bestimmt, die es ermöglicht. Obwohl wir uns noch in einem frühen Stadium bewegen, sind die hohen Bewertungen gerechtfertigt, weil, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit der Akzeptanz durch breite Nutzerkreise klein ist, die potenziellen Auswirkungen sehr groß sein werden – also können wir genauso gut mitfahren, was schauen, was passiert.

Aber wie erklärt sich die jüngste Manie um Kryptowährungen?

Bitcoin hat seinen Marktwert verfünffacht, Ethereum verdreißigfacht. Die gesamte Marktkapitalisierung sämtlicher Kryptowährungen liegt bei ca. 175 Milliarden US-Dollar, gegenüber 12 Milliarden US-Dollar vor einem Jahr. Warum?

Wie in jeder Manie in der Geschichte ist es derzeit rational, irrational zu sein.

Um zu verstehen, was vor sich geht, schauen wir uns die Mentalität von Käufern und Verkäufern an, angefangen bei den Käufern.

Wenn Sie früh in Bitcoin oder Ethereum investiert haben, dann sitzen Sie auf einem unerwarteten Geschenk („windfall“). Es fühlt sich an, als würde man mit dem „House Money“ spielen, einem bekannten psychologischen Effekt. Sie fühlen sich klug und sind bereit, mehr zu riskieren, als Sie es sonst tun würden, wenn es „Ihr Geld“ wäre, und Sie können es sich leisten, ein wenig zu diversifizieren und Ihre Gewinne in das nächste Krypto-Asset zu investieren, und das übernächste sowie das über-übernächste.

Wenn Sie nicht investiert haben, baut sich die Angst vor entgangenen Gewinnen weiter auf, bis zum „Scheiß drauf“-Moment, in dem Sie sich einkaufen. Vielleicht haben Sie etwas über Bitcoin gelesen, haben es nicht verstanden und folgten Warren Buffets (gutem) Ratschlag, nicht in Dinge zu investieren, die Sie nicht verstehen. Einige Ihrer Freunde haben Geld verdient, aber Sie haben es trotzdem ignoriert. Dann haben Sie über Ethereum gelesen, was Sie überhaupt nicht verstanden haben, verzichten wieder auf den Kauf und finden später heraus, dass Ihre Freunde planen, in den Ruhestand zu gehen, weil sie Investitionen in Krypto-Assets getätigt haben. Die Lektion daraus scheint Anti-Buffet zu sein: Investieren Sie nur in Dinge, die Sie nicht verstehen. Dies veranlasst die Menschen, ihr Urteilsvermögen an der Tür abzugeben („This is causing people to check their judgment at the door“), wenn das jüngste Allzeithoch sie schließlich überzeugt, sich in den Markt zu werfen.

Und das ist nicht gut.

Weil es Verkäufer gibt, die die Nachfrage befriedigen – und zwar insbesondere die Nachfrage von Käufern, die für sich entschieden haben, dass sie diese Materie nie verstehen werden, und deshalb nur Wetten auf Dingen platzieren, die kompliziert und eindrucksvoll klingen.

Denken wir an diese Verkäufer. Und mit Verkäufern meine ich nicht die Leute, die ihre Bestände an bestehenden Krypto-Assets verkaufen. Ich meine, neue Emittenten. Teams, die neue Krypto-Assets auf den Markt bringen.

Das Basismodell besteht darin, einen gewissen Prozentsatz der Krypto-Assets, die das vorgeschlagene Netzwerk generieren wird, vorab zu verkaufen, um die Entwicklung der dezentralen Anwendung zu finanzieren, bevor sie überhaupt gestartet wird. Die Projektgründer tendieren in der Regel dazu einen gewissen Prozentsatz dieser Krypto-Assets selbst zu behalten. Was bedeutet, dass das Sammeln von Geld für ein Projekt auf diese Weise nicht verwässernd („non-dilutive“) ist, da es sich weder um Eigenkapital, noch um Schulden handelt, so dass Sie niemandem jemals etwas zurückzahlen müssen. Im Grund genommen ist es freies Geld. Noch nie waren die Möglichkeiten so gut für Unternehmer, selbst in den 90er Jahren des Dotcom-Booms nicht. Das macht es unglaublich verlockend, jedes Projekt, das möglicherweise ein „Initial Coin Offering (ICO)“ rechtfertigen könnte, mit einem solchen Aufsatz zu versehen, selbst wenn es sich dabei nicht um eine dezentrale Anwendung handelt. Schließlich können Sie mit einem ICO schon vor dem Start aussteigen.

Und es gibt eine allgegenwärtige Erzählung („narrative“), die Unternehmer dazu bringt, nach neuen Krypto-Assets Ausschau halten. Die Idee dahinter ist, dass Sie sich durch den Verkauf von Krypto-Assets an Investoren vor dem Start Ihres Netzwerks „Evangelisten“ schaffen, die frühe Nutzer und Förderer („promoters“) sind, die Sie sonst nicht hätten, wenn es keinen finanziellen Anreiz gäbe, an Ihrer Community teilzunehmen.

Das Problem mit dieser Denkweise ist, dass sie frühe Investoren mit frühen Nutzern verbindet. Die Schnittmenge zwischen Menschen, die Ihre Kryptoanlage kaufen, und Menschen, die den Dienst, den Sie bauen, tatsächlich nutzen wollen, ist wahrscheinlich sehr, sehr klein, besonders während eines Marktwahnsinns wie diesem. Ja, die Leute kaufen Ihr Krypto-Asset. Aber das liegt daran, dass der „Markt“ aus Menschen besteht, die reich werden wollen, und das „Produkt“, das Sie verkaufen, ist ein Weg, „um reich zu werden“.

Aber „das ist in Ordnung.“

Jeder verdient Geld. Fürs Erste.

Es ist derzeit rational, irrational zu sein.

Solange die blaue Linie weiter nach oben geht.

Erst bei Ebbe entdeckt man, wer nackt geschwommen ist.

Gleichzeitig würde ich nicht gegen Krypto-Assets wetten.

Wer in der Nähe der Kristallkugel lebt, wird zerbrochenes Glas essen.

Bedenken Sie Folgendes. Die gesamte Marktkapitalisierung von Krypto-Assets ist alle paar Jahre um eine Größenordnung gestiegen. Wo werden sie 2022 stehen? Es ist sicher, dass viele (die meisten?) der Krypto-Assets, die heute gestartet werden, es nicht schaffen werden („won’t make it“). Aber das trifft auch auf die meisten derjenigen Krypto-Assets zu, die während der Boomphase in 2013/14 gestartet wurden (seinerzeit wurden sie als „Alt Coins“ bezeichnet). Allerdings blieb ein wichtiger Alt Coin aus dem Jahr 2014 bestehen und trieb den jüngsten Boom zu neuen Höhen, indem er die Plattform für alle anderen war: Ethereum.

Also, Jamie, was ist das Fazit?

Lassen Sie mich zusammenfassen.

  • Kryptowährungen (die ich lieber als Krypto-Assets bezeichne) sind eine neue Anlageform, die dezentrale Anwendungen ermöglicht.
  • Dezentrale Anwendungen ermöglichen Dienste, die wir bereits heute haben, wie z. B. Zahlungen, Bereitstellung von Speicherplatz oder Rechenleistung, aber ohne einen zentralen Betreiber dieser Dienste.
  • Dieses Software-Modell ist nützlich für Menschen, die Resistenz gegen Zensur benötigen – das sind in der Regel entweder Menschen, die keinen Zugang zum Internet haben, oder bewusst nicht auf das Internet zugreifen wollen, um ihre Privatsphäre zu schützen.
  • Die meisten anderen Menschen sind mit normalen Anwendungen besser bedient, weil sie in jeder anderen Dimension zehnmal besser sind, zumindest derzeit.
  • Die Akzeptanz oder Ablehnung neuer Technologien durch die Gesellschaft ist schwer vorherzusagen (denken Sie an verschlüsselte Nachrichtenübermittlung).
  • Langfristig steigt und fällt der Wert eines Krypto-Assets proportional zur Nutzung der dezentralen Anwendung, die es ermöglicht.
  • Kurzfristig wird es eine extreme Volatilität geben, da FOMO („Fear of missing out“) mit FUD („Fear, uncertainty, and doubt“) konkurriert, Verwirrung konkurriert mit Verständnis und Gier mit Angst (sowohl auf der Käufer- als auch auf der Anbieterseite).
  • Die meisten Leute, die sich in Krypto-Assets einkaufen, haben ihr Urteilsvermögen an der Tür abgegeben.
  • Viele Verkäufer neuer Krypto-Assets bauen nicht wirklich dezentrale Anwendungen auf, sondern sind stattdessen aufgrund des Marktwahnsinns dazu bereit, ein Initial Coin Offering (ICO) als Vehikel zu nutzten; das bedeutet nicht, dass dezentrale Anwendungen per se schlecht sind, sondern nur, dass es Menschen gibt, die sich die Verwirrung zunutze machen und wahrscheinlich selbst verwirrt sind.
  • Wetten Sie nicht längerfristig gegen Krypto-Assets: Wenn wir uns dem 10-jährigen Jubiläum des Bitcoin-Papiers nähern, ist klar, dass Kryto-Assets bleiben werden („that they aren’t going anywhere“) und dass dezentrale Anwendungen neben all den anderen Organisationsformen, die wir inzwischen als selbstverständlich betrachten, durchaus einen wichtigen Platz finden können.

Beste Grüße,

Adam

P.S.: Sie haben vielleicht bemerkt, dass ich in dieser Notiz nicht das Wort „Blockchain“ verwendet habe. Das Wort führt tendenziell zu mehr Verwirrung, als zu zu mehr Verständnis.

P.P.S.: Es gibt noch einen anderen, verwandten Markt, über den ich nicht gesprochen habe: kryptographische Bücher für das Unternehmen. Meine Sichtweise dazu finden Sie hier.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s