Am 30. Juni 2021 sagte Peter Van Valkenburgh, Forschungsdirektor des Coin Center, vor dem Ausschuss für Finanzdienstleistungen des US-Repräsentantenhauses, Unterausschuss für Aufsicht und Untersuchungen, aus. Unter der Überschrift „America on „FIRE“: Will the Crypto Frenzy Lead to Financial Independence and Early Retirement or Financial Ruin?“ lieferte er eine sehr gute Erläuterung zur Frage, was Bitcoin ist – und was es nicht ist – und warum wir keine zusätzlichen staatlichen Regulierungen von Kryptowährungen benötigen.

Das Video wurde mehrfach veröffentlicht, z. B. auf Twitter von Tansu Yeğen in diesem Tweet vom 21. Juli 2022: https://twitter.com/TansuYegen/status/1550220551033069574.

Eine Abschrift mit Referenzen und Informationsquellen wurde durch das US-Repräsentantenhaus hier veröffentlicht: https://financialservices.house.gov/uploadedfiles/hhrg-117-ba09-wstate-vanvalkenburghp-20210630.pdf.

Ich habe Peter Van Valkenburghs Aussage in Deutsche übersetzt. Am Ende dieses Blogs finden Sie einige Linke zu meinen eigenen Veröffentlichungen zum Thema Bitcoin, Blockchain und Krypto-Assets.

BEGINN DER AUSSAGE

„Ich danke Ihnen für die Einladung, heute mit Ihnen zu sprechen. Mein Name ist Peter Van Valkenburgh. Ich bin Forschungsdirektor beim Coin Center, einer unabhängigen gemeinnützigen Organisation, die sich auf die öffentliche Politik im Bereich der Kryptowährungen konzentriert.

Das Bitcoin-Netzwerk verarbeitet Transaktionen schon länger als Uber Fahrten anbietet. Bitcoin und andere Kryptowährungen haben in den letzten 10 Jahren 3,1 Milliarden Transaktionen ermöglicht und einen Wert von über 2 Billionen Dollar gesichert.

Wenn Kryptowährungen bis zum heutigen Tag unreguliert wären, wäre das nicht ein unglaubliches Versagen unseres Regulierungssystems? Wie ich noch erläutern werde, handelt es sich nicht um ein Versagen, da Kryptowährungen in den letzten 10 Jahren reguliert worden sind. Ein Teil dieser Regulierung ergibt sich aus der Technologie selbst: Die Knappheit von Bitcoin, ein Gesamtangebot von nur 21 Millionen Stück, wird weder durch den guten Willen und die Ehrlichkeit der Teilnehmer noch durch die Aufsicht eines Unternehmensvorstands noch durch ein Gesetz oder eine Verordnung geschützt. Er wird durch eine transparente, Peer-to-Peer-Buchhaltungstechnologie – eine öffentliche Blockchain – gesichert, die sicherstellt, dass Betrug trivial billig zu entdecken und absurd teuer zu begehen ist.

Aber auch die Bundes- und Landesregierungen (in den USA) haben viele Vorschriften erlassen. Die On- und Off-Ramps, die Orte, an denen Menschen Bitcoins gegen Dollar kaufen und verkaufen und sie sicher aufbewahren, sind stark reguliert. Es handelt sich um staatlich zugelassene Geldübermittler oder um staatlich anerkannte Banken oder Treuhandgesellschaften. Bevor sie Amerikanern Dienstleistungen anbieten können, müssen sie ein Mindestkapital nachweisen, Anleihen hinterlegen und ihre Türen für jährliche Prüfungen öffnen. Außerdem werden sie als Finanzinstitute im Sinne des Bank Secrecy Act eingestuft: Sie müssen sich beim FinCEN registrieren lassen, ihre Kunden kennen und die Einzelheiten verdächtiger Aktivitäten mit den Strafverfolgungsbehörden teilen.

Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum sind Waren („Commodities“), aber viele Krypto-Vermögenswerte erfüllen die flexible Definition eines „Anlagevertrags“, einer Art von Wertpapier („Security“), was bedeutet, dass ihre Ausgabe und ihr Handel von der SEC reguliert werden. Kryptowährungsderivate werden von der CFTC reguliert. Schließlich haftet jeder, der einen Kryptowährungsdienst oder ein Tool vermarktet, das irreführend beworben wird oder betrügerisch ist, nach verschiedenen Gesetzen, die von der CFPB, der FTC, der SEC, der CFTC und den Generalstaatsanwälten der Bundesstaaten durchgesetzt werden.

Und die Ergebnisse all dieser Regulierungen sprechen für sich: Im Jahr 2020 waren nur 0,34 % aller Kryptowährungstransaktionen mit einem kriminellen Absender oder Empfänger verbunden. Trotz mehrerer hochkarätiger Hacks von Börsen in Übersee hat keine große amerikanische Börse einen wesentlichen Hack oder Verlust von Kundengeldern erlitten. Betreiber von Geldwäsche-Börsen in Übersee sind verhaftet worden. Der Verkauf von nicht registrierten tokenisierten Wertpapieren wurde von der SEC verfolgt. Und bei kriminellen Ransomware-Ringen wurden die Server beschlagnahmt und die Lösegelder eingezogen.

All dies ist durch die sinnvolle Anwendung bestehender Gesetze auf den Kryptowährungsraum geschehen. Wir brauchen keine neuen Vorschriften. Denn all die genannten Ereignisse geschahen unter Wahrung des grundlegenden Wertes von Kryptowährungen als offene Zugangsplattformen für Finanzdienstleistungen und Innovationen.

Anders als jede andere elektronische Transaktionstechnologie ist ein offenes Blockchain-Netzwerk für Menschen zugänglich, die von Banken und Technologieunternehmen eher ignoriert als bedient werden. Im Gegensatz zu anderen Transaktionsverarbeitungsnetzwerken verfügt ein offenes Blockchain-Netzwerk über öffentliche Standards für Integration und Kompatibilität, so dass jeder, der ein transaktionsorientiertes Unternehmen aufbauen oder eine neue transaktionsabhängige Technologie erfinden möchte, eine Verbindung herstellen und seine neue Idee sofort der Welt anbieten kann.

Mit dem Aufkommen digitaler Zentralbankwährungen aus autoritären Ländern, das mit dem Aufkommen von Bitcoin einhergeht, stehen wir als fortschrittliche, technologische, offene Gesellschaft an einem Entscheidungspunkt. Sind wir bereit, einige Risiken in Kauf zu nehmen, wenn dies bedeutet, dass wir die Hemmnisse für die wirtschaftliche Teilhabe beseitigen können, die die Ungleichheit fördern und die Innovation ersticken? Oder ziehen wir es vor, diese Hindernisse zu verstärken und Alternativen zu verbieten, in der Hoffnung, dass eine mächtige Elite klugerweise entscheidet, wer Zugang zu mächtigen Instrumenten und volatilen Märkten haben soll und wer nicht?

Für jede Transaktion, die wir blockiert sehen wollen, gibt es eine Transaktion, die wir feiern sollten, weil sie unaufhaltsam ist. Ja, es gibt Kriminelle, die Zahlungen über das Bitcoin-Netzwerk tätigen, weil die Banken sie nicht überweisen wollen. Es gibt aber auch Aktivisten für Demokratie in Weißrussland und Demonstranten gegen Polizeigewalt in Nigeria, die Spenden über das Bitcoin-Netzwerk einnehmen, weil die lokalen Banken sie nicht überweisen wollen. Die gemeinnützigen Organisationen BYSOL in Weißrussland und Feminist Coalition in Nigeria haben im vergangenen Jahr Millionen von Dollar an Bitcoin-Spenden gesammelt. Spenden, deren Annahme ihnen von einem korrupten oder anderweitig gefühllosen Bankensektor in ihren jeweiligen Ländern untersagt wurde.

Für jede dezentralisierte App, die versucht, Investoren zu betrügen, gibt es eine andere, die Wege testet, um ein universelles Grundeinkommen auszuzahlen, die Kontrolle der Unternehmen über soziale Netzwerke zu beseitigen oder das Hacking-Risiko zu eliminieren, das mit zentralisierten Identitätslösungen verbunden ist.

In Amerika sind wir nicht immer einer Meinung. Aber egal, was passiert, wir sind tolerant und erwarten, dass jeder die Möglichkeit hat, aufzustehen und für seine Vision des Guten zu kämpfen. Die Kryptoinnovation verkörpert diesen Kampf. Sie ist rau, aber sie hat einige Werte, die über allem stehen: Jeder Knotenpunkt ist gleichberechtigt, niemandes Stimme sollte zensiert werden, und Arbeit statt Privilegien ist das, was im Konsens zählt. Vielen Dank und ich freue mich auf Ihre Fragen.“

ENDE DER AUSSAGE

In meinem Blog „Krypto-Assets – die wichtigsten Fragen und Antworten“ vom 13.01.2018 hatte ich folgende Erläuterung zitiert, die Peter Van Valkenburgs Ausssage hervorragend ergänzt:

BEGIN DES ZITATS

„Jeder, der sich schon einmal mit Kryptowährungen beschäftigt hat, bekam unzählige Male zu hören, dass das ganze Thema Unsinn, Betrug, Hype, oder was auch immer, sei. Viele Menschen sind einfach verwirrt, dass irgendwelche „Zahlen auf dem Computer“ immer wertvoller werden können. Infolgedessen gibt es eine weit verbreitete Vorstellung, dass Kryptowährungen keinen inneren Wert hätten, dass sie durch nichts „abgesichert“ seien und dass ihre Bewertung nichts anderes sei als eine Blase, die irgendwann platzen muss.

Es gibt jedoch einen grundlegenden Fehler in dieser Betrachtungsweise. Sie basiert auf der Annahme, dass Kryptowährungen, um solide zu sein, mit einem materiellen Vermögenswert unterlegt sein müssen. Das ist jedoch nicht korrekt. Traditionelle Währungen wie der US-Dollar, der Euro oder das britische Pfund sind nicht durch Vermögenswerte gesichert (obwohl dies gerne behauptet wird), sondern durch Regierungen, d. h. durch eine soziale Struktur. Modernes Geld ist eine Institution, es ist ein Regelwerk, das von der Gesellschaft (ähnlich wie Armee, Polizei oder Steuern) aufgestellt und gepflegt wird, und genau so sollten auch Kryptowährungen betrachtet werden.

Konventionelles „Fiat“-Geld ist eine staatliche Institution, es bezieht seinen Wert von einer Regierung, die eine Währung per Gesetz als Zahlungsmittel durchsetzt. Kryptowährungen sind zivile Institutionen, die ihren Wert aus einem einvernehmlichen Konsens freiwillig kooperierender Individuen ableiten. Fiat-Geld wird von Regierungen unterstützt, Kryptowährungen von unabhängigen Gemeinschaften. Das ist der grundlegende und wichtige Unterschied. Fiat-Geld ist die Polizei, Kryptowährungen sind die Bürgerwehr. Fiat-Geld ist Steuer, Kryptowährungen sind Spende. Fiat-Geld ist die Armee, Kryptowährungen sind die Miliz.

Wenn also jemand sagt, dass Kryptowährungen keinen inneren Wert haben, bedeutet das nicht wirklich, dass z. B. der Bitcoin nicht durch einen materiellen Vermögenswert, wie Gold, abgesichert ist. Der US-Dollar ist auch nicht (oder nur zu einem kleinen Bruchteil) durch materielle Vermögenswerte, wie Gold, abgesichert. Was diese Menschen entweder bewusst oder unbewusst andeuten wollen, ist, dass unabhängige, freiwillig kooperierende Gemeinschaften nicht die Macht und Legitimität besitzen, ihre eigenen Währungen durchzusetzen (daher ist es Betrug), oder dass die Bindungen, die diese Gemeinschaften zusammenhält, zu schwach für eine nachhaltige Zukunft sind (daher ist es eine Blase).

Was die Kritiker übersehen, ist, dass zivile Institutionen nicht ohne triftige Gründe aus dem Nichts auftauchen. Zum Beispiel vereinigen sich die Menschen auf der Suche nach Gerechtigkeit, wenn die Polizei korrupt ist oder nicht die Sicherheit gewährleistet, die man von ihr in einem Rechtsstaat erwarten kann. Milizen werden gebildet, wenn eine reguläre Armee nicht in der Lage ist, ihre Aufgaben zu erfüllen, und so weiter.

In diesem Sinne wäre der Aufstieg des Bitcoin ohne die globale Finanzkrise von 2008 nicht möglich gewesen, die für jeden sichtbar machte, wie schlecht das globale Finanzsystem gestaltet ist und welche Risiken für das Gemeinwesen von ihm ausgehen. Der anhaltende Erfolg der Kryptowährungen wird durch die Unfähigkeit des Establishments getrieben, das konventionelle Währungssystem zu reformieren, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden

Wenn Sie also das nächste Mal hören, dass Bitcoin eine Blase ist und dass die gesamte Kryptowelt ein Betrug ist, stellen Sie folgende Gegenfrage: Was ist die Alternative? Das schuldenbasierte, wucherische, spekulative, zinsbasierte, ineffektive, veraltete Finanzsystem, das trotz des enormen technologischen Fortschritts, den die Menschheit erreicht hat, nicht in der Lage ist, Frieden und Wohlstand zu schaffen? Tatsächlich ist dieses System so korrupt, dass es Fortschritt sogar als Risiko und nicht als Chance betrachtet.“

ENDE DES ZITATS

Die meisten der folgenden Blogs zum Thema Krypto-Währungen bzw. Krypto-Assets stammen aus 2017/18. Vier bis Fünf Jahre sind ein langer Zeitraum in der dynamischen, innovativen Kryptobranche. Aufgrund ihres grundlegenden Charakters sind die Ausführungen in diesen Blogs nach wie vor korrekt und aktuell. Mit wenigen Ausnahmen sind die anhängenden Blogs auch in englischer Sprache verfügbar:

▶︎ „Wer ist Satoshi Nakamoto, der geheime Bitcoin-Erfinder?“ vom 09.01.2021: https://kubraconsult.blog/2021/01/09/wer-ist-satoshi-nakamoto-der-geheime-bitcoin-erfinder/

▶︎ „Die wichtigsten Fakten und Meilensteine zu Bitcoin und Blockchains“ vom 27.08.2017: https://kubraconsult.blog/2017/08/21/die-wichtigsten-fakten-und-meilensteine-zur-bitcoin-kryptowaehrung/

▶︎ „Krypto Assets – die wichtigsten Fragen und Antworten“ vom 13.01.2018: https://kubraconsult.blog/2018/01/13/krypto-assets-die-wichtigsten-fragen-und-antworten/

▶︎ „Ein Brief an Jamie Dimon – und an alle anderen, die noch immer mit dem Verständnis von Kryptowährungen zu kämpfen haben“ vom 27.11.2017: https://kubraconsult.blog/2017/11/27/ein-brief-an-jamie-dimon-und-an-alle-anderen-die-noch-immer-mit-dem-verstaendnis-von-kryptowaehrungen-zu-kaempfen-haben/

▶︎ „Warum Bitcoin & Co. bei Weitem nicht das größte Problem in unserem globalen Finanzsystem sind“ vom 28.11.2017: https://kubraconsult.blog/2017/11/29/warum-bitcoinco-bei-weitem-nicht-das-groesste-problem-in-unserem-globalen-finanzsystem-sind/

▶︎ „Derivatives as systemic risk for the global economy?“ vom 05.04.2020: https://kubraconsult.blog/2020/04/05/derivatives-as-systemic-risk-for-the-global-economy/ (bislang nur in englischer Sprache verfügbar)

▶︎ „Warum die globale Finanzindustrie reguliert und an die Kette gelegt werden muss“ vom 10.02.2018: https://tivot.blog/2018/02/10/warum-die-globale-finanzindustrie-reguliert-und-in-ketten-gelegt-werden-muss/

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