In meinem Newsfeed taucht ab und zu die folgende Grafik auf, die nach meinen Recherchen von der US-amerikanischen Website HowMuch.net stammt und zeigt, wie viel Geld es auf der Welt gibt und in welchen „Aggregatzuständen“ dieses Geld verfügbar ist – siehe: https://howmuch.net/articles/worlds-money-in-perspective. Nach meinem Verständnis stellen die in diesem Diagramm dargestellten Zahlen den Stand von 2015 dar, d. h. die Zahlen sind veraltet. Wir werden uns jedoch gleich aktuellen Zahlen aus einer anderen Quelle zuwenden.

 

Hinweis: Ich bitte Sie um Nachsicht, wenn ich im Folgenden den Begriff „Geld“ oder „Geldmenge“ synonym zu „Kapital“ verwende, auch wenn dies nicht zu 100% korrekt ist.

Da mir die Zahl von 83,6 Billionen USD für die gesamten Geldmenge auf unserem Planeten, die in der obigen Grafik erwähnt wird, sehr niedrig vorkam, habe ich sie überprüft und bin dabei auf die US-amerikanische Website von „The Money Project“ gestoßen, die sich die Aufgabe gestellt hat, Daten und Fakten rund um’s Geld in eingängiger und einprägsamer Form zu visualisieren.

Auf dieser Website gibt es einen Artikel vom Oktober 2017 unter der Überschrift „All of the World’s Money and Markets in one Visualization“ mit einer Grafik, die einigermaßen verblüffende Daten zur weltweiten Geldmenge enthält (siehe: http://money.visualcapitalist.com/all-of-the-worlds-money-and-markets-in-one-visualization/).

Die Daten in diesem „The Money Project“-Artikel wurden am 26.10.2017 aktualisiert (der ursprüngliche Artikel wurde am 17.12.2015 veröffentlicht) und aus meiner Sicht sind die Dimensionen der „Aggregatzustände“, auf denen Geld oder Kapital über unseren Planeten Erde verteilt ist, überraschend, wenn nicht sogar erschreckend.

Gemäß „The Money Project“ verteilte sich das globale Kapital im Jahr 2017 wie folgt:

  1. Gesamtwert der weltweiten (bereits geförderten) Bestände an Silber im Volumen von 1,0 Milliarde Unzen oder 31.250 Tonnen = 17 Milliarden USD (basierend auf einem Spotpreis von 17 USD/Unze).
  2. Gesamte Marktkapitalisierung sämtlicher Kryptowährungen im Oktober 2017 = 173 Milliarden USD (Anmerkung: Die Marktkapitalisierung sämtlicher Kryptowährungen in der Welt verändert sich rapide; sie hat sich von Oktober bis November 2017 fast verdoppelt – die aktuelle Marktkapitalisierung mit einer Aufschlüsselung aller Kryptowährungen kann man unter https://coinmarketcap.com einsehen).
  3. Marktkapitalisierung von Apple als derzeit wertvollstem börsennotiertem Unternehmen der Welt im Jahr 2017 = 807 Mrd. USD (unterwegs in Richtung 1 Billion USD)
  4. Das kombinierte Vermögen der 50 reichsten Menschen der Welt im Jahr 2017 = 1,9 Billionen USD (einschließlich Bill Gates mit 89 Milliarden USD, Jeff Bezos mit 84 Milliarden USD, Warren Buffet mit 81 Milliarden USD)
  5. Bilanzsummen der US-Notenbank (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB) = jeweils ca. 4,5 Billionen USD (Anmerkung: Zwischen 2008 und 2016 wurden die Bilanzsummen der Fed und der EZB durch stark umstrittenen Quantitative Easing-(QE-)Programme aufgebläht, die für den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen verwendet wurden – allein die EZB kaufte zwischen März 2015 und Dezember 2017 Anleihen in einer Größenordnung von 2,75 Billionen USD).
  6. Gesamtwert sämtlicher Münzen und Banknoten auf der Welt = 7,6 Billionen USD
  7. Gesamtwert der globalen (bereits geförderten) Bestände an Gold im Volumen von 5,99 Milliarden Unzen oder 187.200 Tonnen = 7,7 Billionen USD (basierend auf einem Spotpreis von 1.275 USD/Unze).
  8. Gesamtwert der (leicht zugänglichen) „eng gefassten Geldmenge“ („narrow money“) M1 auf der Welt, inklusive Münzen, Banknoten und Guthaben auf Girokonten = 36,8 Billionen USD.
  9. Marktkapitalisierung (Börsenwert) sämtlicher Aktienmärkte auf der Welt = 73 Billionen USD, wovon 38% auf die USA entfallen, 11% auf die Eurozone, 5% auf das Vereinigte Königreich, 10% auf China, 7% auf Japan und 291% auf die übrige Welt (Hinweis: Der Anteil Chinas ist von 2% im Jahr 2015 auf 10% im Jahr 2017 gestiegen, während der Anteil der USA von 52% im Jahr 2015 auf 38% im Jahr 2017 gesunken ist).
  10. Gesamtwert der „breit gefassten Geldmenge“ („broad money“) M3 auf der Welt, einschließlich Münzen, Banknoten, Guthaben auf Girokonten sowie langfristigen Einlagen auf Spar- oder Festgeldkonten = 90,4 Billionen USD (Anmerkung: 8% dieser globalen Geldmenge sind physisch und 92% nicht-physisch).
  11. Gesamtwert der globalen Verschuldung = 215 Billionen USD, was 325% des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht (Anmerkung: 70 Billionen USD der weltweiten Verschuldung, was 33% entspricht, wurden allein im letzten Jahrzehnt aufgebaut), einschließlich 69 Billionen USD Staatsschulden (aktuelle Zahlen zur Staatsverschuldung mit Aufschlüsselung nach Ländern siehe: https://www.nationaldebtclocks.org).
  12. Der geschätzte Gesamtwert aller entwickelten Immobilien in der Welt (einschließlich Wohnimmobilien, Büros, Einzelhandelsflächen, Hotels, Industriegelände, landwirtschaftliche Nutzflächen und andere gewerbliche Nutzungen) = 217 Billionen USD (Anmerkung: 21% des gesamten Immobilienvermögens der Welt befinden sich in Nordamerika – trotz der Tatsache, dass nur 5% der Bevölkerung dort lebt, während Europa 24% des Immobilienvermögens hält, obwohl dort nur 11% der Bevölkerung leben).
  13. Gesamtwert sämtlicher globalen Derivate, das sind Verträge zwischen zwei oder mehr Parteien, die ihren Wert aus der Wertentwicklung eines Vermögenswertes, eines Indexes oder eines sonstigen Objektes ableiten (Beispiele für Derivate sind: Futures-Kontrakte, Terminkontrakte, Optionen, Warrants, Swaps) = 544 Billionen USD bis 1,2 Billiarden USD.

Für diejenigen unter Ihnen, die nicht jeden Tag mit Milliarden, Billionen oder gar Billiarden von US-$ zu tun haben, habe ich hier einen Vergleich, der die schockierende Dimension der Zahlen veranschaulicht: Eine Billion ist eine „Eins“ mit zwölf Nullen und eine Billiarde ist eine „Eins“ mit achtzehn Nullen. Wenn man vier Milliarden 500 USD-Scheine übereinander stapelt (das entspricht dem Gegenwert von 2 Billionen USD) erreicht der Geldstapel die Höhe der Raumstation ISS, die die Erde in ungefähr 400 Kilometern Entfernung über der Erdoberfläche umkreist. Schätzen Sie, wie hoch ein Geldstapel von 544 Billionen bis 1,2 Billionen USD sein würde (kleiner Tipp: Wir landen irgendwo auf halbem Weg von der Erde zum Mond).

„Collateralized Debt Obligations (CDOs)“ und „Credit Default Swaps (CDS)“ sind zwei Derivatetypen, die als Hauptursache der letzten globalen Finanzkrise ab 2008 zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten. Sie wurden von Warren Buffet bereits 2003 aus gutem Grund als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet.

Der Großteil dieser „Wertpapiere“ wird außerhalb von Börsen als so genannte „over-the-counter trades“ (OTC) zwischen privaten Anlegern getätigt. Daher ist das Gesamtsystem des Handels mit Derivaten mit seinen inhärenten Risiken für die Regierungen, Zentralbanken und Regulierungsbehörden völlig intransparent. Die Regulierungsbehörden sind nicht in der Lage, die Werteflüsse und Risiken aus dem Handel mit Derivaten zu monitoren, geschweige denn zu kontrollieren.

Viele Finanzprofis sehen den Handel mit Derivaten als „Nullsummenspiel“ an, da es für jede Wette (und nichts anderes sind Derivate) jeweils einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Ungeachtet dessen birgt das Gesamtsystem allein aufgrund seiner schieren Größe unabsehbare Risiken für das globale Finanzsystem und demzufolge für die Steuerzahler.

Basierend auf dem Durchschnitt zwischen der niedrigsten und höchsten Schätzung für den Gesamtwert der globalen Derivate im Jahr 2017 – d. h. 872 Billionen USD – liegt der Gesamtwert der globalen Derivate fast beim Zehnfachen des Wertes der „breit gefassten Geldmenge“ („broad money“) M3 der Welt (einschließlich Münzen, Banknoten, Guthaben auf Girokonten und langfristige Einlagen auf Spar- oder Festgeldkonten) oder sogar fast beim Zwölffache der Marktkapitalisierung sämtlicher Aktienmärkte auf der Welt.

Leider mussten wir in den vergangenen 45 Jahren viel zu viele unangemessene, unmoralische oder sogar kriminelle Vorfälle mit starkem negativen Einfluss auf die Realwirtschaft erleben, die durch die Finanzindustrie verursacht wurden. In vielen Fällen hatten die Steuerzahler die Rechnung dafür zu bezahlen (wesentliche Beispiele siehe: https://kubraconsult.blog/2017/04/22/warum-die-globale-finanzindustrie-reguliert-und-in-ketten-gelegt-werden-sollte/).

Aus diesem Artikel stammt folgende Schlussfolgerung (ZITAT):

„In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass fast alle wesentlichen Instrumente für kurzfristige Spekulationen oder andere Finanzmanipulationen mit negativen Auswirkungen auf unsere Gesellschaften, erst während der letzten 45 Jahre erfunden, eingeführt oder zumindest missbraucht und pervertiert wurden – als Folge von verhängnisvollen Deregulierungen, die durch die US-Präsidenten Carter, Reagan, George Bush, Clinton and George W. Bush und verschiedene europäische Staatsoberhäupter (z. B. Margret Thatcher, John Major, Tony Blair, Helmut Kohl, Gerhard Schröder) in Kraft gesetzt wurden.

Die Finanzindustrie hat ihren durch die Deregulierungen massiv erweiterten Spielraum genutzt, um Instrumente für kurzfristige Spekulationen und andere Finanzmanipulationen einzuführen, aufzurüsten oder auszuweiten, wie z. B. computergestützten Hochfrequenzhandel, Short Selling, Hedging, Spekulationen mit Rohstoffen oder mit bzw. gegen Währungen basierend auf Long bzw. Short Equity-Modellen, Credit Default Swaps (CDS), Asset Backed Securities (ABS) einschließlich Collateralized Debt Obligations (CDO), steuervermeidende Transaktionen unter Nutzung von Offshore-Centern und so weiter …

All diese aufgelisteten Instrumente sind weder gottgegeben, noch wird das globale Finanzsystem zusammenbrechen, wenn diese Instrumente streng reguliert oder sogar verboten werden. Im Gegenteil: Eine wesentliche Vereinfachung des globalen Finanzsystems und seiner Instrumente in Kombination mit einer Harmonisierung und Vereinfachung unser Steuersysteme hätte einen gesunden und positiven Einfluss auf die Weltwirtschaft. Unsere Weltwirtschaft sollte unter keinen Umständen ein Spielplatz für skrupellose Spieler und Wetter sein. Leute, die spielen und wetten wollen, sollten ihre Triebe im Spielkasino mit ihrem eigenen Geld auf eigenes Risiko befriedigen – und nicht mit der Weltwirtschaft auf Kosten der Steuerzahler.

Die Erfahrungen der letzten 45 Jahre (mit Richard Nixons kolossaler Fehlentscheidung, in 1971 die Goldbindung des US-Dollars an den Goldpreis aufzuheben als Ausgangspunkt) zeigt, dass die Finanzindustrie weder willens, noch in der Lage ist, die vorgenannten Anforderungen auf freiwilliger Basis zu erfüllen. Stattdessen muss die Finanzindustrie durch Regierungen und Regulierungsbehörden (die nicht durch Lobbyisten infiltriert und korrumpiert sind) wirksam in Ketten gelegt werden – und diese Ketten sollten so stark wie möglich sein.

Der britische Journalist und Schriftsteller John Lanchester („The Capital“) sagte 2012: „Das Finanzsystem in seinem gegenwärtigen Zustand stellt eine existenzielle Bedrohung für die westlichen Demokratien dar, die weit über jede terroristische Bedrohung hinausgeht. Keine Demokratie ist jemals durch Terrorismus destabilisiert worden, aber wenn die Geldautomaten aufhören würden, Geld auszugeben, wäre dies ein Ereignis von einer Größenordnung, die die derzeit konstituierten demokratischen Staaten in Gefahr bringen würde, zusammenzubrechen“.

Es ist höchste Zeit für eine Veränderung…““

(ZITAT ENDE)

Ein einfacher Vergleich der Größenordnungen zwischen einer Marktkapitalisierung von 305 Milliarden USD für alle Kryptowährungen (Stand: 28.11.2017), dem Gesamtwert der globalen Verschuldung von 215 Billionen USD (das entspricht 325% des globalen Bruttoinlandsprodukts) und einem geschätzten Wert von 544 Billionen USD bis 1,2 Billionen USD sämtlicher Derivate (Finanzwetten) auf unserem Planeten Erde, sollte jedem verständlich machen, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen bei Weitem nicht das größte Problem in unserem globalen Finanzsystem sind.

In Relation zur Wirtschaftskraft der vier größten Volkswirtschaften wird das Problem noch deutlicher: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA lag in 2016 bei 18,6 Billionen USD, das BIP Chinas bei 11,2 Billionen USD, das BIP Japans bei 4,9 Billionen USD und das BIP Deutschlands bei 3,4 Billionen USD (siehe: https://tradingeconomics.com). Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist definiert als der Gesamtwert aller Güter und Dienstleistungen, die von allen Menschen und Unternehmen eines Landes produziert werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Bürger oder ausländische Unternehmen handelt. Befinden sie sich innerhalb der Landesgrenzen, zählt die Regierung ihre Produktion als Bestandteil des Bruttoinlandsprodukts. 

Das Gute an Bitcoin&Co. ist, dass sie Menschen ermutigen, endlich Ihr Gehirn einzuschalten und das unseriöse Treiben der globalen Finanzindustrie einschließlich der Zentralbanken kritisch zu hinterfragen, z. B. im Hinblick auf die Werthaltigkeit konventionelle FIAT-Währungen nach der Abschaffung der Golddeckung (FIAT-Währung = Währung deren Akzeptanz einzig und allein durch gesetzliche Vorschriften geregelt ist und auf dem Vertrauen der Nutzer basiert), im Hinblick auf die asozialen Anleihenkaufprogramme von Fed und EZB durch Geldmittel aus der Druckerpresse, die zur Umverteilung von Vermögen zugunsten von Reichen und zulasten von Armen führen, im Hinblick auf das ungesunde Maß an privater und vor allem öffentlicher Verschuldung, oder im Hinblick auf die gigantischen Finanzwetten mit Derivaten in einem irrsinnigen Volumen, welches erhebliche Risiken für das globale Finanzsystem birgt.

P.S.:

Eine von Statista im Jahr 2017 zur Verfügung gestellte Grafik (siehe: https://www.statista.com/statistics/272258/percentage-of-shareholders-in-the-total-population-of-selected-countries/) zeigt, dass der Anteil der Aktionäre an der Gesamtbevölkerung der großen Industrieländer zwischen 5,6% in Deutschland und 30% in den Niederlanden schwankt (die USA liegen mit 25,4% dazwischen). Im Vergleich zu diesen Zahlen ist die Zahl der Menschen, die Kryptowährungen besitzen, noch relativ gering: Die Zahl der Blockchain-Wallets ist seit der Einführung des Bitcoin im Jahr 2009 auf ca. 15 Millionen im September 2017 gestiegen (siehe: https://www.statista.com/statistics/647374/worldwide-blockchain-wallet-users/). Besonders im Jahr 2017 ist die Zahl der Blockchain-Wallets rasant gestiegen und erreichte am 28.11.2017 den Wert von ca. 19,250 Millionen – wie diese ergänzende Tabelle von Blockchain.info zeigt (siehe: https://blockchain.info/de/charts/my-wallet-n-users). Da jedoch ein Blockchain-Nutzer in der Regel mehr als ein Blockchain-Wallet hat (aus Sicherheitsgründen) und da es viele inaktive Blockchain-Wallets gibt, dürfte die Zahl der Personen, die Bitcoin besitzen, weltweit höchstwahrscheinlich immer noch deutlich unter 10 Millionen liegen – verglichen mit ca. 82 Millionen US-amerikanischen Aktionären.

Wenn Sie die Grundlagen der Kryptowährungen verstehen möchten, kann ich Ihnen die folgenden beiden Blogs empfehlen:

3 Kommentare zu „Warum Bitcoin&Co. bei Weitem nicht das größte Problem in unserem globalen Finanzsystem sind

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