Am 07.05.2018 sorgte die WDR-Dokumentation „Ungleichland – Wie aus Reichtum Macht wird“ für heftige Diskussionen in sozialen Medien und ein vorübergehendes Rauschen im deutschen Blätterwald. Das Video kann man in der ARD-Mediathek einsehen. Da Videos in den Mediatheken der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland immer nur temporär verfügbar sind, finden Sie auf YouTube eine alternative Quelle.

Grundsätzlich versuchen die Autoren der Dokumentation aus meiner Sicht ein einigermaßen sachlich-neutrales und faktenbasiertes Bild zur Verteilung der Vermögen in Deutschland zu zeichnen – einschließlich der schwierig zu beantwortenden Frage, ob es „gerecht“ ist, wenn sich 33 Milliarden € im Eigentum der reichsten deutschen Familie (Reimann) befinden oder wenn die 45 reichsten Deutschen mit 214 Milliarden € zusammen so viel besitzen, wie die ärmere Hälfte der Bevölkerung in Deutschland, die ja immerhin aus über 40 Millionen Bürgern besteht oder wenn sich fast 60% des Nettohaushaltsvermögens in Deutschland laut einer OECD-Analyse im Eigentum der reichsten 10 Prozent der Deutschen befinden.

Laut dem Global Wealth Data Book der Credit Suisse lag Deutschland im Jahr 2016 bei der Ungleichheit der Vermögensverteilung mit einem so genannten „Gini-Koeffizienten“ von 0,79 auf Platz 117 von 172 untersuchten Ländern (0 = totale Gleichverteilung des Geldes; 1 = ein Haushalt besitzt alles, der Rest nichts). 22 von 28 EU-Mitgliedsstaaten haben eine weniger ungleiche Verteilung des Vermögens, als Deutschland, das sich auf dem Niveau von Togo und Marokko bewegt. Und die Ungleichheit in Deutschland wächst: 2013 lag der Gini-Koeffizient in Deutschland etwa noch bei 0,77. Achtung: Der Gini-Koeffizient für die Einkommensverteilung in Deutschland liegt mit 0,29 in einer deutlich ausgewogeneren Größenordnung.

Die folgende Grafik aus der WDR-Dokumentation illustriert diese Ungleichverteilung der Vermögen in Deutschland für 95% der deutschen Bürger sehr anschaulich und eindrucksvoll anhand eines DIN A 4-Blattes. Wichtiger Hinweis: Die reichsten 5% der Deutschen passen bei dem gewählten Maßstab nicht mehr auf das DIN A 4-Blatt; Familie Reimann schwebt z. B. mit ihren 33 Milliarden € in 6,6 Kilometer Höhe über der x-Achse im Orbit.

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Dass die Vermögen in Deutschland nicht nur überdurchschnittlich ungleich verteilt sind, sondern im Durchschnitt auch noch deutlich niedriger sind, als in den meisten anderen westeuropäischen EU-Staaten, hatte bereits eine Studie der Europäischen Zentralbank in 2013 zutage gefördert:

 

Bei vielen Bürgern dürften solche Erkenntnisse vermutlich auf Unverständnis stoßen bzw. ein Ungerechtigkeitsempfinden erzeugen – häufig gefolgt von reflexartigen Forderungen nach einer „Reichensteuer“ oder der stärkeren Besteuerung von vererbten Vermögen. Solche Forderungen führen wiederum bei den Reichen zu heftiger Gegenwehr, die z. B. mit dem Hinweis pariert werden, dass die reichsten 10 Prozent der Haushalte in Deutschland etwa 60 Prozente der Einkommensteuer zahlen oder dass der Großteil der Vermögen in Unternehmen steckt und dass die Gewinne aus unternehmerischer Tätigkeit zum Großteil dort wieder reinvestiert werden. Davon, so wird seitens der Reichen argumentiert, profitieren indirekt auch Arbeiter und Angestellte und deren Familien, durch Arbeitsplätze und Unternehmenssteuern, was ja grundsätzlich auch stimmt.

Hinweis: Wenn man solche Diskussionen einigermaßen sachlich und zielorientiert führen will, so muss man mindestens zwischen Einkommen und Vermögen differenzieren und beim Vermögen wiederum zwischen Privatvermögen und Betriebsvermögen. Ferner sollte man Realvermögen und Finanzvermögen sauber voneinander trennen (ich komme in Kürze auf diesen Punkt zurück) und auch die Differenzierung zwischen selbst erworbenen und ererbten Vermögen trägt zur Versachlichung ideologisch und emotional geprägter Diskussionen bei.

Denn Diskussionen um Einkommen und Vermögen bzw. deren Verteilung sind in Deutschland stark vermintes Gelände. Gefühlt gibt es kaum ein Land auf der Welt, in dem Sozialneid und Missgunst gegenüber den Privilegierten und Leistungsträgern der Gesellschaft so ausgeprägt sind, wie in Deutschland. Aus diesem Grund vermeiden es Reiche in Deutschland, ihren Reichtum allzu offensichtlich zur Schau zu stellen.

Eine Ausnahme bildet Christoph Gröner, einer der größten deutschen Immobilienentwickler mit einem geschätzten Vermögen von ca. 80 Millionen €, der sich für die eingangs genannte WDR-Dokumentation ein halbes Jahr lang begleiten und filmen ließ. Christoph Gröner hat sich aus kleinbürgerlichen Verhältnissen hochgearbeitet, verfügt über ein entsprechend ausgeprägtes Selbstbewusstsein und äußert im Verlauf der WDR-Dokumentation einige provozierende und aufschlussreiche Bemerkungen, z. B. wenn er sagt: „Wenn Sie ein großes Vermögen haben, können Sie es durch Konsum nicht mehr zerstören. Sie schmeißen das Geld zum Fenster raus und es kommt zur Tür wieder hinein.“ oder „Wir Unternehmer sind mächtiger als die Politik, weil wir unabhängiger sind.“ oder „Wir leben in der geilsten Gesellschaft der Welt. Hier kann jeder werden, was er will.“

Auf einer Rede im Rahmen einer Charity-Gala zugunsten von Kindern in Berlin äußert Christoph Gröner sich wie folgt (Originalzitat): „Wir, die Leute, die Gas geben, die die Zeit und das Geld haben, wir müssen uns einbringen, wir sind der Staat. Wir haben eines der schönsten Länder der Welt, wir haben die besten Möglichkeiten. Lassen Sie uns daran helfen, Chancengleichheit für die Kinder, Chancengerechtigkeit für die Kinder herzustellen“. Während die beiden letzten Sätze eine durchaus honorigen Einstellung zur Gesellschaft (im Sinne des Grundgesetz-Artikels 14, Absatz 2, „Eigentum verpflichtet“) bezeugen, muss der Normalbürger beim ersten Satz „Wir, die Leute, die Gas geben, die die Zeit und das Geld haben, wir müssen uns einbringen, wir sind der Staat.“ unwillkürlich schlucken.

Genau dieser Satz und das ihm zugrunde liegende Selbstverständnis führt uns aus meiner Sicht zum Kernproblem der sehr ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen, nämlich der Konzentration von zu viel Macht und Einfluss in den Händen einiger Weniger und die daraus resultierenden Auswirkungen auf Staat und Demokratie. Diese Machtkonzentration führt nämlich im Umkehrschluss unter anderem zu einer weitreichenden Ohnmacht demokratisch gewählter Volksvertreter – vor allem dann, wenn Reiche diejenigen Möglichkeiten zu ihrem individuellen Vorteil nutzen, die sich ihnen im Zuge einer globalisierten Wirtschaft über Staats-, Länder- und Stadtgrenzen hinweg eröffnen.

Wenn Staaten, Bundesländer oder Städte gegeneinander ausgespielt werden, um möglichst günstige Rahmenbedingungen und Steuersätze für Investitionen, Gewinne oder Vermögen herauszuhandeln, dann mag das aus rechtlicher Sicht noch in Ordnung sein; aus moralischer oder sozialer Sicht darf man es durchaus für grenzwertig halten. Dies gilt insbesondere für Auswüchse, wie den „Double Irish with a Dutch Sandwich„, mit dessen Hilfe große US-amerikanische Unternehmen ihre Steuern auf Gewinne in der Europäischen Union in einen niedrigen einstelligen Prozentbereich drücken oder für die Steuervermeidung und Steuerhinterziehung, die in den vergangenen Jahren vom International Consortium of investigative Journalists unter Begriffen, wie „Panama Papers“ oder „Paradise Papers“ aufgedeckt wurden. Auch bei selbsternannten „Philanthropen“, wie George Soros, der wesentliche Teile seines Vermögen durch spekulative Finanzwetten gegen Währungen (also zulasten von Staaten und deren Bürgern) „erarbeitet“ hat, bleibt in meinem Mund ein fader Beigeschmack, wenn ich lese, dass solche Heuschrecken ihr Herz und Portemonnaie öffnen, um Wohltaten aus ihrer Privatschatulle unter das Volk zu bringen – am besten noch steuersparend über Stiftungen.

Ungeachtet dieser Kritik halte ich den Kapitalismus immer noch für die beste Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung – vor allem, wenn es gelingt, diesen Kapitalismus in die Bahnen einer „sozialen Marktwirtschaft“ zu lenken, die dem Grundsatz „Eigentum verpflichtet“ Rechnung trägt. Menschen haben unterschiedliche Charaktereigenschaften, Talente, Stärken und Schwächen und ich sehe keine andere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die in der Lage wäre, auf Basis unternehmerischer Initiative und einem gesunden Gewinnstreben, nicht nur den Unternehmer selbst, sondern auch die breite Masse der Bürger mit Brot und Arbeit zu versorgen und ihren Wohlstand zu entwickeln.

Die ARD-Dokumentation beschreibt jedoch eine sehr bedenkliche Entwicklung, die dieses Ziel konterkariert. Die folgende Grafik auf Basis von Daten aus dem Buch „Wem gehört die Welt“, das der Journalist Hans-Jürgen Jakobs in 2016 veröffentlich hat, illustriert, dass sich die Relation zwischen Realvermögen und Finanzvermögen zwischen 1970 und 2017 signifikant verschoben hat – und zwar zulasten des Realvermögens:

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Während in 1970 die weltweiten Realvermögen und Finanzvermögen noch ungefähr die gleiche Größenordnung hatten, stand in 2017 einem Realvermögen von 80 Billionen US-Dollar ein Finanzvermögen von gigantischen 300 Billionen US-Dollar gegenüber – das ist eine Relation von 1 zu 3,75.

Diese Entwicklung ist insofern problematisch, da Realkapital und Finanzkapital in der Regel unterschiedliche, ab und zu sogar gegensätzliche, ökonomische Interessen verfolgen. Bei der Veranlagung von Kapital auf Gütermärkten stehen Investition, Innovation, Produktion und Handel im Fokus, während es bei der Veranlagung von Kapital auf Finanzmärkten nicht selten um kurzfristige Spekulation geht. Das Realkapital ist an stabilen Rahmenbedingungen interessiert und muss viel stärker auf einen Interessenausgleich mit Politik und Gesellschaft achten, um gut ausgebildete Arbeitskräfte und eine moderne leistungsfähige Infrastruktur nutzen zu können. Beim Finanzkapital stehen möglichst hohe Renditen im Fokus, die vor allem in instabilen Märkten mit hoher Volatilität oder durch Wetten gegen Währungen oder Rohstoffe zu Lasten der Gesellschaft erzielt werden können.

Die folgenden vier Grafiken aus einer Präsentation von Stephan Schulmeister vom österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung vom 04.05.2017 fassen diese Unterschiede bzw. Gegensätze recht gut zusammen:

 

Ich möchte noch ein weiteres Beispiel anführen, um Ihnen die Dimensionen des globalen Finanzsystems zu veranschaulichen. Die US-amerikanische Website „The Money Project“ hat es sich zum Ziel gesetzt, Daten und Fakten rund um’s Geld in eingängiger und einprägsamer Form zu visualisieren. Auf dieser Website gibt es einen Artikel vom Oktober 2017 unter der Überschrift „All of the World’s Money and Markets in one Visualization“ mit einer Grafik, die veranschaulicht, in welchen „Aggregatzuständen“ das weltweite Kapital verfügbar ist (siehe: http://money.visualcapitalist.com/all-of-the-worlds-money-and-markets-in-one-visualization/). Die Grafik selbst ist zwar sehr gut und eindrucksvoll, gleichzeitig aber so groß, dass ich darauf verzichtet habe, sie in den vorliegenden Blog einzubetten. Folgende wesentliche Fakten möchte ich jedoch hervorheben:

  • Gesamtwert sämtlicher Münzen und Banknoten auf der Welt = 7,6 Billionen US-Dollar.
  • Gesamtwert der globalen (bereits geförderten) Bestände an Gold im Volumen von 5,99 Milliarden Unzen oder 187.200 Tonnen = 7,7 Billionen US-Dollar (basierend auf einem Spotpreis von 1.275 US-Dollar/Unze).
  • Gesamtwert der (leicht zugänglichen) „eng gefassten Geldmenge“ („narrow money“) M1 auf der Welt, inklusive Münzen, Banknoten und Guthaben auf Girokonten = 36,8 Billionen US-Dollar.
  • Marktkapitalisierung (Börsenwert) sämtlicher Aktienmärkte auf der Welt = 73 Billionen US-Dollar, wovon 38% auf die USA entfallen, 11% auf die Eurozone, 5% auf das Vereinigte Königreich, 10% auf China, 7% auf Japan und 29% auf die übrige Welt (Hinweis: Der Anteil Chinas ist von 2% im Jahr 2015 auf 10% im Jahr 2017 gestiegen, während der Anteil der USA von 52% im Jahr 2015 auf 38% im Jahr 2017 gesunken ist).
  • Wirtschaftsleistung, die von den Volkswirtschaften sämtlicher Staaten in Summe pro Jahr erbracht wird = ca. 85 Billionen US-Dollar – der Wertschöpfungsbeitrag der vier größten Volkswirtschaften (USA, China, Japan, Deutschland) liegt bei über 50% (Definition: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst die Produktion von Waren und Dienstleistungen im Inland nach Abzug aller Vorleistungen; es ist in erster Linie ein Produktionsmaß).
  • Gesamtwert der „breit gefassten Geldmenge“ („broad money“) M3 auf der Welt, einschließlich Münzen, Banknoten, Guthaben auf Girokonten sowie langfristigen Einlagen auf Spar- oder Festgeldkonten = 90,4 Billionen US-Dollar (Anmerkung: 8% dieser globalen Geldmenge existieren physisch und 92% nur virtuell als Bits&Bytes in Computern).
  • Gesamtwert der globalen Verschuldung = 215 Billionen US-Dollar, was 325% des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht (Anmerkung: 70 Billionen US-Dollar der weltweiten Verschuldung, was 33% entspricht, wurden allein im letzten Jahrzehnt aufgebaut), einschließlich 69 Billionen US-Dollar Staatsschulden (aktuelle Zahlen zur Staatsverschuldung mit Aufschlüsselung nach Ländern siehe: https://www.nationaldebtclocks.org).
  • Der geschätzte Gesamtwert aller entwickelten Immobilien in der Welt (einschließlich Wohnimmobilien, Büros, Einzelhandelsflächen, Hotels, Industriegelände, landwirtschaftliche Nutzflächen und andere gewerbliche Nutzungen) = 217 Billionen US-Dollar (Anmerkung: 21% des gesamten Immobilienvermögens der Welt befinden sich in Nordamerika – trotz der Tatsache, dass nur 5% der Bevölkerung dort lebt, während Europa 24% des Immobilienvermögens hält, obwohl dort nur 11% der Bevölkerung leben).
  • Gesamtwert sämtlicher globalen Derivate, das sind Verträge zwischen zwei oder mehr Parteien, die ihren Wert aus der Wertentwicklung eines Vermögenswertes, eines Indexes oder eines sonstigen Objektes ableiten (Beispiele für Derivate sind: Futures-Kontrakte, Terminkontrakte, Optionen, Warrants, Swaps) = 544 Billionen US-Dollar bis 1,2 Billiarden US-Dollar.

Für diejenigen unter Ihnen, die nicht jeden Tag mit Milliarden, Billionen oder gar Billiarden von US-Dollar hantieren müssen, habe ich hier einen Vergleich, der die Dimension der Zahlen veranschaulicht: Eine Billion ist eine „Eins“ mit zwölf Nullen und eine Billiarde ist eine „Eins“ mit fünfzehn Nullen. Wenn man vier Milliarden 500 US-Dollar-Scheine übereinander stapelt (das entspricht dem Gegenwert von 2 Billionen US-Dollar) erreicht der Geldstapel die Höhe der Raumstation ISS, die die Erde in ungefähr 400 Kilometern Entfernung über der Erdoberfläche umkreist. Was schätzen Sie, wie hoch ein Geldstapel von 544 Billionen bis 1,2 Billiarden US-Dollar sein würde? Kleiner Tipp: Wir landen irgendwo auf halbem Weg von der Erde zum Mond.

„Collateralized Debt Obligations (CDOs)“ und „Credit Default Swaps (CDS)“ sind zwei Derivatetypen, die als Hauptursache der letzten globalen Finanzkrise ab 2007/2008 zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten. Sie wurden von Warren Buffet bereits 2003 aus gutem Grund als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ bezeichnet.

Der Großteil der Derivate wird außerhalb von Börsen als so genannte „over-the-counter trades“ (OTC) zwischen privaten Anlegern gehandelt. Daher ist das Gesamtsystem des Handels mit Derivaten mit seinen inhärenten Risiken für die Regierungen, Zentralbanken und Regulierungsbehörden weitgehend intransparent. Die Regulierungsbehörden sind nicht in der Lage, die Werteflüsse und Risiken aus dem Handel mit Derivaten zu monitoren, geschweige denn zu kontrollieren.

Viele Finanzprofis sehen den Handel mit Derivaten als „Nullsummenspiel“ an, da es für jede Wette (und nichts anderes sind Derivate) jeweils einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Ungeachtet dessen birgt das Gesamtsystem allein aufgrund seiner schieren Größe unabsehbare Risiken für das globale Finanzsystem und demzufolge für die Steuerzahler.

Basierend auf dem Durchschnitt zwischen der niedrigsten und höchsten Schätzung für den Gesamtwert der globalen Derivate im Jahr 2017 – d. h. 872 Billionen US-Dollar – liegt der Gesamtwert der globalen Derivate beim Zehnfachen der jährlichen globalen Wirtschaftsleistung (BIP), fast beim Zehnfachen des Wertes der „breit gefassten Geldmenge“ („broad money“) M3 der Welt (einschließlich Münzen, Banknoten, Guthaben auf Girokonten und langfristige Einlagen auf Spar- oder Festgeldkonten) oder sogar fast beim Zwölffachen der Marktkapitalisierung sämtlicher Aktienmärkte auf der Welt.

Die schiere Größe und Komplexität des globalen Finanzsystems ist also offensichtlich ein Problem. In 2007/2008 führte dieses Problem dazu, dass Regierungen in den USA und der EU sich gezwungen sahen, „systemrelevante“ Banken und Hypothekenfinanzierer mit Steuergeldern in Höhe von Hunderten von Milliarden US-Dollar oder Euro nach risikoreichen Fehlspekulationen vor dem Untergang zu bewahren, da diese als „too big to fail“ eingestuft wurden (nachträglich stellte sich übrigens heraus, dass fast alle Verantwortlichen für diesen gigantischen Betrug auch „too big to jail“ waren). Die nachfolgende Grafik illustriert die in Europa immer noch spürbaren Folgen der letzten globalen Finanzkrise, deren Ausgangspunkt das Platzen der „Subprime“-Blase in den USA ab 2007/2008 war:

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Der Journalist Hans-Jürgen Jakobs bringt dazu in der Einleitung seines oben bereits erwähnten Buches „Wem gehört die Welt?“ folgendes bemerkenswertes Zitat: „Hinter dem Rücken großer Teile der Bevölkerung und der Öffentlichkeit hat sich so eine Phalanx von Finanzfirmen eine dominante Stellung in der globalisierten Wirtschaft erarbeitet. Sie trifft dort auf das geballte Kapital von Staaten, wie China, von arabischen Fürstentümern und russischen Oligarchen, die ebenfalls in der Wirtschaft expandieren wollen, sowie auf die Milliarden von Pensionsfonds und von großen Familienunternehmer-Dynastien, denen es um neue Produkte und neue Märkte geht, die andererseits aber auch ihr Geld zwecks Vermögensanlage teilweise Spezialisten wie Larry Fink (CEO von Blackrock) überlassen. Dieser über Finanzmärkte gesteuerte Neokapitalismus spiegelt einen geostrategischen Wettbewerb, bei dem Geld den Charakter einer Waffe bekommen hat.“

Und der britische Journalist und Schriftsteller John Lanchester („The Capital“) sagte in 2012: „Das Finanzsystem in seinem gegenwärtigen Zustand stellt eine existenzielle Bedrohung für die westlichen Demokratien dar, die weit über jede terroristische Bedrohung hinausgeht. Keine Demokratie ist jemals durch Terrorismus destabilisiert worden, aber wenn die Geldautomaten aufhören würden, Geld auszugeben, wäre dies ein Ereignis von einer Größenordnung, die die derzeit konstituierten demokratischen Staaten in Gefahr bringen würde, zusammenzubrechen“.

KURZER EXKURS:

Leider musste die Welt in den vergangenen 45 Jahren viel zu viele unangemessene, unmoralische oder sogar kriminelle Vorfälle mit starkem negativen Einfluss auf die Realwirtschaft erleben, die durch die Finanzindustrie verursacht wurden. Und in vielen Fällen hatten die Steuerzahler die Rechnung dafür zu bezahlen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu wissen, dass fast alle wesentlichen Instrumente für kurzfristige Spekulationen oder andere Finanzmanipulationen mit negativen Auswirkungen auf unsere Gesellschaften, erst während der letzten 45 Jahre erfunden, eingeführt oder zumindest missbraucht und pervertiert wurden – als Folge von verhängnisvollen Deregulierungen, die durch die US-Präsidenten Carter, Reagan, George Bush, Clinton and George W. Bush und verschiedene europäische Staatsoberhäupter (z. B. Margret Thatcher, John Major, Tony Blair, Helmut Kohl, Gerhard Schröder) in Kraft gesetzt wurden.

Die Finanzindustrie hat ihren durch die Deregulierungen massiv erweiterten Spielraum genutzt, um Instrumente für kurzfristige Spekulationen und andere Finanzmanipulationen einzuführen, aufzurüsten oder auszuweiten, wie z. B. computergestützten Hochfrequenzhandel, Short Selling, Hedging, Spekulationen mit Rohstoffen oder mit bzw. gegen Währungen basierend auf Long bzw. Short Equity-Modellen, Credit Default Swaps (CDS), Asset Backed Securities (ABS) einschließlich Collateralized Debt Obligations (CDO), steuervermeidende Transaktionen unter Nutzung von Offshore-Centern und so weiter …

All diese aufgelisteten Instrumente sind weder gottgegeben, noch wird das globale Finanzsystem zusammenbrechen, wenn diese Instrumente streng reguliert oder sogar verboten werden. Im Gegenteil: Eine wesentliche Vereinfachung des globalen Finanzsystems und seiner Instrumente in Kombination mit einer Harmonisierung und Vereinfachung unser Steuersysteme hätte einen gesunden und positiven Einfluss auf die Weltwirtschaft. Unsere Weltwirtschaft sollte unter keinen Umständen ein Spielplatz für skrupellose Spieler und Wetter sein. Leute, die spielen und wetten wollen, sollten ihre Triebe im Spielkasino mit ihrem eigenen Geld auf eigenes Risiko befriedigen – und nicht mit der Weltwirtschaft auf Kosten der Steuerzahler.

EXKURS ENDE

Neben der schieren Größe und Komplexität des globalen Finanzsystems besteht ein weiteres Problem – wie weiter oben bereits erwähnt – in der Konzentration von Macht und Einfluss in den Händen einiger weniger Vermögender bzw. Vermögensverwalter.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihren Blick zunächst auf die Entwicklung des von Hedgefonds verwalteten Anlagevolumens lenken. Ein Hedgefonds ist ein Investmentfonds, der wenigen oder gar keinen Anlagerestriktionen unterliegt. Das Geld der Anleger kann nicht nur in Aktien oder Anleihen investiert werden, dem Fondsmanagement stehen auch derivative Finanzinstrumente (Termingeschäfte) zur Verfügung. Auch Leerverkäufe sind möglich. Das Fondsmanagement darf also Wertpapiere auf Termin verkaufen, die es zum Zeitpunkt der Vertragsabschlusses gar nicht besitzt. Außerdem versuchen Hedgefonds über Fremdfinanzierung eine höhere Eigenkapitalrendite zu erwirtschaften (Hebel- oder Leverage-Effekt). Insgesamt gelten sie als Fondstyp, der mit hochspekulativen Anlagetechniken arbeitet.

Wie die nachfolgende STATISTA-Grafik zeigt, ist das weltweit von Hedgefonds verwaltete Vermögen zwischen 1997 und dem 3. Quartal des Jahres 2017 um den Faktor 28,6 gestiegen – von 118 Milliarden US-Dollar in 1997 auf 3.374 Milliarden US-Dollar im 3. Quartal 2017. Dieses gigantische Volumen entspricht fast dem Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland in 2017 in Höhe von 3,652 Billionen US-Dollar – und das ist immerhin die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.

 

Die nachfolgende Grafik, die ebenfalls auf Daten aus dem Buch des Journalisten Hans-Jürgen Jakobs basiert, illustriert, dass die weltweit 12 größten Vermögensverwalter im Jahr 2015 ein gigantisches Vermögen von 24 Billionen US-Dollar verwaltet haben – das war ca. die Hälfte der 47 Billionen US-Dollar, die im gleichen Jahr von den weltweit 200 mächtigsten Vermögensverwaltern, Fondsmanagern, Scheichs, Oligarchen und Familien verwaltet wurden.

Die Herren der Finanzmärkte 2015

 

In 2017/18 ist das vom US-amerikanischen Marktführer Blackrock verwaltete Vermögen übrigens auf 6,3 Billionen US-Dollar angewachsen. Im Vergleich dazu lag das Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland (also der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen, die pro Jahr innerhalb der Grenzen des Landes hergestellt wurden und dem Endverbrauch dienen) in 2017 bei 3,652 Billionen US-Dollar und Deutschland war damit die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Ein sehr lesenswerter Artikel unter dem (für meinen Geschmack etwas zu reißerischen) Titel „Blackrock: Ein Geldkonzern auf dem Weg zur globalen Vorherrschaft“ wurde am 08.05.2018 vom Tagesspiegel veröffentlicht. Darüber hinaus kann ich jedem interessierten Leser nur Matt Taibbis Artikel  „The Great American Bubble Machine“ und „Secrets and Lies of the Bailout“ ans Herz legen, in denen der Einfluss von Goldman Sachs und das Zustandekommen der globalen Finanzkrise in 2007/2008 ausführlich beschrieben werden.

Um einen Einblick in das Investmentbanking und seine Risiken und Folgen zu bekommen, empfehle ich Ihnen drittens ein (leider kostenpflichtiges) Interview mit dem Deutsche Bank-Volkswirt David Folkerts-Landau im Handelsblatt vom 21.05.2018, einen ZEIT-Artikel vom 14.02.2013 unter der Überschrift „Investmentbanker: Das Erbe nach dem Crash“ über den Deutsche Bank-Vorstand Edson Mitchell und einen SPIEGEL-Artikel vom 28.10.2016 in englischer Sprache unter der Überschrift „The Deutsche Bank downfall: How a pillar of German banking lost its way“.

Wie aber wirkt sich diese Konzentration von Macht und Einfluss in Deutschland aus? Dazu zunächst ein paar Daten und Fakten.

Im April 2018 hat das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Ernst&Young eine Studie unter dem Titel „Wem gehört der DAX?“ veröffentlicht, aus der die folgende Grafik stammt:

Großteil der DAX-Aktien in institutionellem Besitz

Wesentliche Ergebnisse dieser Ernst&Young-Studie waren:

  • Mehr als jede zweite Aktie der DAX-Unternehmen (54 Prozent) ist in ausländischer Hand. Im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil ausländischer Investoren gestiegen (um 1,3 Prozentpunkte), im Vergleich zum Jahr 2005 ist das Engagement ausländischer Investoren sogar stark gestiegen (um 12 Prozentpunkte).
  • Mehr als jede vierte Aktie (28 Prozent) ist Anlegern aus dem europäischen Ausland zuzuordnen, gut jede fünfte Aktie (21 Prozent) befindet sich im Besitz von Anlegern aus Nordamerika.
  • Institutionelle Anleger sind besonders stark an den DAX-Konzernen beteiligt. Sie halten durchschnittlich 63 Prozent der Aktien. Strategische Investoren wie Familien oder Unternehmen haben durchschnittlich 12 Prozent in ihrem Besitz. Der Anteil der privaten Investoren liegt rein rechnerisch derzeit bei 11 Prozent, wird allerdings systematisch zu niedrig ausgewiesen, da sich private Anleger in Erhebungen zur Aktionärsstruktur ungleich schwerer identifizieren lassen als institutionelle Investoren. Es ist daher davon auszugehen, dass ein größerer Teil der nicht zuordenbaren Aktien im Besitz von Privataktionären ist.
  • Mehr als acht von zehn Aktien (82 Prozent) eines DAX-Konzerns befanden sich Ende 2017 durchschnittlich im Streubesitz, nur rund 18 Prozent im Festbesitz.

Inländische und vor allem ausländische Vermögensverwalter haben also einen erheblichen Einfluss auf 30 größten Aktiengesellschaften in Deutschland, von deren Entwicklung viele Arbeitsplätze betroffen sind. Da das Hauptinteresse dieser Vermögensverwalter in der Erzielung möglichst hoher Renditen für ihre Auftraggeber liegt, ist es schwer vorstellbar, dass die Vermögensverwalter ihren Einfluss nicht auch nutzen, um auf politischer Ebene möglichst günstige Rahmenbedingungen für die Entwicklung des von ihnen verwalteten Vermögens zu erzielen.

Der Tagesspiegel schreibt dazu in dem o. g. Artikel vom 08.05.2018: „Trotz aller Warnungen wagt aber bisher keine EU-Regierung, das drohende Kartell der Geldverwalter anzugehen. „Es untergräbt die Grundregeln unserer Marktwirtschaft, aber die meisten Politiker fürchten den Einfluss des Riesen und trauen sich nicht einmal kritische Fragen zu stellen“, beobachtete der langjährige FDP-Europa- und heutige Bundestagsabgeordnete Michael Theurer. Wer dafür Erklärungen sucht, trifft auf ein erstaunliches Phänomen: Blackrock ist selbst eine politische Macht. Die Arme der Geldkrake reichen bis in die Regierungen. Das signalisiert schon die Symbolik im Umgang mit Larry Fink. Wenn Fink Europa bereist, wird er empfangen wie ein Staatsgast. Gleich ob in Rom, Paris, Den Haag oder Athen, der Herr über die Billionen hat stets ein Rendezvous mit dem Staatschef persönlich. „In den letzten paar Wochen hatte ich Treffen mit vier Staatschefs“, prahlte Fink im April 2017 beim Wirtschaftssender Bloomberg TV.“

Freilich dürften konkrete Einflussnahmen in der Praxis kaum nachvollziehbar sein. Wobei man durchaus fragen kann, warum z. B. das Einkommensteuerrecht in Deutschland nicht radikal vereinfacht wird, um Steuervermeidung und -hinterziehung zu erschweren – entsprechende Vorschläge liegen seit 2004/2005 auf dem Tisch (Stufentarife von Kirchhof, Merz und Otto Graf Solms). Oder warum man die Steuerpflicht in Deutschland nicht an die Staatsbürgerschaft koppelt, so wie dies andere Staaten einschließlich der USA tun. Oder warum es in der EU, trotz jahrelanger Diskussionen immer noch keine Finanztransaktionssteuer gibt? Oder warum man zulässt, dass US-amerikanische Plattformunternehmen, wie Google, Apple, Facebook oder Amazon, durch Ausnutzung von Steuerschlupflöchern nur zwei Prozent ihrer weltweiten Steuerlast in der EU entrichten, obwohl die Umsätze und Gewinne aus den Geschäften in der EU offensichtlich deutlich höher sind. Oder warum die deutsche Bundesregierung über 20 (!) Jahre gebraucht hat, um die asoziale Mehrfacherstattung von Kapitalertragssteuer im Rahmen so genannter Cum-Ex- und Cum-Cum-Geschäfte zu unterbinden?

In der öffentlichen Diskussion in Deutschland wird die in den letzten Jahren immer offensichtlicher werdende Spaltung der Gesellschaft in „Wutbürger“ und „Gutmenschen“ überwiegend auf die Entscheidungen der Bundesregierung unter Führung von Angela Merkel zum Umgang mit der Flüchtlingskrise in 2015 zurückgeführt. Wenn man etwas genauer hinschaut, hat diese Spaltung jedoch auch handfeste ökonomische Ursachen – unter anderem, da die in Deutschland erwirtschafteten Wohlstandszuwächse über lange Zeiträume, nicht ausgewogen verteilt wurden. Wesentliche Beispiele sind in der nachfolgenden Grafik aufgelistet:

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Aus einem kurzen Docupy-Video vom Mai 2018 stammen die folgenden drei Zitate:

Branco Milanovic (ehemaliger Chefökonom der Weltbank): „Wenn wir uns die Globalisierung in den vergangenen 25 bis 30 Jahren ansehen, dann sehen wir: Es gibt zwei Gruppen von Globalisierungsgewinnern. Die erste Gruppe sind die ohnehin reichen 1% der Welt. Sie werden immer reicher. Besonders interessant: die Mittelschicht in Asien, etwa in Indien und China. Hier ist das Einkommen von 2 Milliarden Menschen stark gewachsen. Sie sind die Globalisierungs-Gewinner. Im Gegensatz zu der unteren Mittelschicht der Industriestaaten in den USA und Europa. Auch in Deutschland stagniert ihr Einkommen. Die Gruppe könnte man als „Verlierer“ bezeichnen – obwohl sie nicht wirklich etwas verloren hat. Aber sie hat auch nicht viel dazu gewonnen durch Globalisierung. Das sind die unteren Mittelschichten in Deutschland, den USA, Japan oder Frankreich. Ihr Einkommen ist den letzten 20 Jahren nicht gewachsen.“

Yascha Mounk (Politikwissenschaftler Harvard University): „Wir haben es geschafft, zwei Milliarden arme Menschen in Indien und China aus der Armut herauszureißen. Das ist eine unglaublich positive Entwicklung. Aber gleichzeitig ist es natürlich wahr, dass die untere Mittelklasse, ob es jetzt in Mannheim oder Michigan ist, nicht besonders viel abgekriegt hat in den letzten 20 Jahren“.

Thomas Piketty (Ökonom, Paris School of Economics): „Konkret heißt das, wenn es Europa nicht gelingt, die Globalisierung mit Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit zu verknüpfen, dann droht langfristig die Gefahr eines Bruchs zwischen Globalisierung und den unteren Bevölkerungsgruppen“.

Die beschriebenen ökonomischen Ursachen erhöhen in der Folge das Risiko für Millionen von Arbeitnehmern in Deutschland, in die Altersarmut abzustürzen, wie die nachfolgende Grafik illustriert. 19,5 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland, deren Bruttolohn unter 2.330 €/Monat liegt, können im Alter nur mit einer gesetzlichen Rente auf dem Grundsicherungsniveau von derzeit 795 € rechnen (das sind ca. 44 % der aktuell ca. 44,16 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland).

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Die Zusammenhänge sind zugegebenermaßen vielschichtig und komplex und stehen nicht ausschließlich unter dem Einfluss des Finanzsystems.

So hat z. B. das fehlkonstruierte Eurosystem zu strukturellen Divergenzen zwischen den „nördlichen“ Hartwährungsländern mit ihren exportorientierten Volkswirtschaften und ihrer „Sparkultur“ einerseits und den „südlichen“ Weichwährungsländern mit ihrer Abhängigkeit von der Binnennachfrage und ihrer „Ausgabenkultur“ andererseits geführt. In diesem fehlkonstruierten Zwangskorsett wirkt sich die einseitige Währungspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) zur „Rettung“ überschuldeter Staaten im Süden der Eurozone mit Nullzinsen seit 2008 und mit Käufen von Staats- und Unternehmensanleihen im Umfang von mehreren Billionen Euro seit 2015 gravierend zulasten von Sparern, Konsumenten und Steuerzahlern in Deutschland aus.

Die Unfähigkeit der Bundesregierung, die Bürger durch spürbare Steuersenkungen zu entlasten, ist ein weiteres Problem – vor allem vor dem Hintergrund eines Anstiegs der jährlichen Steuereinnahmen des Bundes von 190 Milliarden € in 2005 auf 312 Milliarden in 2017 – das ist ein Zuwachs von 122 Milliarden € bzw. 64% pro Jahr – wobei sich der finanzielle Spielraum des Staates nicht nur durch wachsende Steuereinnahmen erhöht, sondern auch durch niedrigere Zinsen, wie die nachfolgende Auflistung zeigt:

In der Gesamtschau ergibt sich folgendes – aus dem Blickwinkel der Bürger – überaus ernüchterndes Bild: Deutsche Arbeitnehmer haben die zweithöchste Steuern und Abgabenlast unter 35 OECD-Staaten hinter den Arbeitnehmern aus Belgien zu schultern – trotz explodierender Steuereinnahmen in Deutschland, die mit 734,5 Milliarden in 2017 um 282,4 Milliarden € höher lagen, als beim Amtsantritt von Angela Merkel in 2005, wo es „nur“ 452,1 Milliarden € waren (+62,5%). Durch die Nullzinspolitik der EZB hat der Staat 240 Milliarden € an Zinsen für die Staatsschulden gespart (von 2008 bis 2016), während den Bürgern per saldo 248 Milliarden € an Zinsen entgangen sind (von 2010 bis 2017: 436 Milliarden € Nachteile bei Guthabenzinsen % 188 Milliarden € Vorteile bei Darlehenszinsen).

2018-05-09_KuBra Consult - Das Desaster des deutschen Staates auf einen Blick

 

Und auch die Unaufrichtigkeit der Bundesregierung im Umgang mit der Ungleichverteilung und Armutsgefährdung von wachsenden Teilen der Bevölkerung (siehe nachfolgende Grafik) hat zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen.

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Wenn Entscheidungen zur Rettung „systemrelevanter“ Banken oder überschuldeter Staaten der Eurozone, die Ausfall- und Haftungsrisiken in Billionenhöhe für den deutschen Steuerzahler nach sich ziehen, unter Zeitdruck ohne angemessene Diskussion durch den Deutschen Bundestag gepeitscht werden, während man bei der Erhöhung der Hartz IV-Regelsätze um 7,00 €/Monat den Eindruck erweckt, als würden die viel geringeren Kosten in dreistelliger Millionenhöhe zum Untergang des Abendlandes führen, dann erzeugt das aus dem Blickwinkel der Wähler (und vor allem der Betroffenen) betrachtet, ein fatales Bild.

Fazit:

Die Diskussionen, die die WDR-Dokumentation „Ungleichland – Wie aus Reichtum Macht wird“ angestoßen hat, sind wichtig. Thomas Fricke schreibt in einer sehr lesenswerten SPIEGEL-Kolumne vom 11.05.2018:

„Wodurch entsteht nun Verbitterung? Ein Erklärungsansatz ist, dass die Bürger ständig gepredigt bekommen haben, dass sie bitte schön Eigenverantwortung übernehmen sollen. Was irre ist, wenn plötzlich via chinesischer Billigkonkurrenz ganze Industrien weggefegt werden. Die kollektive Verbitterung könnte zudem wachsen, weil 40 Prozent der Bevölkerung in den vergangenen Jahren kaum oder keine Einkommenszuwächse verbuchen konnten, während andere ihr Geld auf paradiesischen Inseln mehren lassen oder noch ein paar Milliönchen drauf kriegen, obwohl sie mit Diesel getrickst haben. Kollektive Verbitterung entsteht, wenn, wie vor zehn Jahren, plötzlich Geld für die Rettung von Großbanken da ist, nachdem den Leuten über Jahre gesagt wurde, dass für Renten, Schulen und Medikamente leider nichts mehr übrig ist. Oder wenn plötzlich Gesetze gelten, laut denen – Mantra Eigenverantwortung – selbst Menschen nach einem Jahr ohne neuen Job der Absturz auf Hartz IV droht, die über viele Jahre brav geackert haben und aufgrund der Bankenkrise oder Allgemeinrezession gar nicht so schnell einen neuen Job finden können.“

Diese Analyse trifft den Nagel auf den Kopf und zeigt zudem, dass die die Folgen von Ungleichheit eine Bedrohung für unsere Demokratie darstellen.

Mein Optimismus hält sich jedoch in Grenzen, dass Staat und Wirtschaft ein ernsthaftes Interesse daran haben, die skizzierten Fehlentwicklungen zu korrigieren. Warum auch? Beide profitieren doch davon. Und solange breite Bevölkerungsschichten in Lethargie und Teilnahmslosigkeit verharren und sich entweder nicht an Wahlen beteiligen oder immer wieder die gleichen Parteien wählen, die für das Zustandekommen der beschriebenen Fehlentwicklungen verantwortlich sind, besteht wenig Hoffnung auf einen nachhaltigen Kurswechsel.

Dabei würden wesentliche Inhalte eines solcher Kurswechsels auf der Hand liegen: Massive Investitionen in Bildung und Infrastruktur, die Einrichtung eines „Staatsfonds“, um das wegbrechende gesetzliche Rentenversicherungssystem durch eine zukunftsfähige Komponente zu ergänzen, eine radikale Vereinfachung des Einkommensteuersystems und die digitale Transformation des Landes wären vier konkrete Maßnahmen, über deren Sinnhaftigkeit es eigentlich keine Diskussionen geben dürfte.

Darüber hinaus sind aus meiner Sicht eine grundlegende Reform des Eurosystems als auch effektive Maßnahmen zur Eindämmung der Macht der Finanzindustrie unabdingbar, um kurzfristige Spekulationen ohne Nutzen für die Gesellschaft einzudämmen und langfristige Investitionen mit Nutzen für die Gesellschaft zu fördern. Beide Maßnahmen sind auf nationaler Ebene durch eine deutsche Bundesregierung nicht umsetzbar – im Alleingang schon gar nicht. Ich möchte jedoch betonen, dass diese Forderungen nichts mit Utopie, Sozialismus oder Klassenkampf zu tun haben, sondern dazu dienen, dem Artikel 14, Absatz 2, des Grundgesetzes „Eigentum verpflichtet“ seinen ursprünglichen Sinn zurückzugeben, der durch die neoliberalen „Reformen“ der vergangenen 45 Jahre verloren gegangen ist.

Denn sichere Arbeitsplätze, von denen qualifizierte Arbeitnehmer mit ihren Familien (auch im Zeitalter der Digitalisierung, Automatisierung und Roboterisierung) gut und auskömmlich leben können, sind besser und sozialer, als jegliche Form von Umverteilung.

Ich möchte diesen langen Blog beschließen mit einem Zitat von Gruenert&Whitaker, das da lautet: „Die Kultur einer jeden Organisation wird maßgeblich beeinflusst durch das schlimmste Verhalten, welches die Anführer der Organisation bereit sind, zu tolerieren“.

 

Über Rückmeldungen und Kommentare zu diesem Blog würde ich mich, wie immer, freuen.

P.S.: Den Versuch einer Beschreibung der gravierenden „Sozio-ökonomischen Folgen der Digitalisierung“ finden Sie in meinem gleichnamigen Blog aus dem März 2017: https://kubraconsult.blog/2017/03/14/die-soziooekonomischen-folgen-der-digitalisierung/.

P.P.S.:Ein High-Level-Konzept, welches veranschaulicht, wie die digitale Transformation unseres Landes effektiv organisiert werden kann und welche wesentlichen Inhalte in einer Digitalisierungsstrategie für Deutschland berücksichtigt werden sollten, finden Sie hier: https://kubraconsult.blog/2018/02/17/digitalisierungsstrategie-fuer-deutschland/.

5 Kommentare zu „„Ungleichland“ und seine Folgen

  1. Wie immer hervorragend aufbereitet, umfassend beleuchtet und verständlich erklärt. In der Gesamtsicht jedoch, aus meiner limitierten Sichtweise, für mich zu einseitig dargestellt.
    Dass die Exzesse und massiven Übertreibungen in der Finanzwelt bereits heute schwer problematisch sind, mittelfristig zu großen Problemen führen müssen und mit allen Mitteln eingebremst werden müssen, erscheint mir unstrittig. Dass dieses gewaltige „Dummy-„Vermögen ziemlich sicher aber auch signifikante wohlstandsfördernde Wirkungen in die Realwelt hat, wird hier nicht wirklich beleuchtet.
    Wie würde eine Welt ohne diese Welt aussehen? Das Gesamtniveau würde damit definitiv stark abgesenkt. Wäre dies dann wirklich gerechter, weniger gefährlich und sozial verträglich? Grau ist alle Theorie …

    1. Danke für die Blumen. Es ist richtig, dass ich die „wohlstandsfördernden“ Wirkungen von kurzfristigen Finanzspekulationen in dem Blog nicht erwähnt habe. Zum einen, weil mir dazu keinerlei Daten und Fakten vorliegen. Zum anderen, weil mir systemisch betrachtet, die Vorstellungskraft fehlt, wie man „wohlstandsfördernde“ Finanzwetten von „wohlstandhemmenden“ Finanzwetten trennen soll. Es gibt ein sehr kluges Zitat von Gruenther and Whitaker: „The culture of any organization is shaped by the worst behavior the leader is willing to tolerate“. Finanzwetten sind aus meiner Sicht grundsätzlich fragwürdig. Wenn sie zulasten der Gesellschaft stattfinden, finde ich sie asozial und unmoralisch. Aufgrund des hohen Schadenspotenzials (Finanzkrise 2008 lässt freundlich grüßen) würde ich sie komplett verbieten, auch wenn dies zum Teil negative Auswirkungen haben könnte.

      Der Staat hat die Möglichkeit, durch Gesetze oder Steuern, das Kapital dahin zu lenken, wo es für die Gesellschaft den größten Mehrwert bringt. Schritt 1 ist die radikale Vereinfachung des Steuersystems, um Transparenz zu schaffen und Steuerhinterziehung bzw. -vermeidung zu unterbinden bzw. zu erschweren. Schritt 2 ist die hohe Besteuerung von kurzfristigen Spekulationen (> 80%) und die geringe Besteuerung von langfristigen Investitionen, die möglichst viele angemessen bezahlte Arbeitsplätze schaffen. Hochfrequenzhandel oder Leerverkäufe kann man per Gesetz verbieten. Den Derivatehandel kann man auf Fälle mit nachweislichem realwirtschaftlichem Nutzen beschränken. Das ist für mich die Zielvorstellung.

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