Am 05.01.2021 wurde auf CIO.de ein interessanter Artikel unter dem Titel „IT-Trends von 5G über IoT bis Voice: 12 Technologie-Trends für 2021“ veröffentlicht.

Wenn Sie sich ausschließlich für die Trends bzw. die Technologien interessieren, können Sie an dieser Stelle aufhören, weiterzulesen und sich stattdessen den kompletten Artikel im Original auf CIO.de durchlesen. Sollten Sie an ein paar Denkanstößen zu den Auswirkungen der zwei wesentlichsten in dem Artikel genannt Trends auf unsere Demokratie und Gesellschaft interessiert sein, lesen Sie bitte weiter. Denn ich werde in diesem Blog beleuchten, warum „Technologie-Akzeptanz polarisiert die Gesellschaft“ und „Datenschutzbedenken und Föderalismus blockieren die Digitalisierung“ sehr wichtige und facettenreiche Themen sind, die es verdienen, aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet zu werden.

Die Einleitung dieses CIO.de-Artikels lautet im Originaltext wie folgt – Zitat:

„Aus der zweiten Corona-Welle heraus fühlt sich ein Ausblick auf 2021 eher wie ein Sprung ins Jahr 2030 an. Die IT-Landschaft wird sich ebenso radikal verändern wie unser Umgang mit Technologie. Wer hätte noch vor einem Jahr gedacht, dass selbst Finanzdienstleister von einem Tag auf den anderen Mitarbeiter ins Home-Office schicken?

Mensch und Gesellschaft, Ökonomie und Umwelt sind mehr denn je Treiber von Technologie-Trends. Es lohnt sich daher, einen Bezug zwischen diesen Faktoren herzustellen. In kaum einem Jahr haben sich die äußeren Umstände so radikal gewandelt wie während der Covid-19-Pandemie. Deshalb wird sich auch die Akzeptanz oder Ablehnung bestimmter Technologien so sprunghaft verändern, wie wir es sonst nur binnen fünf oder zehn Jahren erleben. Also: Willkommen im Jahre 2030!

Das Marktforschungs- und Beratungshaus Cloudflight sieht für 2021 die folgenden Trends:

Trend 1: Technologie-Akzeptanz polarisiert die Gesellschaft

Genauso wie politische Meinungen zunehmend auseinandergehen, wird es sich mit der Akzeptanz von digitaler Innovation verhalten. Ein Teil der Gesellschaft wird digitale Dienste im Alltag viel intensiver nutzen, ein anderer Teil wird dies zunehmend ablehnen. Der technologieaffine Teil wird Risiken abwägen und eingehen, während der andere Teil Technologien verteufeln und deren Einsatz möglichst verhindern wird.

Hier entwickeln sich extreme Weltanschauungen, die sich mit Verschwörungstheorien vermischen. So verliert Deutschland gegenüber Nachbarländern wie den Niederlanden kontinuierlich an Kaufkraft für digitale Innovation aus dem eigenen Land. In der Vergangenheit hat man oft mit fertigen Pilotversionen einer Software (MVPs: Minimum Viable Products) für die Akzeptanz von Nutzern geworben. Dies wird im anbrechenden Jahrzehnt schwieriger, wenn es viele mögliche Nutzer kategorisch ablehnen, diese Produkte überhaupt anzuschauen und auszuprobieren.

Unternehmen müssen deshalb in ihrer Zielgruppe nicht nur Business-Cases und Requirements, sondern explizit gesellschaftliche Akzeptanzkriterien vor der Produktentwicklung erforschen. Erstmals wird es Zielgruppen geben, die bewusst keine Autos online kaufen oder bewusst moderne Finanzdienstleister meiden, die die Finanzen ihrer Kunden mithilfe künstlicher Intelligenz optimieren.

Trend 2: Datenschutzbedenken und Föderalismus blockieren die Digitalisierung

Auch wenn eine gesunde Skepsis gegenüber globalen Anbietern angebracht erscheint, ist nicht jeder Cloud-Dienst gleich kriminell, nur weil er aus den USA oder China kommt. Hier gilt es, genau hinzuschauen, Verträge, Sicherheitsmaßnahmen und Zertifizierungen zu verstehen sowie die Geschäftsmodelle der Anbieter zu hinterfragen. Viele Datenschützer tun dies nicht und bremsen die Digitalisierung, indem sie alle globalen Dienste verbieten.

Im Umkehrschluss bedeutet das auch, dass Europa kaum noch Exportchancen für eigene Digitaldienste hat, da 2021 jeder Staat seinen eigenen Datenschutz als den Besten ansieht. Deshalb erreichen auch gute Ansätze wie Gaia-X nicht die nötigen Skaleneffekte, um zu Exportschlagern zu werden.“

Zitat Ende

Ich würde diese Überlegungen gerne um einige Denkanstöße ergänzen, die ich für sehr wichtig halte, um unsere Demokratie zu schützen und um der in den letzten Jahren immer schneller fortschreitenden Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken.

Es ist in Deutschland in bestimmten Kreisen große Mode, die Rückständigkeit des Landes und seiner Wirtschaft in Bezug auf Digitalisierung bzw. Digitale Transformation zu beklagen, wobei die Bedeutung beider Begriffe in der Regel nicht genauer definiert wird. In Deutschland sind Unternehmen wie SAP, Software AG, Siemens oder Bosch bei der industriellen Digitalisierung (Stichwort „Internet of Things“ bzw. Industrie 4.0) durchaus gut aufgestellt, in einigen Bereichen sogar führend. Die Klagenden haben bei ihrer betrübten Diagnose jedoch zumeist US-Unternehmen wie Facebook, Amazon, Netflix, Google, Microsoft, Apple und Nvidia im Hinterkopf, die nicht umsonst mit dem Akronym „FANGMAN“ abgekürzt werden. Denn in den Geschäftsmodellen aller FANGMAN-Unternehmen (sowie ihrer chinesischen Wettbewerber WeChat, Baidu, Tencent oder Alibaba) spielt die Erhebung, Verarbeitung, Analyse und Monetarisierung personenbezogener Nutzerdaten eine entscheidenden Rolle.

Es ist sehr wichtig zu verstehen, dass sich Digitalisierung und digitale Transformation längst nicht in Geschäftsmodellen erschöpfen, bei denen der Nutzer als Objekt betrachtet wird, dessen personenbezogene Daten hemmungslos monetarisiert werden.

Gartner liefert für das Thema Digitalisierung folgende kurze und verständliche Definition: „Digitalization is the use of digital technologies to change a business model and provide new revenue and value-producing opportunities; it is the process of moving to a digital business.“ Es geht bei der Digitalisierung also nicht nur um den Einsatz von Informationstechnologie zum Management von Daten oder zur Unterstützung der Unternehmensprozesse, sondern um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle.

Grundsätzlich kann man zwei Arten von digitalen Geschäftsmodellen unterscheiden (siehe auch folgende Grafik):

  1. Diejenigen, bei denen der Nutzer das Subjekt ist, welches mit Hilfe der Digitalisierung z. B. Wertschöpfungsketten optimieren kann, Geschäftsprozesse automatisieren kann oder Produktdaten zur Verbesserung von Produkt- und Servicequalität analysieren kann.
  2. Und diejenigen, bei denen der Nutzer das Objekt ist, welches selbst überwacht und manipuliert wird und dessen Daten mehr oder weniger hemmungslos monetarisiert werden.

Die zweite Variante der Digitalisierung ist mit den Prinzipien einer freiheitlichen Demokratie nur schwer vereinbar.

Zur Erinnerung: Eine Demokratie zeichnet sich durch folgende wesentliche Errungenschaften aus:

▶︎ freie, gleiche und geheime Wahlen unter Berücksichtigung des Grundprinzips „One man, one vote“

▶︎Meinungs- und Pressefreiheit, die zur politischen Willensbildung unerlässlich ist

▶︎ das Mehrheits- oder Konsensprinzip, welches stark durch die gegenseitige Toleranz und Akzeptanz der Meinungen Andersdenkender beeinflusst wird

▶︎ Minderheitenschutz

▶︎ die Akzeptanz einer politischen Opposition

▶︎ Gewaltenteilung (Legislative, Exekutive, Judikative)

▶︎ Verfassungsmäßigkeit (als Gegensatz zur Willkürherrschaft)

▶︎ sowie Schutz der Grund-, Bürger- und Menschenrechte.

Indem sie ihre Nutzer zu Objekten degradiert, deren Verhalten in Echtzeit kontrolliert und manipuliert und zur Profitmaximierung monetarisiert, fügt die zweite Variante der Digitalisierung freien demokratischen Gesellschaften erheblichen Schaden zu, denn Massenüberwachung, -kontrolle und -manipulation von Konsumenten und Bürgern sind Kennzeichen autoritärer bzw. autokratischer Regime.

Man muss verstehen, dass die Algorithmen von digitalen Plattformen und Social Media-Netzwerken, wie Google, Facebook, Instagram oder Twitter, die Sichtbarkeit von Content im Interesse ihrer Profitmaximierung so steuern, dass möglichst viele Nutzer möglichst viel Zeit auf der Plattform verbringen und dort möglichst viele Interaktionen ausführen, also zum Beispiel Klicks, Likes, Kommentare, Posting oder Teilen von Postings anderer Nutzer.

Dadurch sind die Algorithmen zum einen in der Lage, möglichst viele personenbezogene Daten von den Nutzern abzugreifen und deren individuelle Schwachpunkte und Anfälligkeiten zu erkennen. Zum anderen bietet eine möglichst hohe Verweildauer aus Sicht der Plattform den Vorteil, dass die Nutzer mit möglichst viel Werbung bespielt werden können. Diese Werbung wird durch Personalisierung und Microtargeting gezielt auf die individuellen Schwachstellen und Anfälligkeiten der Nutzer fokussiert. Und die gleichen Algorithmen, mit denen die Sichtbarkeit des Contents gesteuert und Werbung in die Newsfeeds der Nutzer eingesteuert werden, dienen auch zur Verbreitung von menschenverachtendem, asozialen, extremistischen oder demokratiefeindlichen Inhalten.

Mechanismen des Persuasive Computings (z. B. Nudging, Shoving oder Budging), die auf das Unterbewusstsein abzielen, werden von digitalen Plattformen und Social Media-Netzwerken benutzt, um ihre Nutzer wie Laborratten in die richtige Richtung zu dirigieren. Und „richtig“ ist in diesem Fall natürlich nicht das, was gut für unsere Gesellschaft oder Demokratie ist, sondern das, was der Plattform die höchsten Profite beschert.

Um jegliche Fehlinterpretation auszuschließen: Leistungsfähige Suchmaschinen und Social Media-Plattformen sind wunderbare Technologien mit vielen nützlichen Eigenschaften. Nur kann man diese Technologien auch ohne Überwachungskapitalismus durch soziale Verhaltenskontrolle und ohne die Monetarisierung von Nutzerdaten für Werbezwecke finanzieren und bereitstellen. Und genau das sollte die EU fördern, um endlich die angestrebte Datenautonomie zu erlangen. Meine Kritik richtet sich einzig und allein gegen die Geschäftsmodelle von Google und Facebook und nicht gegen die Services.

Ein kurzer Blick in die Geschichte hilft, die Dimension des Problems besser zu verstehen:

Solange es Menschen gibt, toben Konflikte um Macht bzw. Dominanz und Kontrolle. Bei den Urmenschen ging es um die Frage nach dem Rang in der Nahrungskette, der z. B. bei der Verteilung von erlegten Mammuts bestimmte, ob man etwas vom Mammutfilet abbekam oder ob man am zähen Mammutrüssel herumnagen musste. Das war im Zweifel eine Überlebensfrage und hier wurde das „Recht des Stärkeren“ angewendet, um zu klären, wer wen dominiert bzw. kontrolliert und wer damit das Vorrecht erwarb, sich die Filetstücke einzuverleiben. Das Recht des Stärkeren ist noch heute in der Tierwelt das maßgebliche Prinzip zur Bestimmung eines Rudelführers und der Hierarchie innerhalb eines Rudels.

In der Antike wurden Menschen aus den eroberten Provinzen vom „Imperium Romanum“ und anderen Imperien versklavt, um als billige Arbeitskräfte oder Söldner zu dienen, um zur Belustigung des Volkes bei Gladiatorenkämpfen im Sinne von „panem et circensis“ (Brot und Spiele) benutzt zu werden oder einfach nur, um die Familien der Sklaven in den eroberten Provinzen durch Erpressung gefügig zu machen.

Im Mittelalter versuchten adelige Herrscher ihren Untertanen Steuern, Abgaben und Zölle abzupressen, um ihre Burgen, Schlösser und Heere sowie ihren Staatsapparat und ihren Hofstaat zu finanzieren. Dagegen setzten sich die hungernden Bauern in Aufständen immer wieder zur Wehr. Religionen kontrollieren ihre Anhänger durch Gebote und Verhaltensmaßregeln überaus wirksam. Sie sind übrigens die einzigen Organisationen, denen es gelungen ist, den Verzicht auf Sex, Schweinefleisch, Alkohol oder andere weltliche Genüsse des Lebens bei größeren Teilen ihrer Anhänger durchzusetzen. Fridays for Future, Autohasser und Veganer müssten gelb vor Neid werden angesichts der Erfolgsquote der Katholischen Kirche in ihrem Core Business über den langen Zeitraum von ca. 1.700 Jahren.

Spätestens mit der Industrialisierung ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann der Siegeszug des Kapitalismus mit dem von Karl Marx beschriebenen Kampf zwischen „Kapitalisten“ und „Arbeiterklasse“ darum, wer das größere Stück vom Kuchen der Wertschöpfung abbekommt.

In Deutschland hat es die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) bei den Reichstagswahlen zwischen 1928 und 1933, also innerhalb von weniger als 5 Jahren, geschafft, ihre Stimmanteile um den Faktor 17 zu steigern – von 2,6% im Mai 1928 auf 43,9% im März 1933 (Wahlergebnisse der Reichstagswahlen in 05/1928: 2,6%, 09/1930: 18,3%, 06/1932: 37,3%, 11/1932: 33,1%, 03/1933: 43,9%). Diese Entwicklung hat viele verschiedene Ursachen.

Den Nährboden, auf dem die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht ergreifen konnten, bildete eine starke wirtschaftliche und soziale Unzufriedenheit breiter Schichten der Bevölkerung (verstärkt durch die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929) gepaart mit einem Gefühl der Benachteiligung (als Folge der Reparationen und Gebietsabtretungen nach dem verlorenen 1. Weltkrieg). Hinzu kamen überforderte, häufig wechselnde Reichsregierungen, die in einem Parlament bestehend aus einer Vielzahl von Splitterparteien, über lange Zeiträume nicht in der Lage waren, die wirtschaftliche und soziale Situation der breiten Masse der Bürger zu verbessern.

Ein weiterer Grund bestand in einer straff organisierten, skrupellosen, gewaltbereiten Partei mit einem charismatischen „Führer“, der in der Lage war, die richtigen Knöpfe zu drücken, die Massen positiv (mit seiner Vision der Zukunft) und negativ (durch Hetze gegen Minderheiten) zu motivieren/mobilisieren und durch Instrumentalisierung von zeitgeschichtlichen Ereignissen die demokratische Grundordnung außer Kraft zu setzen. Der vierte Einflussfaktor war die Vereinnahmung, Indoktrinierung und Instrumentalisierung von Jugend, Kunst, Kultur, Architektur für politische Zwecke. Der letzte Grund war die gewaltsame Verfolgung, Einschüchterung, Ausschaltung und Internierung politisch Andersdenkender durch ein System von Spitzeln und Denunzianten sowie politischer Schlägertrupps.

Wenn es jedoch eine Lehre aus der Nazi-Herrschaft in Deutschland zwischen 1933 und 1945 gibt, dann ist es diese: Durch ein gut organisiertes System von Überwachung, Verfolgung, Denunziation, Einschüchterung und Gewalt kann eine radikale, ideologisierte, gewaltbereite Minderheit einer gemäßigten, schweigenden, wehrlosen Mehrheit die Kontrolle über ein demokratisches System entziehen. Je besser die Kenntnis über Stärken und Schwächen, Sozialverhalten und zwischenmenschliche Beziehungen der Mehrheit, desto gezielter, effektiver und schneller kann die Minderheit die Kontrolle übernehmen.

NSDAP-Reichspropagandaminister Joseph Goebbels oder der Chef der DDR-Staatssicherheit Erich Mielke wären sicher aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen, wenn sie gesehen hätten, welchem Maß an Kontrollierbarkeit und Manipulierbarkeit sich Bürgern und Konsumenten in den letzten 20 Jahren im Zuge der Digitalisierung freiwillig unterworfen haben – und welche unermesslichen Möglichkeiten zur staatlichen Kontrolle sich daraus ergeben. Chinesen und Russen freuen sich auf jeden Fall und nutzen diese Möglichkeiten gezielt und umfänglich, z. B. durch das „Social Scoring“-Modell, welches China für seine Bürger etabliert, um gesellschaftlich erwünschtes Verhalten zu erzwingen.

Der knappe Ausgang des Brexit-Referendums im Juni 2016 und die ebenso knappe Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten im November 2016 haben gezeigt, dass auch die ältesten Demokratien der Welt nicht vor populistischen Umtrieben gefeit sind und dass es bei knappen Mehrheitsverhältnissen ausreicht, einen vergleichsweise kleinen Anteil an Wählern zu beeinflussen, um grundlegende politische Richtungsveränderungen herbeizuführen.

Dabei ist die Demokratie für mehrere Milliarden Menschen auf unserem Planeten ein unerreichbarer Traum. Der Bertelsmann-Transformationsindex (BTI) untersucht seit 2004 alle zwei Jahre, wie sich Presse- und Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit weltweit entwickeln. Für den aktuellen BTI 2020 erhoben die Experten ökonomische und gesellschaftliche Kennzahlen in 137 Entwicklungs- und Schwellenländern. Staaten, die seit 1989 zur Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gehören oder weniger als eine Million Einwohner haben, werden nicht mitgezählt.

Noch heute im 21. Jahrhundert leben laut Bertelsmann Transformationsindex nur knapp mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung (54 % von 7,8 Milliarden Menschen = 4,2 Milliarden Menschen) in Demokratien (Hinweis: In der folgenden Grafik sind die 34 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in grauer Farbe gekennzeichnet und nicht in die Betrachtung einbezogen, da sie zu den vollwertigen Demokratien gezählt werden. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 3,6 Milliarden Menschen (36 %) in Autokratien mit weniger ausgeprägter Einhaltung demokratischer Prinzipien lebt.

Die Einschätzungen des BTI basieren den Autoren zufolge auf Berichten von 280 Experten, die an Universitäten und Thinktanks in mehr als 120 Ländern ansässig sind. Insgesamt liegt der Anteil der Demokratien demnach bei 54 % – und damit drei Prozentpunkte weniger als noch im Jahr 2010. Allein in den vergangenen vier Jahren erweiterte sich die Zahl der als Autokratie einzustufenden Staaten um Bangladesch, Guatemala, Honduras, Kenia, Mosambik, Nicaragua, Uganda und die Türkei – während Moldawien, die Philippinen und Sambia an der Schwelle zur Autokratie stehen.

Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2020-04/rechtsstaat-demokratie-abbau-studie-bertelsmann

Lassen Sie uns nun kurz einen Blick auf die Finanzkennziffern von Google und Facebook werfen, um zu verstehen, womit diese Unternehmen ihr Geld verdienen.

Die Muttergesellschaft von Google, Alphabet Inc., ist ein amerikanischer multinationaler Mischkonzern mit Hauptsitz in Mountain View, Kalifornien. Es entstand durch eine Umstrukturierung von Google am 02.10.2015 und wurde dadurch zur Muttergesellschaft von Google und mehreren ehemaligen Google-Tochtergesellschaften. Die folgenden Grafiken zeigen die Entwicklung des jährlichen Gesamtumsatzes von Google von 2002 bis 2019 (obere Grafik) und die Werbeeinnahmen von Google (inkl. YouTube), Facebook und Amazon für 2019 (untere Grafik). Quelle: https://spendmenot.com/blog/google-revenue-statistics/.

Der überwiegende Teil der Einnahmen von Google stammt aus der Werbung – jenen lästigen Anzeigen, denen wir alle zu entkommen versuchen. Die Umsatzprognose für den Umsatz aus Werbung und der Gesamtumsatz 2019 von Alphabet, Facebook und Amazon sehen wie folgt aus:
▶︎ Alphabet: 134,81 Mrd. USD von 161,86 Mrd. USD (83 %)
▶︎ Facebook: 69,70 Mrd. USD von 70,70 Mrd. USD (99%)
▶︎ Amazon: 14,10 Mrd. USD von 280,52 Mrd. USD (5%)

Quellen für die genannten Umsätze: Alphabet, Facebook, Amazon

Die Haupteinnahmequellen von Google sind: Werbung, Käufe im Google Play Store, Google Play-Einkäufe (Musik, Filme, etc.), Google Cloud Hardware und der Löwenanteil des Umsatzes stammte im Jahr 2019 mit 83 % aus Werbung.

Auch durch die Analyse der Finanzkennziffern bestätigt sich somit, dass Google und Facebook eigentlich nur riesige Werbemaschinen sind, die so viele persönliche Daten ihrer Nutzer sammeln und monetarisieren wie möglich. Amazon ist ein Sonderfall, da der wesentliche Teil der Umsätze aus dem Online-Handel sowie aus den Amazon-Webservices stammt. Aber auch Amazon degradiert seine Nutzer zu Objekten und nutzt jede Möglichkeit, um ihnen personenbezogene Werbung auf Basis sozialer Verhaltenskontrolle aufzunötigen.

Hinzu kommt, dass Digitalkonzerne wie Facebook, Google und Apple in Europa zwar hohe Umsätze und Gewinne erzielen, aber kaum Steuern zahlen, da sie in den meisten Ländern keine versteuerbaren Firmensitze haben und Weltmeister im Ausnutzen von Steuerschlupflöchern sind. Im zweiten Quartal 2020 konnte Facebook global einen Gewinn in Höhe von rund 5,2 Milliarden US-Dollar ausweisen. Im gleichen Zeitraum lag der Umsatz von Facebook bei mehr als 18 Milliarden US-Dollar. 5,2 Milliarden US-Dollar Gewinn pro Quartal entsprechen ceteris paribus 20,8 Milliarden US-Dollar Gewinn pro Jahr.

2.7 Milliarden Menschen nutzen Facebook und seine Tochtergesellschaften Instagram, WhatsApp oder den Facebook Messenger, 2,1 Milliarden davon jeden Tag. Es gibt 1.56 Milliarden täglich aktive Facebook Nutzer und 2.32 Milliarden aktive Facebook Nutzer insgesamt. In 2019 hat Facebook also 7,70 US-Dollar Gewinn pro Nutzer durch Verkauf der personenbezogenen Daten der User an Werbetreibende gemacht. In Europa hatte Facebook im ersten Quartal 2020 ca. 384 Millionen Nutzer. 384 Millionen Nutzer x 7,70 US-Dollar/Nutzer Gewinn = 2,9568 Milliarden US-Dollar Gewinn – das ist der Mindestbetrag, für den Facebook in der EU Steuern zahlen sollte.

Kommen wir zum Fazit dieses Blogs:

Das Geschäftsmodell digitaler Plattformen und Social Media-Netzwerke besteht in der Kontrolle und Manipulation ihrer Nutzer zur Profitmaximierung durch Monetarisierung von Nutzerdaten. Der größte Teil der Nutzer versteht nicht, welche Risiken und Gefahren dieses Geschäftsmodell für ihre Privatsphäre in sich birgt, zumal der echte „Purpose“ von den digitalen Plattformen nicht offen und ehrlich kommuniziert wird. Aus diesem Grund hat auch das Netflix-Doku-Drama „The Social Dilemma“ für im Jahr 2020 für viel Empörung in Social Media-Netzwerken gesorgt.

Statt ehrlich zu sagen: „Wir wollen so viele Daten wie möglich von Dir abgreifen, um damit so viel Geld wie möglich zu verdienen, indem wird Dich mit Werbung überfluten“ positioniert sich Google als Unternehmen, welches durch leistungsfähige Suchmaschinen den Zugriff auf das Wissen der Welt ermöglicht und organisiert, während Facebook behauptet, es ginge bei ihrem Geschäftsmodell darum, Freunde auf der ganzen Welt miteinander zu vernetzen und die Kommunikation zwischen ihnen zu fördern. Dabei ist die Suche im Internet und die Vernetzung von Menschen nur Mittel zu Zwecke, um personenbezogene Daten von den Nutzern abzugreifen. Man kann das als „hinterfotzig“ bezeichnen, finden Sie nicht?

Überwachungskapitalismus und soziale Verhaltenskontrolle eines beträchtlichen Teils der Weltbevölkerung (Google hat ca. 4,2 Milliarden Nutzer, Facebook ca. 2,7 Milliarden – jeweils in Relation zur Weltbevölkerung von 7,8 Milliarden Menschen), sind mit den Prinzipien freier demokratischer Gesellschaften nicht zu vereinbaren und stellen aufgrund der Manipulation des Nutzerverhaltens eine Gefahr für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt dar. Deshalb müssen diese Geschäftsmodelle, bei denen die Nutzer zu Objekten degradiert werden, anforderungsgerecht reguliert und besteuert werden – und zwar so, dass das demokratiefeindliche Geschäftsmodell unterbunden wird.

Darüber hinaus befeuern digitale Plattformen und Social Media-Netzwerke mit ihrem Geschäftszweck den Konsum, was in Kombination mit einer wachsenden Weltbevölkerung mit zunehmender Wirtschaftskraft, steigendem Wohlstand und dem Dogma der Profitmaximierung dazu führt, dass immer mehr Menschen immer mehr konsumieren und dadurch immer mehr Energie verbrauchen, immer mehr Abfälle erzeugen und immer mehr Luftschadstoffe in die Atmosphäre pusten.

Auch aus Sicht des Klima- und Umweltschutzes wär es daher sinnvoll bzw. notwendig, die Geschäftsmodelle der digitalen Plattformen und Social Media-Netzwerke durch Regulierung und Besteuerung zu korrigieren.

Und da der Homo Digitalicus das Internet und sein Smartphone mittlerweile für jeden Dreck nutzt, führt sein Verhalten früher oder später zu einem unüberschaubaren Wust von mehr oder weniger wichtigen Internet Services bzw. Apps, deren Zugangsdaten organisiert und aktuell gehalten werden müssen – und zwar so, dass unbefugte Dritte nicht darauf zugreifen können.

Mein Blog „Ihr digitaler Fußabdruck und Ihre Sicherheit im Internet“ vom 06.01.2021 vermittelt einen Eindruck vom Umfang unseres digitalen Fußabdrucks und den daraus resultierenden Herausforderungen, die deutlich größer sind, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Die folgende Grafik zeigt eine Auswahl von 35 Kategorien mit Internet Services und Apps, die von technikaffinen Menschen genutzt werden (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Wenn Sie in jeder der genannten 35 Kategorien 2 bis 3 Internet Services oder Apps nutzen, dann kommen Sie auf 70 bis 105 Accounts für die jeweils Nutzerkennungen, Passwörter, E-Mail-Adressen, Sicherheitsfragen und ggf. noch andere vom Provider verlangte Daten verwaltet werden müssen – und zwar so, dass diese nicht für unbefugte Dritte zugänglich sind. Sogenannte Digital Natives, die Internet Services und Smartphone Apps besonders extensiv nutzen, dürften schnell in der Größenordnung von 200 bis 300 Accounts landen.

Abschließend möchte ich noch auf einen weiteren wichtigen Aspekt verweisen, der in meinem Blog „Warum uns Werbung und soziale Medien unglücklich machen“ vom 06.01.2021 erläutert wird. Harvard Business Review hat in 2017 und 2020 zwei sehr lesenswerte Denkanstöße veröffentlicht, in denen es um den Einfluss von Werbung und Social Media auf das menschliche Wohlbefinden geht. Der Blog fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und erläutert die Begriffe der Aufmerksamkeitsökonomie und der Verhaltensökonomie sowie deren Auswirkungen.

Zitat aus dem Blog bzw. einem darin verlinkten Interview aus dem Harvard Business Review vom Januar 2020: „Das Team um Professor Andrew Oswald von der University of Warwick verglich Umfragedaten zur Lebenszufriedenheit von mehr als 900.000 Bürgern in 27 europäischen Staaten aus den Jahren 1980 bis 2011 mit Daten zu den jährlichen Werbeausgaben in diesen Staaten im gleichen Zeitraum. Die Forscher fanden einen inversen Zusammenhang zwischen beiden. Je höher die Werbeausgaben eines Landes in einem Jahr waren, desto unzufriedener waren die Bürger ein oder zwei Jahre später. Ihre Schlussfolgerung: Werbung macht uns unglücklich.“

Eine kluge Freundin hat mir einmal gesagt: Wenn etwas technisch möglich ist, wird sich früher oder später jemand finden, der es nutzt – im Positiven, wie auch im Negativen. Technologie beeinflusst die Wirtschaft und Gesellschaft und umgekehrt. Wenn Technologie machtbewussten Menschen die Chance eröffnet, eine Gesellschaft unter ihre Kontrolle zu bekommen, dann wird sich früher oder später auch jemand finden, der diese Möglichkeit missbraucht. Die Übertragung von Nutzerdaten durch die US-Plattformen an den US-Geheimdienst NSA (National Security Agency), der durch den Whistleblower Edward Snowden in 2013 öffentlich gemacht wurde, ist bereits ein solcher Missbrauch, der im Juli 2020 sogar den Europäischen Gerichtshof (EuGH) veranlasst hat, den „Privacy Shield“ zwischen der EU und den USA für unwirksam zu erklären. Und auch die EU-Kommission und die deutsche Bundesregierung haben endlich das Problem erkannt und streben durch Projekte wie Gaia-X Datenautonomie von den USA und China an.

Auf weitere – ggf. noch schwerwiegendere – Missbrauchsfälle kann ich persönlich gerne verzichten, zumal wir zur Bereitstellung zukunftsweisender technischer Innovationen überhaupt keinen Überwachungskapitalismus und keine soziale Verhaltenskontrolle benötigen. Mir sind Freiheit und die Achtung demokratischer Grundrechte und Werte wichtiger, als die Vorteile des Datenkraken-Kapitalismus amerikanischer und chinesischer Prägung, die mit gravierenden Seiteneffekten behaftet sind. In Bezug auf digitale Geschäftsmodelle, die ihre Nutzer zu Objekten degradieren und im Interesse ihrer eigenen Profitmaximierung in Echtzeit überwachen, kontrollieren und manipulieren sind IT-Trends wie „Technologie-Akzeptanz polarisiert die Gesellschaft“ und „Datenschutzbedenken und Föderalismus blockieren die Digitalisierung“ nicht problematisch, sondern unbedingt notwendig. Deutsche und europäische Unternehmen sollten ihre durchaus beträchtlichen Stärken bei Geschäftsmodellen nutzen und weiterentwickeln, bei denen die Privatsphäre der Nutzer respektiert wird und bei denen Nutzer als Subjekte behandelt werden. Auf diese Art und Weise kann man unbegründeter Technologie-Skepsis am besten den Wind aus den Segeln nehmen.

Ergänzende Lektüre:

  1. „George Orwells 1984 war eine Warnung und keine Bedienungsanleitung“ vom 13.01.2020: https://kubraconsult.blog/2020/01/13/george-orwells-1984-war-eine-warnung-und-keine-bedienungsanleitung/
  2. „Wie war Adolf Hitler möglich?“ vom 10.11.2019: https://kubraconsult.blog/2019/11/10/wie-war-adolf-hitler-moeglich/
  3. „Wie die US-Regierung die US-amerikanische IT-Industrie diskreditiert“ vom 08.03.2017: https://kubraconsult.blog/2017/03/08/wie-die-us-regierung-das-internet-diskreditiert/
  4. „Der Spion in Ihrer Tasche“ vom 25.04.2017: https://kubraconsult.blog/2017/04/25/der-spion-in-ihrer-tasche/
  5. „Digitale Geschäftsmodelle und Plattformökonomie“ vom 06.09.2017: https://kubraconsult.blog/2017/09/06/digitale-geschaeftsmodelle-und-plattformoekonomie/
  6. „Der Einfluss sozialer Medien auf die Spaltung der Gesellschaft“ vom 13.09.201: https://kubraconsult.blog/2018/09/13/der-einfluss-der-informationsgesellschaft-auf-die-spaltung-der-gesellschaft/
  7. „Was wir von „Rezo“ lernen können“ vom 29.05.2019: https://kubraconsult.blog/2019/05/29/was-wir-von-rezo%e2%80%8b-lernen-koennen/
  8. „Digitalisierungsstrategie für Deutschland“ vom 17.02.2018: https://kubraconsult.blog/2018/02/17/digitalisierungsstrategie-fuer-deutschland/
  9. „Reframing Information Security and Data Privacy as Business Enabler“ vom 26.09.2018: https://kubraconsult.blog/2018/09/26/reframing-information-security-and-data-privacy-as-business-enabler/
  10. „Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO) verständlich: Was die neuen Regeln EU-Regeln für die Bürger bedeuten“ vom 04.05.2018: https://kubraconsult.blog/2018/05/04/datenschutz-grundverordnung-dsgvo-verstaendlich-was-die-neuen-eu-regeln-fuer-die-buerger-bedeuten/
  11. „Effective Information Retrieval and valuable Information Sources“ vom 14.09.2019: https://kubraconsult.blog/2019/07/31/effective-information-retrieval-and-valuable-information-sources/
  12. „Die ultimative Leseliste für CxOs“ vom 18.05.2018: https://kubraconsult.blog/2018/05/18/die-ultimative-leseliste-fuer-chief-information-officer/

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